Jungfräuliche Geburt

Neulich versuchte ich meiner kurdischen Deutsch-Schülerin eine Ahnung von Weihnachten zu vermitteln. Sie ist ungefähr ein Jahr hier und spricht ein sehr rudimentäres Deutsch, zu wenig eigentlich. Aber ich finde, man kann doch nicht hier leben, in der Stadt durch das Lichtermeer gehen und keine Ahnung haben, was das alles soll.

Vielleicht hätte ich keine grosse Sache daraus machen sollen. Schliesslich gab sie mir zur Beginn der Lektion eine kleine, in Geschenkpapier verpackte Topfpflanze. Also weiss sie das Elementare: An Weihnachten macht man Geschenke.

Auch die Sache mit der Religion hatten wir schon kurz vor dem Nikolaustag geklärt. Da hatte ich ihr erzählt, dass Sankt Nikolaus ein heiliger Mann aus er Stadt Myra gewesen sei, heute Demre, in der Türkei. Ich dachte, vielleicht interessiere sie das, schliesslich ist sie eine türkische Kurdin. Statt dessen fragte sie mich sofort: „Bist Du Christ?“ Oh Gott. Ich rechnete mit einer heiklen Diskussion mit einer Muslimin. Ich entschied mich für eine einfache Version der Wahrheit: „Eigentlich sind wir katholisch. Aber ich bin nicht religiös.“ Da nickte sie und sagte, sie glaube auch nicht an Gott. Oder nur manchmal, wenn sie die Natur sehe.

„Weihnachten aber“, sagte ich, „Weihnachten feiern hier alle, auch wenn sie nicht Christen sind.“ Ich zeigte ihr ein Bild von einem Weihnachtsbaum. „Weihnachten ist ein Fest des Lichts“, sagte ich. Obwohl sie den Genitiv noch nicht gelernt hat.

Dann zeigte ich ihr ein Bild von einer Weihnachtskrippe. „Wir feiern den Geburtstag von Jesus“, sagte ich. Ich versuchte, ihr die verschiedenen Figuren zu erklären. „Das ist das Kind, Jesus“, sagte ich und zeigte auf das Baby in der Krippe.

„Ja, ich kenne“, sagte sie, „Isa“. Der muslimische Name von Jesus. Dann zeigte ich ihr Maria und Josef. „Maria, die Mutter von Jesus. Josef, der Vater von Jesus.“

Da schaute sie mich etwas befremdet an und gab mir zu verstehen, sie habe nicht gewusst, dass Isa einen Vater habe. Sie hatte natürlich recht. Ich versuchte, ihr die Sache mit der jungfräulichen Geburt zu erklären. Hoffnungslos. Schliesslich sagte ich: „Vater von Isa ist Gott. Aber Josef ist … Josef ist wie ein Vater für Jesus.“

Später erzählte ich Herrn T. davon. Herr T. schaute streng und sagte: „Das hättest Du alles nicht tun sollen. Das grenzt ja an Missionierung.“ Aber ich kann mir nicht helfen. Ich finde einfach, ohne Weihnachtsgeschichte ist Weihnachten nichts.

Klaps auf den Hintern

Bis vor wenigen Tagen fand ich, die #metoo-Debatte gehe mich nichts an. Ich meine, man kann doch in den meisten Fällen einfach „hören Sie bitte auf“ sagen oder davonlaufen. Dachte ich.

Dann hatte ich den Kunden C. aus E. am Telefon. Ich kenne ihn schon lange. Er ist Ü70, vielleicht sogar Ü80 und schwadroniert gerne über Politik. Er ist entschieden gegen Homosexualität und entschieden für den Papst. Ich höre ihm jeweils ein bisschen zu und sage möglichst wenig, schliesslich ist er ein Kunde.

Kunde C: „Und, Frau F., wie halten Sie es denn mit dieser #metoo-Sache? Finden Sie das gut, dass diese Frauen so ein Drama machen?“
Ich: „Ach, Herr C., sie wissen doch, dass ich meine Meinung zu solchen Sachen am Morgen beim Sekretariat abgebe.“
Herr C.: „Aber Frau F., wenn ich jetzt …, also ich meine, … also, das sollte ich Ihnen eigentlich gar nicht sagen, aber … wenn ich jetzt einer Frau einfach einen Klaps auf den Hintern gebe, das kann doch nicht so schlimm sein, oder?“
Ich: „…“

Hinterher sind mir ein halbes Dutzend adäquate Antworten eingefallen, zum Beispiel: „Das hätten Sie jetzt tatsächlich nicht zu mir sagen sollen.“ Oder: „Wie wäre es denn, wenn Sie einem Mann einen Klaps auf den Hintern geben würden?“ Aber im Moment war ich einfach nur platt.

Seither wünsche ich mir, dass gewisse Männer besser auf die Stimme ihres Anstands hören würden. Dass wir in einer Welt leben könnten, in der ein „hören Sie auf damit“ nie schlecht fürs Geschäft ist. Und ich glaube, ich werde bald irgendwo ein Schlagfertigkeitstraining starten.

Vom Wünschen

„Wir müssen darauf vertrauen, dass das Leben uns schenkt, was wir uns zutiefst wünschen“, soll die Reiseschriftstellerin und -Fotografin Ella Maillart einmal gesagt haben.

Ich habe so viele Wünsche gehabt – und so viele sind mir erfüllt worden. Ich will nicht undankbar sein. Aber im Moment weiss ich nicht mehr weiter. Ich fühle mich wunschlos unglücklich. Über allem, was ich tue, schwebt eine Aura der Vergeblichkeit. Am Morgen wache ich auf und habe Angst, seit Monaten, ich weiss nicht wovor.

Vorgestern erfuhren wir in unserem Laden, dass unsere Firma mit einer anderen Firma zusammengeht. Es ist ein Rettungsversuch, die Geschäfte in unserer Branche laufen schlecht, jeder weiss es. Unsere Manager sprechen von dieser Joint Venture wie von einem besonders hübschen Weihnachtsgeschenk, das man ihnen unter das Bäumchen gelegt hat. Wie unsicher unsere Jobs sind, wissen wir nicht.

Es ist, als müssten alle in dieser Zeit immer mit aller Kraft vorwärtsstürzen, um überhaupt mitzuhalten. Nur ich stürze manchmal rückwärts, wortwörtlich, weil der Menière mich niederstreckt. Nicht mehr so oft in letzter Zeit – aber zum Vorwärtsstürzen fehlt mir das Vertrauen in meine Kräfte. Eine Ella Maillart werde ich nicht mehr.

Ihr müsst kein Mitleid mit mir haben und mir keine guten Ratschläge geben. Ich schreibe das hier einfach auf, um es einmal in Worte gefasst zu haben. Vielleicht kann ich dann besser damit umgehen.

Deutschstunden

Damit ihr jetzt nicht denkt, meine Gedanken würden nur um mich selbst und meine Büchergestelle kreisen: In letzter Zeit helfe ich hier und da Geflüchteten in unserer Gegend ein bisschen beim Deutschlernen. Bislang hatte ich zwei Schülerinnen und einen Schüler. Ich tue, was ich kann. Es sind sehr unterschiedliche Leute, und es funktioniert auch unterschiedlich gut.

Aber eins haben sie gemeinsam: Sie kommen zu mir nach Hause. Nun ist die Anreise aus dem Stadtzentrum zum Hause Frogg nicht ganz einfach. Für Busreisende bieten sich drei Anfahrtsrouten, eine komplizierter als die andere. Das kann bei Gastlichkeiten mit Freunden schon mal eine Viertelstunde Konversationsstoff zum Aperitiv hergeben. Und nicht selten begleite ich Gäste auf dem Nachhauseweg die ersten hundert oder zweihundert Meter – damit sie in der Dunkelheit den kürzesten Weg zur richtigen Busstation finden. Ich muss betonen, dass mir das nicht lästig ist. Ich bin ein Fan der Stilkolumnisten Bettina Weber – und die hat irgendwo mal geschrieben, Gastgeber müssten Gästen auf dem Nachhauseweg helfen. Damit sie den letzten Zug nicht verpassen und so. Das finde ich vollkommen in Ordnung.

Aber meine Schüler sind da anders. Auch wenn sie das erste Mal kommen, stehen sie jeweils pünktlich und kommentarlos vor der Tür. Klar, ihre Deutschkenntnisse reichen noch nicht aus, um eine Viertelstunde über die Vorzüge des 19-er Busses gegenüber dem 18-er zu diskutieren. Das scheint ihnen auch alles nicht der Rede wert zu sein. Und wenn ich sie beim Gehen jeweils frage: „Findest Du den Weg?“, dann sagen sie: „Klar, kein Problem.“

Ich weiss nicht viel über sie. Aber wenn ich sie jeweils aus unserem Haus hinaus in den Abend entlasse, dann muss ich an die weiten Wege denken, die sie überhaupt in unsere Stadt geführt haben.

Bücher entsorgen

Ich entrümple gerade mein Büchergestell. Wie man Bücher entsorgt, darüber habe ich 2012 selbstbewusst einen Leitfaden geschrieben (hier nachzulesen). Eine der Regeln von damals: Wenn ich ein Buch gelesen habe und mich nicht mehr an seinen Inhalt erinnern kann, dann muss es weg. Dann hat es keinen bleibenden Wert für mich.

Aber seither sind fünf Jahre ins Land gegangen, und ich bin weichherziger geworden mit meinen Büchern. Weil ich meinem Erinnerungsvermögen weniger traue. Und weil ich reifer, anders geworden bin. Oft wiege ich eines meiner Bücher in der Hand und denke: Vielleicht würde es mir heute mehr bedeuten. So stehe ich vorm Büchergestell und blättere.

Neulich hielt ich den Titel After Henry von Joan Didion in der Hand. Joan Didion ist eine amerikanische Journalistin, die in den letzten Jahren weise und wunderbare Bücher über den Tod geschrieben hat. Aber „After Henry“ stammt aus dem Jahre 1992, ist sehr politisch, daher wohl schwer veraltet – und ich konnte mich an nichts darin erinnern.

„Ich werde es ins Brocki bringen“, denke ich, aber dann schmökere ich doch ein bisschen. Auf der ersten Seite erzählt Didion von den finanziellen Problemen, die sie und ihr Mann in den sechziger Jahren hatten. Sie seien eben „people who live largely by their wits“ gewesen. Leute, die grösstenteils von ihrem Verstand leben – er ein junger Schriftsteller, sie eine junge Journalistin.

Plötzlich erinnere ich mich, wie ich diese Seite damals las, wohl in den USA, kurz vor dem Ende meines Studiums. Ich war gerade beruflich etwas orientierungslos – um es mal milde auszudrücken.

„To live by one’s wits“. Der Ausdruck imponierte mir sofort. Er legt nahe, dass eine schnelle Auffassungsgabe haben muss, wer von seinem Verstand leben will. Das kitzelnde am englischen Wort „wit“: Es ist mit dem deutschen Wort Witz verwandt, das ich in diesem Zusammenhang gerne in seinem alten Sinn „Geist, Esprit, Klugheit“ verstehe.

So möchte ich auch leben, dachte ich. I’d like to live by my wits.

25 Jahre ist das her, und heute kann ich meinem jungen Ich von damals stolz erzählen: Ich schaffte es. Es gelang mir, von meinem Verstand zu leben. Nach einigen Umwegen, aber danach 22 Jahre lang. Bis jetzt. Nicht so grandios wie Joan Didion. Aber wir können nicht alle Joan Didion sein.

Jetzt weiss ich, dass ich das Buch behalten werde. Ich werde es behalten, wie man ein Fotoalbum behält: Damit man sich selber später einmal erzählen kann, wer man gewesen ist – und was man geworden ist.

Äpfel


(Glockenäpfel – früher der ganz normale Apfel für den Frühling, heute eine seltene Sorte. Quelle: Wikipedia)

Ich gehöre ja nicht zu den Leute ständig behaupten, früher sei alles besser gewesen. Aber gestern, am 21. Oktober, sah ich beim Einkaufen im Coop Glockenäpfel. Da ereiferte ich mich ein bisschen. „Früher“, belehrte ich Herrn T., „Früher waren Glockenäpfel Lageräpfel. Sie waren die letzten Äpfel, die in den Handel kamen, meistens erst im Frühling.“ Herr T. ist ein guter Koch, aber solche Dinge sind ihm egal.

Mir nicht. Für mich sind Glockenäpfel etwas ganz Besonderes, die besten Äpfel. Immer wenn ich Glockenäpfel sehe, erinnere ich mich an einen Maitag im Frühling meines Lebens – ich muss wohl gegen 16 gewesen sein, also wohl anno 1981. Ich trieb mich unten am Fluss herum, dort, wo die verlorenen Jugendlichen der Stadt sich trafen – die Landfreaks und die Vorstadtfreaks, die Drogenkonsumenten vom Kiffer bis zum Junky, die jungen Grünen und Linken, die Veloaktivisten und die Wehrtdienstverweigerer.

Es war ein strahlender Tag, und ich war glücklich – ich hatte eine einsame Pubertät hinter mir gelassen und endlich Freunde gefunden, hier unten am Fluss. Als die einen gingen, bevor die anderen kamen, verliess ich kurz meinen Platz an der Quaimauer. Ich war immer hungrig, weil auf Dauerdiät. Ich kaufte am nahen Obststand einen riesigen Glockenapfel und biss hinein. Die Frucht schmeckte, als käme er direkt aus dem Paradies, nicht zu süss, nicht zu sauer und genau richtig im Saft.

Ich verlor an diesem Tag nicht meine Unschuld und wurde von nirgendwo vertrieben. Der Moment wird mir immer als strahlend in Erinnerung bleiben. Immer, wenn ich Glockenäpfel esse, muss ich daran denken. Aber man muss dieses Frühlingsgefühl nicht aufs ganze Jahr ausdehnen, finde ich. Da bin ich Traditionalistin.

Dennoch griff ich nach der Packung Äpfel im Obstgestell. Da entdeckte ich das kleine Label auf der Plastikfolie: Pro Specie rara. Ein Label, unter dem alte, selten gewordene Landwirtschaftsprodukte verkauft werden. Sofort ereiferte ich mich nochmals. Glockenäpfel gehören also nicht mehr einfach zu Alltag. Sie sind selten geworden, werden vielleicht sogar aussterben. Wo geht bloss die Welt hin?

Es gab mir so zu denken, dass ich heute eine kleine Internet-Recherche über diese raren Äpfel anstellte. Tatsächlich spielen sie im Internet-Zeitalter keine marginale Rolle, der Wikipedia-Eintrag ist karg, und auch sonst findet sich wenig Aufschlussreiches. Ausser in einem Beitrag von pro specie rara (hier: Die Organisation vermeldet, dass sie auch bei den raren Apfelsorten wegen des späten Aprilfrosts in diesem Jahr erhebliche Ernteausfälle hinnehmen musste – die Goldparmänen, die Berner Rosen und der Sauergrauech, sie gaben nur 40 Prozent des üblichen Ernteertrages her. Die Lageräpfelsorten, auch die Glockenäpfel hielten den kalten Nächte besser aus. Vielleicht liegen sie deshalb schon in den Gestellen.

Ich frage mich nur: Wenn wir sie jetzt schon essen – was haben wir dann im Frühling? Nun, die Zeiten haben sich geändert. Wir werden wohl nicht hungern müssen.

Lebensbilanz


Johann Wolfgang von Goethe. Der Dichterfürst lässt Frau Frogg über schöpferische Kräfte nachdenken. (Quelle: Wikipedia)

„Ich! Da ich mir alles binn, da ich alles nur durch mich kenne! So ruft ieder, der sich fühlt, und macht grosse Schritte durch dieses Leben, eine Bereitung für den unendlichen Weeg drüben. Freylich ieder nach seinem Maas. Macht der eine mit dem stärcksten Wandertrab sich auf, so hat der andre siebenmeilen Stiefel an, überschreitet ihn, und zwey Schritte des letzten bezeichnen die Tagreise des ersten.“*

Goethe schrieb diese weisen Worte über ungleich verteilte schöpferische Kräfte in einer Rede über Shakespeare. Ich entdecke sie, als ich durch’s Bücher-Brocky stöbere. Sofort lege ich es auf den Stapel Bücher, den ich kaufen werde. Man kann im Bücher-Brocki die konservierte Weisheit der Welt für ein paar Fränkli kaufen. Ich schmökere hier und da und denke: „Und ich? Wie steht es mit mir und meinem Wandertrieb?“ Nicht mehr so gut, stelle ich fest. Mir selbst überlassen, habe ich keine Siebenmeilensteifel, nie gehabt. Mir selber überlassen, neige ich zu träumerischen Spaziergängen oder dazu, mir unerreichbare Ziele zu setzen. Ich komme irgendwie nie recht vom Fleck. Als junges Ding, an der Uni, habe ich mich damit vertröstet, dass ich noch endlos viel Zeit haben werde. Wandertempo bekam ich erst, als ich gegen Ende der zwanziger meinen Lebensunterhalt bestreiten musste. Und jetzt? 52 Jahre bin ich alt und in der komfortablen Lage, (im Moment) keine existenziellen Sorgen zu haben. Jetzt tappe ich wieder durchs Leben, träume, sehe kein rechtes Ziel – oder wenn, dann fehlen mir die richtigen Schuhe, um es zu erreichen. Was soll’s, denke ich und schmökere weiter.

„Hugo Loetscher zieht Bilanz“, lese ich ich im Klappentext einer Autobiografie des grossen Schweizers, „Die Stoffe und Themen seines Lebens und seines Werks entfaltet er zu einer weltumspannenden Autogeographie, der Entwicklungsgeschichte eines globalen Bewusstseins.“** Auch dieses Buch werde ich kaufen. Wenn jemand wie Loetscher Bilanz ziehen kann, dann imponiert mir das. Eigentlich habe ich eine grosse Sehnsucht danach, selber Bilanz ziehen zu dürfen. Man kann nicht so tun, als wäre man mit Siebenmeilenstiefeln unterwegs gewesen, wenn man in Wahrheit höchstens eine oder zwei Steigungen zurückgelegt hat.

Aber dann kaufe ich noch den Roman „Small World“ von Martin Suter, mit dem Klappentext: „Erst sind es Kleinigkeiten. Konrad Lang, Mitte Sechzig, stellt aus Versehen seine Brieftasche in den Kühlschrank. Bald vergisst der den Namen der Frau, die er heiraten will.“*** Konrad Lang hat Alzheimer. Dieses katastrophale Vergessen, es beschäftigt mich im Moment. Weil ich feststelle, dass mein Gedächtnis nachgelassen hat. Nichts Krankhaftes wohl, aber doch ein bisschen beunruhigend.

Sollte ich vielleicht doch Bilanz ziehen, bevor es auch dafür zu spät ist?

*Johann Wolfgang Goethe: „Schriften zur Kunst und Literatur“, 1999, Stuttgart, Reclam Universal-Bibliothek 7710
** Hugo Loetscher: „War meine Zeit meine Zeit“, 2009, Zürich, Dogenes Verlags-AG
*** Martin Suter: „Small World“, 1999, Diogenes Taschenbuch

Spendensammler

Am Anfang der Hertensteinstrasse stehen die Spendensammler der NGOs. Ihr wisst schon: WWF, Amnesty International, pro natura und wie sie alle heissen. Der Platz ist ideal, um Leute anzusprechen: Wer von Osten her in die Altstadt will, muss hier vorbei, und das sind täglich helle Scharen. Ich passiere die Stelle mindestens zweimal wöchentlich.

Am Montag waren die von Amnesty International dort. Ich versuchte, unbeachtet an ihnen vorbeizukommen. Ich meine, nichts gegen Amnesty International, ich finde es heldenhaft was diese Leute tun. Ich spende an sich auch gerne Geld, allerrdings eher an Behindertenorganisationen (das liegt mir nahe) und an das Internationale Rote Kreuz, für die syrischen Flüchtlinge. Ich mag mir im Moment nicht so recht überlegen, ob in meinem Spenden-Etat noch eine Mitgliedschaft bei Amnesty drinliegt. Eben hat es aufgehört zu regnen, ich habe meinen Schirm zugemacht, er tropft mir noch in der Hand.

Aber es gibt kein Entwischen. Ein junger Hipster spricht mich an. Er zeigt auf meinen Regenschirm und labert etwas in seinen blonden Bart. Ich habe keine Chance, ihn zu verstehen. Ich stelle mich vor ihm auf und sage: „Wie bitte? Ich habe Sie leider nicht verstanden, ich bin schwerhörig, und zwar ziemlich.“

Ich erwarte, dass er sich jetzt geduldig wiederholen wird. Aber er sagt nur: „Ok, vielen Dank und schönen Tag noch. Auf Wiedersehen.“ Auch ich wünsche ihm einen schönen Tag und gehe weiter, zuerst erleichtert, dann zunehmend befremdet.

Warum hat er wohl nicht weiter gequatscht? Warum hat er nicht auf Teufel komm raus versucht, mir Geld abzuschwätzen, wie er das bei jedem anderen getan hätte? Weil er selber verblüfft war? Weil er gedacht hat, das sei die dümmste faule Ausrede, die ihm heute vorgekommen sei? Oder denkt er: „Ach so, naja, Schwerhörige sind ja behindert und haben wohl sowieso kein Geld.“?

Beinahe wäre ich umgekehrt, zu ihm zurückgegangen und hätte ihm meine Hörgeräte gezeigt. Ich fühle mich beinahe … naja … diskriminiert.

Hair

Neulich habe ich „Hair“ wieder mal gesehen. Etwas angejahrte Kinofreaks erinnern sich: Das war dieser US-Streifen, der um das Jahr 1980 in die europäischen Kinos kam. Er zelebrierte das Hippie-Leben und die Widerstand gegen den Vietnam-Krieg.


Rebellisch: Treat Williams als Hippie John Berger

Hier geht’s zum Trailer.

Ich muss damals um die 15 oder 16 gewesen sein, und für uns junge Kleinstadtfreaks war der Film ein absolutes Must. Damals war ich ja noch ein schwärmerischer Teenager. Aber auch schon eine junge Frau, die ein gewisses Unbehagen über die herrschenden Verhältnisse spürte.

Als ich ihn jetzt wieder sah, habe ich zuerst mich ein wenig fremdgeschämt für die junge Frau Frogg. Denn im Grunde lebten wir damals schon nicht mehr in der grossen Zeit des Flower Power. Die kommende kulturelle Leitfigur war auch bei uns nicht der Hippie, sondern der Yuppie – ein junger Mensch, für den ein Leben in Freiheit vor allem bedeutet, dass er Geld mit beiden Händen zum Fenster hinauswerfen kann. Wir Kleinstadtfreaks aber träumten immer noch davon, mit Konventionen zu brechen und im Jeansgilet auf den Tischen der Bourgeoisie zu Rockmusik zu tanzen.

Nun gut, für meine männlichen Kollegen hatte die Rebellion immerhin noch einen sehr realen Hintergrund. Für sie galt es, die Fesseln des helvetischen Militarismus abzuwerfen. Es war Kalter Krieg und allgemeine Wehrpflicht – und viele wollten nicht ins Militär. Einfach, weil sie keinen Sinn darin sahen. Sie konnten Identifikationsfiguren gebrauchen – es war damals noch nicht so leicht wegzukommen. Viele mussten ins Gefängnis oder sich für psychisch labil erklären lassen. Was damals noch viel beschämender war als heute.

Als Mädchen bekam ich das nur aus zweiter Hand mit und war froh, fein raus zu sein.

Was mich dann aber wirklich mit der jungen Frau Frogg und den Hippies im Film versöhnte, war ihre anarchische Haltung zum Geld. Meistens haben sie keines, und das ist auch ok so. Gut, meine Filmhelden standen nicht darüber, mal ihre Eltern um grössere Summen anzupumpen oder ein Auto auf nicht ganz legale Weise mitgehen zu lassen. Aber dem Geld nachzujagen, damit zu protzen und es auszugeben, ist nicht ihr primäres Ziel. Eigentlich edel.

Eigentlich wünschte ich mir, der Yuppie hätte den Hippie als kulturelle Leitfigur damals nicht so gänzlich verdrängt.

News vom bedrohten Paradies

Unser Haus gehört einer Organisation mit dem lapidaren Namen Wohnbaugenossenschaft Luzern. Man erwartet von einer Wohnbaugenossenschaft in der Schweiz zahlbare Wohnungen und wenigstens den Ansatz einer sozialen Ader.

Doch uns Mietern schwante Böses, als wir an einem kalten Samstagmorgen anfang September zur Information im nahen Kirchgemeindesaal eintrudelten. Seit mehreren Jahren kursieren Gerüchte: Ein Dutzend würden abgerissen, alle Mieter müssten ausziehen. Auf dem Internet findet man hier schon seit geraumer Zeit die Baupläne der Architekten. Jetzt wollten die Damen und Herren von der Wohnbaugenossenschaft endlich die Katze aus dem Sack lassen.

Beim Eingang sahen wir schon ein Modell der neuen Überbauung. Wir standen davor und lächelten und sagten: „Schön ist es geworden.“ Wir meinten es zynisch. 238 günstige Wohnungen in Stadtnähe werden verschwinden. Unsere Wohnungen.

Aber es war dann doch ganz nicht so schlimm wie befürchtet. Erstens werden die Bauarbeiten frühestens im Sommer 2019 beginnen. Frühestens. Es gibt vorher noch zwei Planauflagen. Zweitens will die Baugenossenschaft gestaffelt vorgehen – nicht alle Häuser verschwinden gleichzeitig. Man hat uns drittens in die Hand versprochen: Wer im Quartier bleiben will, der bekommt eine Wohnung in der neuen Siedlung. Viertens werden diese Wohnungen einigermassen preisgünstig sein. Einigermassen: Eine neue Zweizimmerwohnung wird 1400 Franken monatlich kosten, eine neue Vierzimmerwohnung 2000 Franken. So viel muss man halt heute hinblättern, wenn man in einer neuen Wohnung in der Stadt leben will. Mindestens. Aber immerhin: Die Leute von der Genossenschaft haben sogar versprochen, dass sie, wenn nötig, beim Umzug im Quartier helfen werden.

An jenem Abend habe ich zum ersten Mal seit Wochen wieder ruhig geschlafen.