Fehlerteufel

Mein Vater ist ein liebenswürdiger, beinahe ängstlich konventioneller Mensch. Vielleicht ist er so vorsichtig, weil er die Klippen, an denen ein Mensch zerschellen kann, besser versteht als viele andere.

Neulich hat er eine Geschichte aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erzählt. Damals war er ein junger Postbeamter in einem Städtchen auf dem Land. „Ich hatte dort einen Kollegen, er war ein feiner Mensch Mitte dreissig, verlässlich und freundlich. Er arbeitete tagtäglich am Schalter, nahm Einzahlungen entgegen und zahlte Geld aus, täglich Tausende von Franken. Eines Tages fehlten ihm am Abend 100 Franken in der Kasse.“

„Hat ihm jemand das Geld geklaut?“ fragte Herr T. Er hat keine Ahnung von den Ängsten, die einem Postangestellten den Schlaf rauben.

„Nein“, sagte mein Vater, „Er hatte sich irgendwann im Laufe des Tages verrechnet und wohl jemandem einen Hunderter zu viel ausgezahlt. Er hatte eine Differenz.“ Meine Eltern arbeiteten beide bei der Post. Von Kindsbeinen an habe ich gesehen, welche Unruhe nur schon das Wort „Differenz“ bei einem Postangestellten auslösen kann. Dieses „zu viel“ oder „zu wenig“, das am Abend beim Abrechnen in der Kasse ist. Diese Unruhe ist mehr als Versagensangst. Es ist die Angst davor, dass dass wir mitten in der fröhlichsten Routine ohne es zu merken etwas Schändliches tun. Dass wir gegen unseren Willen dem Geschäft und uns selber schaden. Dass der Fehlerteufel von uns Besitz ergreift.

Klar, shit happens, sagt ihr. Fehler passieren überall. Aber im Berufsleben werden gewisse Fehler streng geahndet. Auf der Post, wenn man sich verrechnet. Bei Journalisten, wenn sie zum Beispiel unter ein Bild von A den Namen von B setzen. Die Kollegen nehmen es mit Furcht und Mitleid zur Kenntnis. Der Chef weiss, dass er auch machtlos gegen den Fehlerteufel ist und wird umso wütender. Er nimmt den fehlbaren Mitarbeiter unter strenge Beochbachtung. Der fehlbare Mitarbeiter nimmt sich selber unter strengste Beobachtung.

„Am nächsten Tag arbeitete mein Kollege wieder am Schalter“, berichtete mein Vater. „Und wieder fehlten ihm am Abend 100 Franken in der Kasse.“ In den Augen meines Vaters flackerte die Unruhe des Kollegen, der nicht mehr wusste, wie ihm geschah. „Er wurde ängstlicher und ängstlicher. Am nächsten Tag hatte er noch einmal eine grössere Differenz. Und wieder und wieder. Keiner wusste, warum. Am Schluss entliess ihn der Chef vom Schalterdienst.“

Man muss wissen, dass die Angestellten der Post damals Beamtenstatus hatten. Man konnte sie also nicht entlassen. Sie wurden versetzt, mussten zum Beispiel Briefe oder Pakete sortieren gehen, was die Kollegen mit Häme oder Mitleid zur Kenntnis nahmen. Ich weiss nicht ob sie dann auch weniger verdienten. Aber die Schande war beträchtlich.


14 Gedanken zu „Fehlerteufel“

      1. Es kommt wohl auch auf den Beruf / die Tätigkeit drauf an, wie verzeihlich Fehler sind. Wenn sich ein Postbeamter verzählt und ihm 100 Franken fehlen, ist so etwas zwar ärgerlich, aber es ist trotzdem nichts Schlimmes passiert. Wenn dagegen ein Schrankenwärter die Schranke mal nicht runtergekurbelt hat – in den 1960er Jahren ging das alles noch per Hand -, dann kann es zu einem tödlichen Unfall kommen.
        Was ich damit sagen will: In manchen Berufen haben „kleine Unachtsamkeiten“ große Auswirkungen. Und dann fragen sich alle, wie so etwas geschehen konnte. Man nennt es „menschliches Versagen“.

        1. Ja, da hast Du wohl recht – wer durch fehlerhaftes Handeln Menschenleben auf sein Gewissen lädt, schläft danach sicher schlechter als ein Bankangestellter, der sich um einen Hunderter verrechnet. Aber solche Fehler können auch belastende Folgen haben: Sie schädigen das Ansehen des Betriebs, bei dem man arbeitet und werden daher oft schwerer geahndet als eigentlich nötig wäre.

  1. Ist bei dir kürzlich auch ein Fehler geahndet worden, frage ich mich… weil ich über die Motivation, uns gerade diese Geschichte zu erzählen, sinniere 😉 Herzliche Grüße von zora

    1. Die Frage nach der Motivation, genau diese Geschichte zu erzählen, ist tatsächlich eine sehr kluge. Es gibt dafür zwei Gründe: Den ersten habe ich oben erklärt, bei der Antwort auf die Frage von Bonanzamargot: Ich war einmal eine Weile lang selber sehr anfällig für solche Fehler. Miese, kleine Tippfehler zur Hauptsache. Nichts, was den höheren Zielen meiner Arbeit schadete, und doch sehr lästige Sachen. Es wurde dann schlimmer, als sich die Fehler häuften, einmal rutschte mir eine wirkliche Fehlinformation durch, das war schlimm. Seither hat mich die Frage immer sehr beschäftigt: Wie kann es passieren, dass wir mit solchen Fehlleistungen uns selber sabotieren? Das kann ja existenzbedrohend werden. Wie gemein ist das denn?

  2. schon seltsam, dass der postler gleich mehrmals hintereinander differenzen in der kasse hatte. ich gehe mal davon aus, dass dies vorher noch nie der fall war.
    normalerweise kennen wir mit der zeit unsere fehlerteufel und wissen, wo wir besonders achtsam sein müssen. kommt ein neuer fehlerteufel hinzu, kommen wir ins grübeln: was hat sich z.b. im ablauf verändert? wurden wir abgelenkt? gab es einen manipulativen eingriff? etc.

    1. In den letzten Tagen habe ich irgendwo einen Hinweis gelesen, dass gehäufte Flüchtigkeitsfehler oft Anzeichen eines Burn-outs sind. Das kann ich aus eigener Anschauung bestätigen. Ich bin einmal haarscharf an einem Burn-out vorbeigeschrammt. Damals führte ich die sorgsamsten Kontrollen ein, die man überhaupt in meinem Job machen kann – und doch passierten mir ständig dumme, kleine Fehler. Das höhere Ziel meiner Arbeit (Menschen über die Geschehnisse in unserer unmittelbaren Nähe zu informieren) war überhaupt nicht tangiert. Die Probleme hörten erst auf, als ich eine Weile Ferien nahm und danach in einer anderen Abteilung unseres Betriebs weiter arbeitete. Das Phänomen dieser dummen, kleinen Fehler hat mich seither immer sehr beschäftigt.

      1. einen burn-out hatte ich sicher in der altenpflege…, aber die fehler, die ich machte, waren mir schon noch bewusst – und das machte es ja so schlimm. ich wusste, dass ich oft nur noch auf reserve lief und ständig fehler machte. da ging es halt nicht um ein paar euro wie beim postler, sondern um menschenleben…
        und das ganze wurde vom system gedeckt, solange man schön duckmäuserisch weiter seine arbeit machte.
        wie gesagt, ich wusste immer genau, was und warum ich etwas falsch machte. aber wie meine kollegen/kolleginnen verschwieg ich es geflissentlich.

        1. Ich glaube, in der Pflege ist das besonders schlimm, gerade jetzt, wo die personellen Ressourcen auch durch Sparmassnahmen immer mehr ausgedünnt werden. Die Folgen solcher Fehler kosten Leben, die Mitarbeitenden brennen aus und machen mehr Fehler, es herrscht Personalmangel, und man kann einen ausgebrannten Mitarbeiter nicht einfach ins Back-Office versetzen, wo er „harmlosere“ Arbeit verrichtet. Ich habe selber viel Kontakt mit einer Frau, die in der Altenpflege arbeitet. Manchmal bete ich, dass ich mich nie diesem System ausliefern muss, auch wenn meine Kollegin mit Sicherheit eine ausserordentlich liebenswürdige Altenpflegerin ist.

          1. ich hoffe, dass ich in meiner zeit auch als liebenswürdiger altenpfleger angesehen wurde… nein, ich weiß, dass ich bei den alten im großen und ganzen beliebt war, weil ich achtung vor ihnen hatte und (fast immer freundlich war… aber es gab eine menge situationen, in denen ich überfordert war und… fehler machte, – fehler in der gründlichkeit (behandlungspflege, grundpflege), fehler in der aufsichtspflicht, fehler bei der dokumentation, fehler im menschlichen umgang…
            ich hatte immer das gefühl, dass ich nicht sagen darf, was mich bedrückt, und worin das manquo besteht. wer die wahrheit sagte, klinkte sich automatisch aus. das ganze ist ein lügengebäude, wo sich alle, angegangen von der einfachen pflegekraft bis hin zu der pflegedienstleitung, der heimleitung und den zuständigen behörden alle in die tasche lügen. das ist alles sehr sehr frustrierend. kann ich dir aus erster hand sagen. ich bin froh, dass ich draußen bin… bei meinem jetzigen job geht es nicht um menschenleben, wenn ich fehler mache.

          2. Naja, Liebenswürdigkeit und Achtung vom Personal wäre mir schon ein zentrales Anliegen, wenn ich in einem Altersheim landen würde. Aber ich kenne auch haarsträubende Geschichten von den Versäumnissen von Heimärzten, die dann beinahe zum – mit etwas Antibiotika durchaus abwendbaren – Tod eines Heimbewohners geführt hätten. Von daher ahne ich, dass es um den unbedingten Willen, Leben zu erhalten, möglicherweise in diesen Heimen oft nicht sehr gut bestellt ist.

          3. Natürlich ist nicht alles schlecht in der Altenpflege…, aber ich wirkte bei zuviel Schlechtem mit, – erlebte zu viele Nachlässigkeiten und sah zu viel Menschenunwürdiges. Demgegenüber alle Jahre wieder das Geschwätz der Politiker… Die sollte man alle mal ein paar Wochen lang im Akkord Ärsche putzen lassen!

          4. Ich finde sowieso, alle Leute sollten man ein paar Tage in der Altenpflege aushelfen. Ich habe ja nur mal Prüfungsvorbereitungen mit einer Bekannten von mir gemacht, die im Altenheim arbeitet. Ich war beeindruckt von dem, was die leisten müssen. Und voller Furcht vor dem, was uns noch alles blühen kann, wenn wir mal auf den Abschied durch die Hintertür zugehen.

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