Knallharter Sommerkrimi

Die Australierin Emma Viskic (Bild) hat einen Krimi mit einem tauben Ermittler geschrieben. Frau Frogg, selbst stark schwerhörig, hat das Buch gelesen. „Ausgezeichnet“, lautet ihr Verdikt. Aber man sollte nur nicht allzu ernst nehmen, was die Autorin in Interviews über ihren Helden sagt.

„No Sound – die Stille des Todes“ von Emma Viskic ist ein typisch australischer Krimi: schnell, brutal, düster. Meist steht im Mittelpunkt dieser Storys ein knallharter, aber auch versehrter, weisser Ermittler. Die Sprache ist knapp, die Dialoge von trockenem Humor. «No Sound» hat mehrere renommierte Krimi-Preise erhalten. Er ist aber nichts für zarte Gemüter, schon auf der ersten Seite nicht: Wir sehen den Protagonisten, Privatdetektiv Caleb Zelic, der seinen blutüberströmten Freund Gary in den Armen hält. Gary ist die Kehle aufgeschlitzt worden, und Caleb ahnt, dass er nicht ganz unschuldig daran ist. Die Geschichte wird aus seiner Sicht erzählt, und schon im ersten Abschnitt bekommen wir den vagen Eindruck, dass Caleb anders ist als andere Krimihelden. Er sieht «einen Mann und eine Frau. Sie trugen blaue Uniformen und sahen argwöhnisch aus. Die Frau redete, aber ihre Worte glitten an ihm vorbei, sie waren so formlos, dass er sie nicht packen konnte.» Was zunächst wie Schockstarre wirkt, erweist sich schnell als anhaltende Einschränkung: Caleb ist hochgradig schwerhörig. Die Hörgeräte helfen ein bisschen, aber nicht genug. Caleb bringt sich mit Lippenlesen und Gebärdensprache über die Runden.

Ich bin selber nicht ganz so schwerhörig wie Caleb. Mit Hörgeräten verstehe ich gesprochene Sprache an guten Tagen leidlich, Lippenlesen hilft ein bisschen. Ich war neugierig darauf, wie die Autorin das Thema Schwerhörigkeit abhandelt. Ich finde: Sie macht das sehr gut. Das Thema kommt auf jeder Seite vor – unaufdringlich, oft in Nebensätzen, aber es ist immer präsent. Es durchdringt Caleb’s Leben, wie Schwerhörigkeit das Leben eben durchdringt. Vom Morgen, wenn wir als erstes unsere Hörgeräte anziehen, bis zum Abend, wenn wir sie als letztes wieder in ihre Behältnisse legen. Das Thema ist im Buch da, wenn Caleb nicht zurechtkommt, weil ein unfreundlicher Gesprächspartner ihn absichtlich annuschelt. Es ist da, wenn jemand für ihn telefonieren muss, weil er es selber einfach nicht kann. Es ist da, wenn seine Hörgeräte nach einem lebensgefährlichen Kampf nass werden, nicht mehr funktionieren und er Panik schiebt – wegen der kaputten Hörgeräte fast mehr noch als wegen der ungemütlichen Gesamtsituation. Das trieft nie vor politischer Korrektheit und ist nicht belehrend. Aber es ist immer spannend zu lesen: Unser Held muss einen überlebenswichtigen Fall lösen – und bewegt sich dabei in einer Welt voller Zeichen, die er nicht deuten kann. Unheimlich, das alles.

Es gibt mittlerweile viele Krimis mit behinderten Heldinnen und Helden. Oft kompensieren diese ihre Einschränkung mit geradezu übersinnlichen Fähigkeiten und lösen den Fall genau deswegen. Nicht so Caleb. Nun ja, er beobachtet Gesichtsausdrücke genau, etwa, um einordnen zu können, ob sein Gegenüber auf seiner Seite steht. Ich mache das auch aufmerksamer als zu der Zeit, ich noch gut hörte – und ich habe dabei auch schon gemerkt, dass mir jemand etwas verschweigt. Aber was es genau war, habe ich erst erfahren, als er es mir später gesagt hat. Unmittelbar relevante Informationen erhält man im Alltag fast immer durch gesprochene Sprache. Das ist bei Caleb nicht anders. Er löst den Fall – nicht, weil ihm die Schwerhörigkeit dabei hilft. Sondern, weil er hartnäckig an der Sache dranbleibt – obwohl es für ihn schwieriger ist als für einen Normalo. Das Buch gibt übrigens auch einen Hinweis darauf, warum so viele Schwerhörige ihr Handicap verheimlichen – es gibt Menschen, die uns nicht wohlgesinnt sind. Wenn diese es für nötig halten, werden sie unsere Schwäche ausnützen. Das ist so, überall auf der Welt, auch wenn heute viel von Inklusion die Rede ist. Dennoch: Es gibt Situationen, in denen Caleb ruhig Hilfe annehmen könnte. Aber das will er lieber nicht. Er ist eben ein harter Kerl, bis zum Gehtnichtmehr.

Was bewegte Emma Viskic dazu, einen hörbehinderten Ermittler zu erfinden? Ist sie selber schwerhörig? Nein, aber sie hat sorgfältig recherchiert. Und als Tochter eines kroatischen Einwanderers, als Frau und als Ehefrau eines bei Koori (Ureinwohnern von Australien) aufgewachsenen Mannes ist ihr die Auseinandersetzung mit Minderheiten wichtig, heisst es. Sie sagte dem «Sydney Morning Herald” über ihren tauben Helden: «Ich wollte einen traditionsgemäss unbesiegbaren Charakter erfinden, einen heterosexuellen, weissen Mann, fit und fähig – und ihn verwundbar machen.» Sie fügt hinzu: «Es ist also eine Metapher, ein Bild, aber das macht die Geschichte interessanter.»

Der Satz hat mich stutzig gemacht. Eine Metapher? Aber für was? Für die Verletzlichkeit eines Macho-Helden? Ok, Caleb qualifiziert sich immer wieder als Macho – aber um verletzlich zu sein, würde er seine Schwerhörigkeit wahrlich nicht brauchen, er schadet sich mit seiner Härte auch so genug: Er redet nicht über seine Gefühle – und das hat seine Ehe zerstört. Er versteht sich bestens auf Männer-Machtspielchen – aber es nützt ihm nicht viel, weil er bei den für ihn höchst bedrohlichen Mordermittlungen der Polizei sowieso am kürzeren Hebel sitzt. Er handelt manchmal überstürzt und übertrieben aggressiv – und das kostet ihn mindestens einmal fast das Leben – und es bringt die Frau, die er liebt, in höchste Gefahr.

Man kann die Schwerhörigkeit also getrost einfach wörtlich nehmen. Als eine Herausforderung, die Caleb Tag für Tag begleitet. Nicht mehr und nicht weniger.

Fazit: Wer einen spannenden Krimi für die Sommerferien braucht, ist mit «No Sound – die Stille des Todes» bestens bedient. Wer Ahnung davon bekommen will, wie sich Schwerhörigkeit anfühlt, sollte das Buch unbedingt lesen.

Emma Viskic: «No Sound – die Stille des Todes», Verlag Piper, 288 Seiten.
Über Privatdetektiv Caleb Zelic gibt es insgesamt drei Krimis von Emma Viskic, auf Deutsch erschienen sind zwei. Der zweite heisst: «No Words – die Sprache der Opfer».

12 Gedanken zu „Knallharter Sommerkrimi“

  1. Mache ich gerne! Außerdem bin ich dankbar für richtig gute Buchtipps, da mir der Lesestoff mal wieder ausgeht. (Habe bisher ziemlich viele Bücher gelesen…)

    Apropos Krimis mit körperlich behinderten HeldInnen: Ich lese gerade Heinrich Steinfests „Der schlaflose Cheng“ und der Protagonist ist ein einarmiger Privatdetektiv aus Wien.

      1. Da ich das Buch aus dem offenen Bücherschrank herausgefischt habe, war es nicht so optimal, nicht mit Chengs erstem Fall zu beginnen.
        Aber im Großen und Ganzen hat mich der Krimi gut unterhalten, auch wenn er nicht an Fred Vargas (Adamsberg ist mein Held der gegenwärtigen Kriminalliteratur) herankommt.
        Übrigens, „No Sound“ ist nun bestellt und ich kann es ab morgen in einem Buchgeschäft abholen – freue mich schon darauf.

        1. Oh, Fred Vargas kenne ich ein bisschen. Das ist aber sehr aussergewöhnliche Krimiliteratur – ich bin damit nicht ganz warm geworden. Ich kenne aber nur einen älteren Titel von ihr, weiss nicht mal mehr, wie er hiess. Bin sehr gespannt, was Du von Viskic hältst.

    1. 🙂 Du hast meinen Blog gelesen, Markus?! Das finde ich super. Zwei unserer Kolleginnen haben ihn übrigens auch gelesen (von ihnen stammte der Tipp). Schöne Woche Dir!

      1. Ich lese deinen Blog immer sehr gerne, zur Zeit halt nur einäugig 🏴‍☠️🏴‍☠️🏴‍☠️, lesen ist zur Zeit etwas mühsam. Auch das Hören ist extrem anstrengend, wenn man nur ein Auge hat. 🤪

    1. Sehr gerne, Erynnie. Ich würde mich auch über Rückmeldungen freuen, falls Du ihn liest. Ich bin neugierig, wie das auch normal Hörende wirkt 🙂 Schöne Woche

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