Lebenszeichen aus dem Corona-Hotspot

Der Schweizer Gesundheitsminister Alain Berset wirkte gestern von den Fallzahlen überrumpelt

Um es vorwegzunehmen: Meinem Mann und mir geht es gut. Aber in den letzten zehn Tagen ist hier in der Schweiz die Zahl der Coronafälle geradezu explodiert. Und niemand tut etwas. Was ist passiert?

Über 3000 Neuansteckungen mit dem Coronavirus meldete das Bundesamt für Gesundheit gestern – auf nur 8,75 Millionen Einwohner. Wir haben puncto Neunansteckungen sogar die USA überholt. Wie um alles in der Welt konnte das passieren?! Noch am 20. Mai sagte Bundes-Gesundheitsminister Alain Berset: „Wir können Corona.“ Das war kurz nach dem Lockdown, und es gab weit unter 100 Neuansteckungen im Tag.

Dann reichte der Bund die Verantwortung an die Kantone weiter. Das hätte er nicht tun sollen, auch wenn das Gesetz es so will. Die Kantone sind dasselbe wie in Deutschland die Bundesländer, nur viel kleiner. Der bevölkerungsreichste Kanton Zürich hat 1,5 Millionen Einwohner und eine steinreiche Finanzmetropole. Der kleinste, Uri, zählt gerade mal 37000 Seelen und wenig mehr als Berge und einen Nationalhelden. Aber der ist seit 700 Jahren tot, falls es ihn überhaupt je gegeben hat. Die Kantone sind schon zu den besten Zeiten ein zerfahrener Haufen. Es gibt Stadtkantone und Landkantone, reiche und arme Kantone, man spricht Deutsch oder Französisch oder nichts von beidem, man beobachtet einander mit Neid, Misstrauen und Schadenfreude. Ihr könnte mir das glauben. Ich hatte ein paar Jahre lang viel mit Vertretern (ja, meist Männer) der fünf Zentralschweizer Kantone zu tun. Ein Sack voller Flöhe ist einfacher von einer gemeinsamen Sache zu überzeugen. Wenn noch die Romands dazukommen, wird die Sache explosiv.

Nun sind hier also 26 Gesundheitsminister aus 26 Kantonen für das Management einer Pandemie zuständig. Natürlich gibt es eine so genannte Kantonale Gesundheitsdirektorenkonferenz, in der sich diese 26 Minister absprechen. Der sperrige Name des Gremiums ist wahrscheinlich Absicht. Mit einem solchen Namen entgeht man leicht der Aufmerksamkeit der nationalen Politik, die in den letzten Jahren von den Rechtsnationalen dominiert wurde. Chef der Kantonalen Gesundheitsdirektorenkonferenz ist ein sympathischer Basler CVP-Politiker namens Lukas Engelberger. Seit Wochen sieht man in oft am Fernsehen, wo er gut aussieht und in vielen Worten wenig sagt. „Das ist das beste, was er mit seinem Job tun kann“, sagt Herr T. und hat recht. In den Kantonen gab es eine Kakaphonie von Massnahmen: In Zürich Maskenpflicht in den Läden, in Luzern keine (natürlich pilgerten die Zürcher nach Luzern zum Einkaufen). Und so weiter.

Zuerst kam ein langer Sommer. Die Fallzahlen stiegen leicht. Wir wurden alle etwas nachlässig. Herr T. und ich berieten uns im August über das Ansteckungsrisiko. Er ist Ü60, ich habe eine chronische Krankheit. Dennoch: „Kleine, kalkulierte Risiken müssen wir eingehen“, sagte ich im August. „Wir müssen weiterleben.“ Diese Erkenntnis gehört zu den Dingen, die mich meine Krankheit gelehrt haben. Ich war dennoch vorsichtig, traf lediglich kleine Gruppen von Freunden, mit grossem Abstand und sehr grosser Freude. Gott, war es schön, sie alle nach dem Lockdown wiederzusehen! Alle liebten es, überall. Die Kneipen waren voll.

Zwischen dem 24. September und etwa dem 8. Oktober wurde sogar ich ein bisschen fahrlässig. Ich hatte Ferien. Am Sonntag, 4. Oktober, zwängte ich mich im Kanton Nidwalden in eine vollgepferchte Bergbahn mit 30 maskierten Mitpassagier*innen. Mir wurde etwas mulmig. „Na, der Kanton Nidwalden ist jetzt kein Corona-Hotspot“, beruhigte ich mich. Vier Tage später zählte Nidwalden plötzlich über 100 Neuansteckungen auf 47000 Einwohner. Da war ein Superspreader-Event in einer Bar. Über 1000 Neuansteckungen in der ganzen Schweiz. Sofort bekam ich einen leichten Schnupfen, wahrscheinlich vor Angst.

Am Freitag, 9. Oktober, wurde ein Kollege von mir positiv getestet. Da hatte ich immer noch Ferien und ihn in 14 Tagen nicht einmal von ferne gesehen. Am Montag arbeitete ich wieder, „the Show must go on“.

Dann, wenig später, plötzlich über 2000 Neuansteckungen im ganzen Land. Im Kanton Schwyz, bisher weitgehend von der Epidemie verschont, warnte die Spitalchefin eindringlich: „Die 25 Betten auf der Isolierstation sind fast alle belegt.“ Die Fallzahlen waren explodiert. Hunderte hatten im Talkessel ein Musical besucht, an dem ein Sänger infiziert war. Ich stand da mit offenem Mund und dachte: „Gibt es da keine Sicherheitskonzepte?“ Anscheinend hat die Gesundheitsministerin dort gar nichts gemacht. Zudem sind die Schwyzer reflexartig gegen alles, was im Verdacht steht, aus der Bundeshauptstadt Bern oder – Gott behüte! – dem Ausland zu kommen. Das betraf auch die Maskenpflicht.

Bei uns, 13 Kilometer von der Schwyzer Kantonsgrenze, fegte Chef Nummer zwei durch die Gänge. Er prüfte nach, ob wir alle die neuen Laptops für’s Homeoffice bekommen hatten. Am Donnerstag die Anordnung: „Wir stellen wieder auf Homeoffice um.“ Vor meinem geistigen Auge sah ich eine Schnecke, die sich missmutig in ihr Häuschen zurückzieht. Das war ich. Am Freitag ging ich trotzdem ins Geschäft, ich habe ein Einzelbüro und keinen Laptop.

Am Freitag über 3000 Fälle. Gesundheitsminister Berset trat vor die Medien und sagte… nichts. Unser Held, der im Frühjahr als erster in Europa Veranstaltungen über 1000 Personen abgesagt hat, wirkte völlig überrumpelt.

Drüben im Grossraumbüro führten die wenigen verbliebenen Kollegen unaufgefordert Maskenpflicht ein.

Dann, gegen Abend, sprach Herr Engelberger. Im Namen der Kantonalen Gesundheitsdirektoren forderte er vom Bund einheitliche Regeln bezüglich Maskenpflicht und Versammlungen. Endlich.

Am Sonntag tagt der Bundesrat. Was bis dann noch alles passiert, werden wir ja sehen.

13 Gedanken zu „Lebenszeichen aus dem Corona-Hotspot“

  1. Liebe Frau Frogg,

    danke für Ihren lesenswerten Beitrag. Auch hier in Österreich ist sprichwörtlich die Kacke am Dampfen.
    Der „Lockdown“ im Frühjahr hat uns einerseits zu einem irrigen Sicherheitsgefühl verleitet und uns auch leider vor Augen geführt, wozu der Mensch nicht bereit ist, gewisse Abstriche zu machen, die angeblich in seine Grundrechte eingreifen.

    Da müssen wir (leider) durch. Ich wünsche Ihnen und Herrn T. das Beste!

    Liebe Grüsse aus dem Risikogebiet!

    1. Liebe Frau Sori, danke herzlich! Ihr Kommentar ist eine kurze und präzise Zusammenfassung dessen, was auch hier passiert ist. Irriges Sicherheitsgefühl kommt vor dem Fall. Auch Ihnen die besten Wünsche für die Gesundheit und überhaupt!

  2. man sagte die 2. welle für die kalte jahreszeit voraus, und trotzdem ist man erstaunt und fragt sich, wie`s dazu kommt. ich weiß es auch nicht. diese ausgerufene pandemie ist für mich sehr rätselhaft – von anfang an. ich weiß nicht, was ich glauben soll. für alle alleinlebenden menschen (wie ich) hoffe ich, dass es zu keinem zweiten lockdown kommt, und dass die kneipen geöffnet bleiben.

    1. Was findest Du daran rätselhaft? Dass es passieren könnte, wussten wir eigentlich schon lange – aber man glaubt sowas halt erst, wenn es dann knallt. Dass die zweite Welle im Herbst kommen wird, wussten wir auch. Jetzt versuchen die Behörden bei uns den Spagat zwischen wirtschaftlichem Überleben und der Rettung von Menschenleben, so klang das jedenfalls vom Bundesrat heute Abend. Scheint schwierig zu sein. Bei uns bleiben die Kneipen geöffnet, aber Du musst Maske tragen, sobald Du vom Tisch aufstehst. Also, mich wirst Du in den nächsten Monaten kaum in einer Kneipe sehen. Aber ich kann zum Glück ohne, konnte es bis jetzt immer.

      1. du schreibst ja selbst in deinem beitrag: „wie um alles in der welt konnte das passieren?“ also haben die wieder wachsenden corona-zahlen auch dich erstaunt.
        ich finde diese ganze pandemie rätselhaft. von ihrem beginn in china über ihre ausbreitung in europa bis zum heutigen zeitpunkt, in ihrer einschätzung durch die who, sowie dem maßnahmeteppich…; menschen, die corana ignorieren bis hin zu menschen, die fast panisch sind.
        ich fühle mich nicht gut informiert weder über die pandemie, noch über die beschränkungen. ebenso fehlt mir der offene diskurs in den medien zwischen den fachleuten mit unterschiedlicher einschätzung.
        z.b.: alle reden derzeit von steigenden infektionszahlen. dies ist de facto nicht so, denn der pcr-test gibt das gar nicht her – er trifft keine aussage darüber, ob der getestete tatsächlich aktuell infiziert bzw. krank ist. über die validität des pcr tests ist die bevölkerung fehlinformiert.
        und so gibt es noch einige unklarheiten in dieser pandemie.

        1. Nein, nicht die wieder steigenden Ansteckungszahlen haben mich erstaunt. Sondern die Tatsache, dass wir so unvorsichtig geworden sind. Was die Medien betrifft: Unsere Lokalzeitung beschäftigt sich den ganzen Tag mit dem offenen Diskurs zwischen den Fachleuten mit unterschiedlicher Einschätzung. Wir hatten auch ein Interview mit Dr. Bhakdi. Zudem darf jeder selbst ernannte Fachmann in den Leserbriefspalten Stellung nehmen. Aber vielleicht sieht es in den Medien in Deutschland anders aus, das kann ich nicht beurteilen. Was PCR-Tests betrifft, empfehle ich unten stehenden Link.

          https://www.higgs.ch/wie-aussagekraeftig-sind-die-pcr-tests-fuer-sars-cov-2/36620/

          Higgs.ch vertraue ich, sie sind sachlich, wissenschaftlich hieb- und stichfest und differenziert. Bei uns füllen sich gerade die Spitäler mit Corona-Patienten. Bald könnte es sackbrutale Antworten für Zweifler geben.

          1. viele fragen werden wahrscheinlich erst im rückblick auf die vorgänge aufgegklärt werden, wenn überhaupt.
            der diskurs der fachleute (der nicht selbsternannten) bleibt. für den laien recht undurchsichtig. man kann nur hoffen, dass die regierung die richtigen „berater“ an ihrer seite hat.
            corona-kritische stimmen haben es in deutschland schwer.

          2. Ja, ich finde den Diskurs der Fachleute auch undurchsichtig. Und die Tatsache, dass die auch noch nicht alles wissen, schwer zu ertragen. Grundsätzlich gehe ich aber davon aus, dass die lernen wollen und unsere Regierungen nach bestem Wissen beraten. Und dass unsere Regierumgen uns dienen wollen und nicht irgendwelchen Multis.

          3. Hoffen wir mal das Beste!
            Obwohl, wenn man so in die Welt schaut, wer so alles an der Macht ist, und wie die Menschen allgemein so drauf sind…

  3. In der deutschen Hauptstadt ist leider auch nichts anderes zu vermelden. Elf Club-Betreiber haben gerichtlich durchsetzen können, daß die Sperrstunde ab 23.00 Uhr für sie nicht gilt. Jetzt wollen sie auch noch das Alkoholverbot kippen … Grüße aus dem Hotspot und bleiben Sie gesund.

    1. Danke gleichfalls! Man fasst es nicht, dass die Clubs einfach weitermachen wollen. Aber es geht eben auch um Arbeitsplätze. Schwieriges Dilemma. Bleiben Sie auch gesund!

  4. So ist es hier in Deutschland leider auch – jedes Bundesland kocht sein eigenes Süppchen. Einheitliche Regeln gibt es kaum. Dazu kommen noch die Regionen, die als Risikogebiet eingestuft wurden und für die dann nochmal andere, strengere Regeln gelten. Man blickt eigentlich gar nicht mehr durch, zumindest ich nicht. Im Büro geht nichts ohne Maske und inzwischen auch auf bestimmten Straßen. Sperrstunde, Alkoholverkaufs- und -konsumverbot etc. Es hilft aber trotzdem nicht, die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Wahrscheinlich liegt es daran, dass sich eben nicht gerade wenige Verantwortungslose einen Dreck um alle Maßnahmen scheren und glauben, unverwundbar zu sein.

    1. Bei uns hat sich der Bund jetzt zwar eingemischt. Aber irgendwas scheint da schiefgelaufen zu sein. Maskenpflicht beim Stehen in Restaurants… aber Eishockeyspiele mit 1000 Zuschauern, total unverständlich. Meine Vermutung: Der Finanzminister hockt auf der Geldspritze für geschlossene Lokale. Das ist eine Sparsamkeit, die wohl Menschenleben kosten wird.

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