Lesen während der Rekonvaleszenz

Das Bild zum Klassiker: Achilles besiegt Hektor – drastisch dargestellte Szene aus dem trojanischen Krieg, hier von Peter Paul Rubens (Quelle: kunstbilder-galerie.de)

In diesen Tagen der Rekonvaleszenz lasse ich die News nicht zu nahe an mich heran. Spekulationen über Putins Hirn und den Krieg lasse ich meist links liegen. Wenn in der „Tagesschau“ die schlimmen Bilder kommen, konzentriere ich mich auf die Untertitel. Immer noch befasse ich mich lieber mit Stoffen aus der fernen Vergangenheit. Ich habe mich in Gustav Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“ richtig vergraben.

Mittlerweile kann ich mich aber dem Krieg auch dort nicht mehr entziehen. Ich bin beim Kampf um Troja angelangt. Im Buch gibt es sehr anschauliche Schlachtszenen, hier ein Mini-Ausschnitt: „Ajax … traf mit der Lanze den Amphios, einen Verbündeten der Trojaner, unter dem Gurte, dass er in dumpfem Falle zu Boden stürzte; dann stemmte er den Fuss auf den Leichnam und zog die Lanze heraus; ein Hagel von Speeren hinderte ihn, den Gefallenen der Rüstung zu berauben.“ (S. 397)

Actionszenen vor der Erfindung des Actionfilms eben, und sie ziehen sich über 100 Seiten hin, auf denen der Endkampf um die Stadt in Kleinasien tobt. Dutzende Helden sterben. Schwab scheint sich hier recht genau an die „Ilias“ von Homer gehalten zu haben. Ich versuche, das alles nur zu überfliegen, bleibe aber doch immer wieder hängen, als könnte ich mich auf diese Weise dem Unaussprechlichen nähern. Ich vertiefe mich sogar in eine verjüngte Bearbeitung des Stoffes: Ich sehe mir „Troy: Fall of a City“ von 2018 auf Netflix an. Diese Serie kann ich freilich nur Hobby-Historiker*innen empfehlen. Der Streifen braucht ungefähr so viel Geduld wie Schwab. Zudem enthält er ebenso drastische Action-Szenen, und erst noch in bewegten Bildern. Aber dann und wann tauchen ungewohnte Interpretationen des Stoffes auf. So thematisiert die zweite Folge den ökonomischen Aspekt des Krieges: Die Griechen, lautet die die plausible Behauptung, wollten nicht nur die „Entführung“ der Helena rächen, sondern den Troern gleich auch noch die lukrative Zollstation am Ausgang der Dardanellen wegschnappen.

In der zweiten Folge versuchen die Griechen die Stadt mit einem Blitzangriff an einem einzigen Tag einzunehmen. Aber der Plan misslingt. Bei Einbruch der Nacht ziehen sich beide Armeen erschöpft in ihre Lager zurück. Es folgt eine Szene von grosser Melancholie, in der der griechische Chefstratege Odysseus schwer atmend zum Kollegen Nestor sagt: „Wir haben keinen Zentimeter Boden gewonnen. Das ist kein Krieg, das ist Wahnsinn. Als die Trojaner unsere Forderungen zurückwiesen, sah ich, wie sich die Jahre vor mir auftaten. Ich werde ein alter Mann sein, wenn ich wieder nach Hause komme.“

„Da sah ich, wie sich die Jahre vor mir auftaten.“ Der Satz packt mich am Nackenhaar und zwingt meinen Blick auf die Gegenwart, mehr als viele hochtrabende Analysen über den misslungenen Blitzangriff der Russen vor ein paar Wochen. Ist es das, was wir jetzt vor uns haben? Jahre des des Mordens, des Elends und der Ungewissheit?

Gustav Schwab: „Sagen des Klassischen Altertums“, Insel taschenbuch 2792, Frankfurt am Main und Leipzig, Erste Auflage 2001

6 Gedanken zu „Lesen während der Rekonvaleszenz“

  1. In den Nachrichten schnappte ich die Meldung auf, dass der russisch-ukrainische Krieg womöglich Jahre dauern kann.
    Als ob nicht genug ist, dass wir schon zwei Jahre Pandemie haben und die Erde ohnehin zugrunde geht…
    (Vielleicht weisst Du nun, warum ich mich so gern mit Büchern ablenke. Wobei meine letzten zwei schon schwere Kost waren. „House of God“ und „Mount Misery“ von Samuel Shem.)

    1. Satirische Arztromane! Das ist aber ein tolles Genre! Aber das das recht anspruchsvolle Kost ist, kann ich ohne weiteres nachvollziehen. Liest Du die auf englisch`?

  2. Romane lese ich auf deutsch, auch wenn die Titel so englisch klingen.

    Die einzigen Bücher, die ich auf Englisch lese, sind die über Bruce Springsteen. Aber ich will nicht vom Thema abschweifen.

    1. 😀 Nein, das geht natürlich gar nicht! Ich habe eigentlich immer einen Roman auf dem Nachttischchen, da mag ich aktuelle angelsächsische Romane. Sonst würde ich gerne mehr lesen, aber da gibt’s Instagram und Twitter, das lenkt doch ein bisschen ab.

  3. Geschichtsunterricht fand ich in der Schule immer blöd und langweilig. Das muss aber an den Lehrern gelegen haben, die uns Schüler dazu gezwungen haben, irgendwelche Daten auswendig zu lernen (Lehrer im Jahr 2635: „Bis nächste Woche lernt ihr: 1939: Deutschland überfällt Polen, 2022: Russland überfällt Ukraine“.
    Was das mit dem eigenen Leben zu tun hat, versteht kein Schüler.
    Dabei wiederholt sich Geschichte immer wieder: Es geht immer um Kriege. Damals mit rostigen Schwertern, später mit Kanonen, und irgendwann auch mit Atombomben (die Technik entwickelt sich schließlich immer weiter, und als Erstes profitieren davon die Militärs)

    1. Ach, das ist lustig, dass Du Geschichte langweilig fandest. Ich liebte den Geschichtsunterricht. Aber bei uns war das auch nicht blindes Auswendiglernen von Jahreszahlen, sondern wir haben uns immer ziemlich gründlich mit politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen auseinandergesetzt. Und ich sehe immer noch unseren Geschichtslehrer vor mir, wie er mit dem Zeigefinger in die Luft stach und sagte: „Wenn ein historisch grosses Ereignis passiert, hat es immer mehrere Ursachen.“ Das zitiere ich gelegentlich auch bei persönlichen Grossereignissen.

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