Piratin und Coronarebellen

Ein paar Stunden weg vom Corona-Gezeter ins Aargauer Kunstmuseum: „Le Captaine Cook“ von Niki de Saint Phalle im Aargauer Kunstmuseum

Am Bahnhof geht eine schwarz gekleidete Frau mit einer Totenkopf-Flagge an uns vorbei. Eine Piratin. „Verdammt“, denke ich, „Das ist sicher eine anders ‚Denkende‘! Wo demonstrieren die jetzt wieder?!“ In den letzten Tagen sehe ich bei jedem coronaskepsisverdächtigen Anblick rot. Seit Montag gilt in der Schweiz die Zertifikatspflicht: Ins Restaurant, ins Kino und ins Fitnesscenter dürfen wir nur noch mit einem Ausweis mit QR-Code. Er bestätigt, dass wir geimpft, genesen oder getestet sind. Seither ist die Stimmung im Land so feindselig, wie ich es noch nie erlebt habe. Im Geschäft darf ich allerhand Drohungen und düstere Prophezeiungen lesen, weil wir uns explizit pro Impfung äussern.

Am letzten Samstag demonstrierten in Luzern 1500 Massnahmengegner*innen illegal. Sie scheuten sich nicht, eine Hauptverkehrsader der Stadt lahmzulegen. Die Polizei tat: nichts. Hätten ein paar Klima-Aktivisten dasselbe getan – man riecht schon Tränengas, wenn man es sich vorzustellen versucht. Es gab auch eine nette, kleine Gegendemo. Wie lange geht es wohl, bis sie anfangen, sich zu prügeln? Manchmal denke ich leise an die Weimarer Republik. Auch, weil sich einer unserer SVP-Minister, Ueli Maurer, offen mit den anders „Denkenden“ verbrüdert, indem er sich mit einem Freiheitstrychler-Hemd ablichten lässt. Ich erspare Euch das Bild. Ich will kotzen, wenn ich es sehe. Die „Freiheitstrychler“ liefern mit ihren riesigen Glocken („Trychlen“) den Soundtrack zu den Coronaskeptiker-Demos. Wenn ein Minister ein Trychlerhemd trägt, dann zeigt er seinem eigenen Regierungskollegium offen den Stinkefinger.

Einer der Rädelsführer der Corona-Rebellen ist ein gewisser Nicolas A. Rimoldi (26), ein Libertärer. Aus seinen Zielen macht er keinen Hehl: „Wir fordern eine Erneuerung des politischen Systems der Schweiz“, schreibt er auf Twitter. Er könnte auch gleich sagen: „Wir machen aus dem Staat Gurkensalat.“ Ebenfalls auf Twitter verbrüdert er sich demonstrativ mit weit links (der Antifa) und weit rechts (der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz Auns). Und die Esoteriker*innen laufen ihm nach, weil sie Angst vor der Impfung haben. Ich frage mich, ob und wann sie mit ihren Astralhintern unsanft aufs Pflaster knallen werden.

Aber es gibt auch ermutigende Dinge hier – zum Beispiel die Inschrift links auf einer Luzerner Betonwand (die Signatur „161“ legt nahe, dass sie aus Antifa-Kreisen kommt). Und als die Piratin am Bahnhof weg war, sind wir nach Aarau ins Kunstmuseum gefahren. An der Pforte haben wir unser Impfzertifikat gezeigt. Danach waren wir drei Stunden lang an einem Ort, wo es nur fiktive Piraten gibt.

20 Jahre nach 9/11

Ein Bild, das wir hundertmal gesehen haben: Anschläge auf die Twin Towers in New York (Quelle: BBC).

Wo ich am 11. September 2001 war? Ach Gott, das habe ich so oft erzählt, und heute scheint es auch nicht mehr so wichtig. Die Anschläge jenes Tages kommen mir heute vor wie ein vorübergehender Einbruch des Horrors in einen fernen, strahlenden Septembertag. Eine Kleinigkeit im Vergleich zu dem, was hier bei uns im Frühjahr 2020 mit Covid-19 kam. Klar, das ist ein subjektives Gefühl – 2001 sass ich hier in der sicheren Schweiz, in einer Redaktionsstube. Redaktionsstuben fühlen sich manchmal wie eine Festung an, auch wenn die Menschen drin in Aufruhr sind.

Hat 9/11 etwas an unserem Leben geändert? Ja, wahrscheinlich. Aber wir Ü50 wissen auch: Dinge geschehen, und zehn oder zwanzig Jahre später wissen wir nicht, wer wir wären, wenn alles anders gelaufen wäre. Für mich einschneidend waren die vielen Jahre Hetze gegen Muslime, die folgten. Ich habe bei der Arbeit schreckliche Dinge gelesen. Die Menschen hatten Angst vor dem Islamismus und droschen auf alle Muslime ein. Höhepunkt: eine Volksinitiative, die den Bau von Minaretten in der Schweiz verbieten wollte. Grundton: Wir lassen nicht zu, dass die Muslime uns überrennen. 2009 angenommen.

Doch irgendwann rückte das alles an den Rand meines Radars. Erst als die Amerikaner aus Afghanistan abzuziehen begannen, mussten wir lernen: Vorbei ist es nicht, war es nie. Wir werden sehen, was kommt.

Eine Frage, über die ich in diesen Tagen manchmal nachdenke: Als ich 1965 zur Welt kam, waren seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ziemlich genau 20 Jahre verstrichen. Eigentlich eine unglaublich kurze Zeit. Und doch wirkten alle, auch meine Grosseltern, in meiner Kindheit so unbelastet vom Krieg. War die Erinnerung an jene Zeit für sie auch nur ein vorübergehender Einbruch des Horrors in einen strahlenden Tag?

Mittagessen im Paradies

Das Restaurant Schwybogen am Vierwaldstättersee.

Dass Sonnenstrahlen das Restaurant Schwybogen überhaupt erreichen, erscheint wie ein kleines Wunder. Die Gaststätte liegt abgelegen am Fuss eines 300 Meter hohen Nordhanges am Vierwaldstättersee. Doch tatsächlich: Als wir ankommen, baden Haus und Garten in goldenen Licht dieses wunderbaren Septembertages. Rund um die Tische stehen Dutzende kleine Palmen und Sukkulenten – das Klima muss hier sogar sehr mild sein.

Wir sind mit dem Passagierschiff nach Treib gefahren und von dort eine halbe Stunde herspaziert. Wer nicht zu Fuss kommt, erreicht das Lokal nur mit dem Boot. Von den Tischen aus hat man perfekte Sicht auf den Anlegeplatz. Genüsslich beobachtet man die mehr oder weniger geglückten Anlegemanöver meist älterer Herren mit ihren Motorbooten, ihre Damen binden dann das Seil am Pfosten fest. Wer hier ankommen will, muss sich ein wenig abmühen – das lässt Standesunterschiede angenehm verschwimmen.

Der „Schwybogen“ ist ein Restaurant, aber auch eine Fischerei – und so gibt es hier frischen Seefisch zum Mittagessen, Albeli, Egli und Seeforelle. Es ist eine Mahlzeit im Paradies. Wir geniessen es.

Doch im Paradies, so wohlgenährt und glücklich, sitzt man unter dem Baum der Erkenntnis. Bald diskutieren Herr T. und ich darüber, wo wir nach dem Essen eigentlich hinwollen. Geplant ist die kürzere und weniger sturzgefährliche Wanderung zum Rütli. Doch nun kriecht eine kleine Schlange zwischen den Wurzeln des Baumes hervor. „Geh in die andere Richtung“, zischelt sie, „geh nach Rislete, zu den Wasserfällen, Frau Frogg. Es ist sicher schön dort. Und Du willst doch wissen, ob Du das überhaupt noch kannst.“ Herr T. hat mich gewarnt: Der Weg dorthin ist schmal, führt direkt hinein in eine steile Wand über dem See und von dort viele Höhenmeter abwärts. Ich ziehe dem Kulturflaneur sämtliche Würmer über die Risiken aus der Nase. Er kennt den Weg. Am Schluss sage ich: „Doch, wir tun es.“

Bald zogen wir den Hang hinauf, unter uns flaschengrün der See.

Dreieinhalb Stunden später, unverletzt am Ziel angekommen, weiss ich: Ich hätte es nicht tun sollen, und ich werde es wahrscheinlich nie wieder tun. Es ist für mich als Schwindelpatientin zu gefährlich. Aber, ehrlich, es war der Hammer!

Das unterste Stockwerk der Risleten-Wasserfälle bei Beckenried.