Bevor ich mein Italien-Epos ausklingen lasse, möchte ich dem Kulturflaneur meinen besonderen Dank aussprechen. Mit seinem Label Hitz Travels organisiert er stets ganz wunderbare Reisen exklusiv für uns beide – mit unendlich viel Rücksicht auf meine Ziele, Extrawürste und Spinnereien. Nie muss ich mich um lästigen Kleinkram wie die Buchung von Hotelzimmern oder die Reservation von Zugsitzplätzen kümmern. Mille grazie, Signor Kulturflaneur!
Die Toskana-Reise ist Hitz Travels besonders gut gelungen, hier sein profimässiger (nachträglicher) Abriss des Reiseprogramms, bei dessen Lektüre ich mich sehr vergnügt habe.
Auf der zweiten Hälfte unserer Reise performten Herr T. und ich weiter mit Genuss die bekannten Rituale einer Toskanareise: «gut essen», «Kirchen besichtigen», «toskanische Landschaften bestaunen». In einem der Gotteshäuser von Arezzo erschien mir ein einziges Mal Mary of Shannon, mit der ich vor vielen Jahren auf einer Pauschalreise war. Sie zischte mir damals bei Besichtigungstouren gegen Ende eines langen Tages oft «ABC!» ins Ohr. Another bloody church! Heisst: Wir haben es allmählich satt. Sie brauchte diesmal nicht den Mund aufzumachen, ich wusste, was sie sagen wollte. Insgesamt aber war das alles so eindrücklich und wunderschön!
Auf die allerbeste Weise satt wurden wir im Ristorante L’Agania in Arezzo, köstlich, relativ preiswert und überhaupt grosses Kino – ich empfehle es hiermit weiter. Wenige Schritte weiter liegt die Piazza Grande der Stadt, ideal geeignet für die Performance «auf einer herrlichen Piazza Kaffee trinken».
Es ist vielleicht schwierig zu verstehen. Aber es war gar nicht die Venus von Botticelli, die mich in die Toskana lockte. Sondern der schielende Unhold im Bild: eine allegorische Darstellung der Tyrannei in einem schlecht regierten Staat. Teil eines riesigen, spätmittelalterlichen Freskenzyklus über die gute und die schlechte Regierung – zu sehen im Palazzo Pubblico in Siena. Der Typ hier hat ein ganzes Gremium von üblen Kollegen: die Grausamkeit, die Täuschung, den Betrug, den Zorn, die Zwietracht und den Krieg sowie die Gier, den Stolz und die Eitelkeit, alle ebenfalls dort abgebildet. Die Wandbilder sind von Ambrogio Lorenzetti, er malte sie 1338/39. Als ich diese Visage in einem Dokumentarfilm auf arte.tv sah, fand ich das alles verblüffend aktuell. Ich meine: Der Bösewicht könnte auch eine hellblonde Haartolle tragen. So wollte ich die Fresken mit eigenen Augen sehen. Jetzt weiss ich: Auf dem Gemälde vom schlecht regierten Stadtstaat sieht man noch zertrümmerte Gebäude, zerstörte Felder, eine Frau in Bedrängnis und einen Toten auf der Strasse. Aber es ist schlecht erhalten.
Das Bild einer gut regierten Stadt ist dagegen wunderprächtig. Man braucht auch keinen Time-Slot, um es zu sehen. Der Saal ist belebt, aber nicht überrannt, das Interesse an der Geschichte Sienas scheint moderat. Obwohl es die Stadt mit einer ausgekl¨ügelten Demokratie bei der Verwirklichung einer guten Regierung 1287 bis 1355 weit brachte. Siena war damals mächtiger Stadtstaat, eine ernsthafte Konkurrenz für Florenz. Und genau diese Ära ist Thema im Saal des Volkspalastes.
Tanzende Menschen, blühender Handel, tolle Architektur, kurz, eine gut regierte Stadt, wahrscheinlich Siena, möglicherweise etwas idealisiert. (Quelle: Wikipedia)
Das System wird «die Regierung der Neun» genannt. Jeweils neun Männer, die Noveschi, führten die Verwaltung der Stadt für lediglich zwei Monate. Es mussten laut meiner Quelle Männer aus dem Bürgertum sein, meist Handwerker, die ihre Management-Fähigkeiten und ihre Integrität unter Beweis gestellt hatten. Ein geheimes Konsistorium wählte alle zwei Monate eine neue Neunerbesetzung. Die Gewählten mussten zwei Monate lang ihre eigenen Geschäfte ruhen und ihre Familien im Stich lassen, um nicht den Versuchungen der Korruption zu erliegen. Und vor allem «mussten sie die ‹magnati›, die Mitglieder der reichsten Familien, von den Regierungsgeschäften fernhalten.»
Im Saal der Neun werden auf einer ganzen Wand die Tugenden aufgeführt, von denen sich die neun Regierenden leiten lassen sollten. Moralischer Zeigefinger oder Selbstbeweihräucherung? Vielleicht beides. Hier das Bild.
Die Allegorien der guten Regierung. (Bild: Wikipedia)
Kleine Lesehilfe (wer es genau wissen will, schaut hier nach): Der majestätische Alte in der mittleren Reihe ist eine allegorische Darstellung der Stadt Siena. Er ist umgeben von eben jenen Tugenden, die es in einer gut regierten Stadt braucht: links die Weisheit. Sie sorgt dank ausgleichender Gerechtigkeit dafür, dass die Bürger der Stadt alle am gleichen Strick ziehen (unten). Die Frau, die im weissen Gewand auf dem Sofa chillt, repräsentiert den Frieden (sie hat eine zerdrückte Rüstung unter dem Kissen). Die anderen sind Standhaftigkeit, Besonnenheit, Grossherzigkeit, Mässigung und das Recht.
Es versteht sich von selbst, dass ein derart komplexes System auch Schwächen hat. Ich meine: zweimonatige Amtszeiten, das bedeutet permanenten Wahlkampf (vielleicht auch permanente Anstrengungen, nicht gewählt zu werden). Zudem das Risiko von Instabilität und Inkompetenz. Als 1348 die Pest ausbrach, kollabierte das alles. 80’000 Menschen sollen in Siena an der Seuche gestorben sein. Wahrscheinlich sah es deutlich schlimmer aus als in der schlecht regierten Stadt auf dem Fresko. Jedenfalls gab es in Siena ab 1355 ein neues System. Die Stadt erlangte aber nie wieder die gleiche Grösse wie vor der Pest.
Anders als Florenz, wo sich die mächtige Oligarchenfamilie Medici durchsetzen konnte. Auch das gibt mir zu denken.
Hier ein sehr anschauliches Youtube-Video über die Sala dei Nove.
„Die Geburt der Venus“ in den Uffizien im September 2026 (Bild: kulturflaneur.ch)
Ich glaubte, ich hätte einen individuellen Bezug zur «Geburt der Venus». Als ich 16 war, besuchte ich mit meiner Familie erstmals die Uffizien an einem Regentag im Oktober 1981. Alles war feucht (wie sehne ich mich gerade nach solchen Regentagen!). Wir konnten nicht draussen herumspazieren, kauften ein Ticket und traten ein. Meine Eltern hatten in ihrer Schulzeit wenig Gelegenheit gehabt, sich mit Kunstgeschichte zu befassen. Aber dieses Gemälde kannten sie und Venus, die Schöne, hinterliess auch bei mir einen bleibenden Eindruck. Später habe ich sie als Protagonistin in einem Krimi gecastet (nie fertiggeschrieben). Eine Ordnungshüterin, der das mitfühlende Halblächeln beim Blick auf Welt ein paarmal vergeht. Ich wollte sie wiedersehen.
Heute ist alles anders, wenn man in die Uffizien geht. Man bucht einen Time-Slot, bemüht sich um Anstand im Dichtestress. Und dann steht man im Gedränge vor diesem Bild und verliert augenblicklich die Illusion, dass man überhaupt je ein Individuum gewesen ist.
Von da an versuchte ich, den Tourismus in diesem Ballungszentrum des globalen Reisens als eine Art soziologische, vielleicht sogar quasi-religiöse Performance zu verstehen. Oder wenigstens als ein Spektakel für sich selbst.
Auf dem US-Lastwagen steht: «Die florentinischen Kunstwerke kehren aus dem Südtirol in ihre Heimat zurück.» (Bild: Sammlung Locchi).
Der Giardino Bardini ist eine liebliche Grünanlage, in der man mehr Luft zum Atmen hat als im Stadtzentrum. Es finden hier auch regelmässig Ausstellungen statt. Noch bis zum 18. Oktober eine mit zehn Fotografien im Plakatformat, die die italienisch-amerikanische Freundschaft zelebrieren (hier mehr Informationen). Wir sahen die Bilder zufällig, und zunächst schenkte ich ihnen wenig Aufmerksamkeit. Aber als wir so zuoberst in der Loggia beim Kaffee sassen, erregte dieses Foto meine Aufmerksamkeit. Es zeigt einen US-Lastwagen 1945 an der Piazza della Signoria (man sieht oben im Mittelgrund David von Michelangelo).
Die Fotografie erinnert daran, dass die Nazis während des Zweiten Weltkrieges in Florenz Kunstwerke von unschätzbarem Wert geraubt hatten. Sie versteckten sie in einem Dorfgefängnis im Südtirol, das bis zum Kriegsende zu Deutschland gehörte. Als die Alliierten grosse Teile Europas zurückerobert hatten, setzten sie eine Sondertruppe ein, die Monuments Men. Deren Auftrag war es, die geraubten Kunstschätze zurückzuerstatten (hier etwas mehr von der Geschichte). Sie fanden das Versteck in den Alpen und brachten die Werke zurück. Da sitzt du dann so vor deinem Cappuccino und denkst: Grosser Gott, wie werden wir in Europa uns ohne die Amis vor uns selbst schützen?!
Es ist auch in Italien nicht unbemerkt geblieben, dass die Amis ihr Interesse an Europa verloren haben und dass auf dem Alten Kontinent einiges im Argen liegt. In der Buchhandlung Feltrinelli am Hauptbahnhof fand ich am nächsten Tag bei den aktuellen Titeln dieses Buch. Der Autor sieht einem Prediger aus dem amerikanischen Mittleren Westen ähnlich, und er stammt auch aus den USA und brachte es dort im Tech-Team um Barack Obama zu Erfolg und Geld. Er hatte allerdings italienische Vorfahren und besetzt heute einen Lehrstuhl in Bologna. Er sagt den Italienern, was sie brauchen: Mehr Zuversicht und Vertrauen in ihre eigenen Stärken. Man möchte es uns allen in Europa wünschen.
Der Dom von Florenz, vom Dach unseres Hotels aus gesehen (Bild: Frau Frogg)
Am Spätnachmittag kommen wir in Florenz an und stürzen uns sofort ins Getümmel. Wie zum erst Mal sehe ich die monumentale Pracht des Doms. Ich meine: Ich war doch auch schon hier! Warum ist mir noch nie aufgefallen, wie riesig und wie bis ins letzte Detail verziert er ist? Hier wollte sich jemand der Welt beweisen, und ich habe es nicht gesehen! Nun ja, ich war damals einfach noch jung.
Auch die Zahl der Touris ist beeindruckend. Die toskanische Metropole zählte 2025 pro Tag 25’000 Gäste (Quelle: hier). 2026 sind es sicher ähnlich viele. Zwischen Markthalle und Ponte Vecchio schlendern Menschenscharen durch die Strassen wie Armeen in friedlicher Absicht. Da und dort ein weisser Fleck in der Menge: das Kleid einer der jungen Bräute, die mit ihren Familien und künftigen Ehemännern aus dem Fernen Osten anreisen, um hier zu heiraten.
Ich könnte über Overtourism klagen. Aber ich bin selbst mit meinem Sonnenhut leicht als Touristin zu erkennen (ich trage ihn hier, denn er schützt mein E-Ohr, das ich mir in ungewohnten Situation oft versehentlich vom Kopf streife). Wie könnte ich da über andere schimpfen?
Neptun auf seinem Brunnen (von Giovanni di Bologna). (Bild: Frau Frogg)
Lange verweilen der Kulturflaneur und ich auf der Piazza della Signoria und studieren die Statuen dort. David ist riesig, auch das sehe ich wie zum ersten Mal. Die Florentiner Renaissance behauptet Männlichkeit nicht nur, sie feierte sie auch, und nicht selten ohne Feigenblatt. Auch Neptun steht im warmen Septemberlicht herrlich auf seinem Brunnen. Und auf der Loggia dei Lanzi wird die maskuline Kampfkraft zelebriert. Wie aber soll ich das verstehen, was in Stein gemeisselte Frauen dort erdulden? Dort ereignet sich kein einziger Kuss zwischen Mann und Frau, und schon gar kein einvernehmlicher. Ich meine: Wenn der trojanische Held Ajax den griechischen Helden Achilles tötet, dann ist das von nobler Tragik. Aber ist es auch tragisch, wenn die Frauen dort geköpft (Medusa), geraubt und vergewaltigt werden (wie Polyxena und die Sabinerinnen)? Und der Dom ist zwar der Santa Maria del Fiore gewidmet, aber über dem rechten Portal steht: «Ecce ancilla domini». Heisst: «Ich bin die Magd des Herrn (und füge mich seinem Willen).» Ist das auch tragisch? Oder vollzieht sich da einfach eine angebliche Notwendigkeit?
Einerlei. Es liegt eine Stimmung von Heiterkeit und Freude über der Stadt, und wir haben Hunger.
Es ist 12.29 Uhr, als sich unser Schnellzug entschleunigt. Sofort beschleunigt sich bei mir die Ausschüttung von Stresshormonen. Wir sind irgendwo in der riesigen Agglomeration südlich von Como und müssen rechtzeitig in Milano Centrale sein. Denn dort müssen wir die famose Frechiarossa Richtung Florenz erwischen. Sofort erinnere ich mich bange an die zwei oder drei Male, bei denen so wichtige Umsteigemanöver in Mailand spektakulär scheiterten. Es soll zwar alles viel einfacher geworden sein, sagt meine Mutter. «Ich habe gehört, dass Zugfahren in Italien bald stressärmer ist als in Deutschland.» «Das glaube ich, wenn ich es sehe», antwortete ich.
Schon in Monza nimmt unser Zug wieder Fahrt auf. Bei der Ankunft in Mailand haben wir nur noch wenig Verspätung. Als wir aus dem vordersten Waggon steigen, stürmt uns zwar eine Truppe Menschen von der Bahnhofhalle entgegen und hätte uns beinahe den Weg verstellt. Doch wir können uns rechts an der Menge vorbeischlängeln und erreichen mit Leichtigkeit unseren Anschlusszug. Die Geschichte wäre gar nicht erzählenswert, wenn sie nicht so viel über unsere Sehnsucht nach Italien sagen würde. Für viele aus meiner Generation ist Italien eine Verheissung, das Land von Meer, Sonne, grosser Kunst, charmanten Männern und gutem Essen. Für mich ist Milano Centrale immer das Nadelöhr gewesen, durch das wir uns zwängen müssen, um unter die blauen Himmel des Südens zu gelangen. Der Mythos lebt, auch im Klimawandelsommer 2026, der den Himmel in der Schweiz seit Anfang Juni fast so ununterbrochen blau macht wie jenen in Italien. Und mit dem Mythos lebt die Sorge, dass die Passage durchs Nadelöhr misslingt.
Herr T. und ich haben es uns gemütlich gemacht. Da hechten – in der letzten Sekunde vor der Abfahrt – zwei junge Schweizer auf die Plätze neben uns. Sie waren zuvor im selben Zug wie wir, aber im hintersten Waggon. «Als wir ausstiegen, trampelten uns auf dem Perron so viele Menschen entgegen, dass wir fast überrannt wurden und nicht mehr vom Fleck kamen», erzählt einer der beiden. Er ist ganz verschwitzt.
Eine Frau rollt ein Barwägeli vorbei. Herr T. hat Durst und kauft eine Aludose Eistee von Ferrero. Ich koste auch einen Schluck. Überwältigendes Pfirsicharoma füllt mir Mund und Nase. Wir sind wahrhaftig in Italien.
Unterwegs von Andermatt nach Hospental. Die Grünfläche im Vordergrund ist Golfrasen, aber der Stall ist alt. (Bild: Frau Frogg)
Ich war nach Andermatt gekommen, um durchs Urserntal zu wandern. Ziel war Realp, aber ich hatte mich lange in Neu-Andermatt und der Schöllenenschlucht aufgehalten. Die Zeit würde wohl nur bis nach Hospental reichen.
Alte Kirche St. Kolumban. (Quelle: Wikimedia)
Mein Startpunkt war die Alte Kirche von Andermatt. Sie liegt, von der neuen Verkehrsplanung etwas ins Abseits gedrängt, am Dorfeingang. Erbaut zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert, verschafft sie der Spaziergängerin eine Ahnung davon, wie dünn besiedelt das Urserntal einst war. Sie bietet lediglich 100 Personen Platz und war doch bis 1602 die einzige Pfarrkirche in der Gegend. Geweiht ist sie dem Heiligen Kolumban, dem Schutzpatron der Motorradfahrer und Helfer bei Überschwemmungen. Beides passt. Im Vorgarten steht ein charmanter Gedenkstein mit einer Harfe, 2008 von irischen Botschafter gestiftet. Hier seien 1608 die letzten irischen Prinzen auf ihrer Flucht vorbeigekommen, steht darauf. Ich musste später eine Weile suchen, bis ich Informationen über die beiden Herren im Netz fand. Hier steht die Geschichte ihrer glücklosen Reise nach Mailand. Ihrem Tross soll sogar eine Ladung Gold in die Schöllenenschlucht gefallen sein. Ich wusste das noch nicht, war vom Anblick der irischen Harfe beschwingt und tänzelte Richtung Furkareuss.
Dort führt der Wanderweg zwischen Fluss und Golfplatz talaufwärts. Die Steigung ist meist unmerklich, das Tal ein breiter Trog, umringt von mächtigen Bergzacken, ein U-Tal. «U-Täler sind die Hängematten des lieben Gottes. Hier pflegt Er zwischen mächtigen, sanft abfallenden Bergflanken des Nachmittags zu ruhen!» schrieb eine euphorisierte Frau Frogg 2003 in ihren damaligen Blog. Heute würde dem lieben Gott beim Ruhen in der Ursern ab und zu ein Golfball ins Auge fliegen. Dennoch, die Landschaft bleibt grossartig. Und die Ställe sind aus Stein gebaut. Sie widerstehen so Lawinen besser, und sowieso gibt es wenig Holz hier.
Blick von der Burg auf Hospental. Im Hintergrund Andermatt.
Hospental erreichte ich nach einer Stunde, ein schmucker Ort, gepützelt und gepflegt. Ich hatte den Eindruck, dass Geld da ist, wohl auch wegen der Sawiris-Siedlung in Andermatt. Das Ortsbild ist hier aber intakt. Am oberen Dorfende zweigt die Strasse zum Gotthardpass ab, und auch der Wanderweg, den wir 2003 nahmen. Diesmal habe ich mehr Zeit, im Dorf zu verweilen und steige auch auf den Turm und geniesse die Aussicht. Dann hinunter zur Stelle, wo die Gotthardreuss in die Furkareuss mündet. Hier schicke ich meinen Freunden flussabwärts ein paar Gedanken. Das Wasser von hier fliesst irgendwann durch Luzern, Basel, Mannheim und Köln (wenn es nicht unterwegs verdunstet). Nach Realp gehe ich ein andermal.
Die ältere (unten, für Wanderer) und die neue Teufelsbrücke (für Autos und Motorräder) vom Eisenbahntrassee her gesehen. (Bild: Frau Frogg, 5. September 2026)
Wenige hundert Meter von Neu-Andermatt entfernt liegt eine Erinnerungsstätte der helvetischen Selbstwerdung: die Schöllenen. Hier tost die Reuss durch eine Schlucht zwischen zwei steilen Berghängen. Bis weit ins Mittelalter galt die Stelle als unpassierbar, eine Lücke im europäischen Verkehrswegnetz. Wer von Basel nach Milano wollte, musste einen Umweg machen.
Wie die Urner schliesslich zu einer Brücke kamen, ist in einer Sage überliefert. Die liebte ich schon als Kind, und weil sie eine Geschichte über den Umgang mit Fortschritt und Wachstum ist, erzähle ich sie an dieser Stelle: Um 1200 wollten die Urner in der Schöllenen einen Steg bauen, aber sie konnten es nicht. Der Landamman stand entmutigt da und rief aus: «Da bau der Teufel eine Brücke!» Und schon war der Leibhaftige zur Stelle und versprach, genau das zu tun. Aber er verlangte einen Lohn: «Der Erste, der sie überquert, sei mein.» Die Urner schlugen ein, Luzifer lieferte. Aber dann wollten die Urner doch keine Menschenseele in die Hölle schicken. Stattdessen brachten sie einen Geissbock zur Brücke. Als der Bock den Gehörnten auf der anderen Seite sah, meinte er, einen Rivalen zu erkennen und preschte zum Angriff hinüber. Der Teufel musste das Tier als Bezahlung nehmen und war stinkwütend.
Er ging hinunter nach Wassen und holte einen riesigen Stein, um die Brücke wieder zu zerschlagen. Keuchend stand er mit dem Brocken in Göschenen, als eine alte Frau auf ihn zukam. Sie forderte ihn – ganz geheucheltes Mitgefühl – auf, den Stein doch kurz abzustellen und zu verschnaufen. Er setzte sich, die Frau huschte um den Stein herum und ritzte ein Kreuz auf die Hinterseite. Da konnte Luzifer ihn nicht mehr bewegen. Er steht heute noch in Göschenen.
Niemand weiss, wer wirklich die erste Brücke durch die Schöllenen gebaut hat. Warum die Story trotzdem wichtig ist für die helvetische Selbstwerdung? Weil sich für die Innerschweiz mit der Nord-Süd-Direttissima ein neues Geschäftsfeld öffnete: Zölle und Arbeit für Säumer und Gastwirte. Die Einheimischen wollten selbst die Kontrolle über ihr Territorium und die lokale Wirtschaft und gründeten auch deshalb die Eidgenossenschaft. Und so weiter. Der Pass war nie so bedeutend, wie wir aus der Innerschweiz ihn uns gerne vorstellen. Aber für das Selbstverständnis der Schweiz war er lange Jahrhunderte zentral.
Der diabolische Brückenbauer hat sich längst aus Uri abgesetzt, heisst es. Aber wenn das Tal wieder einmal im Verkehr ersäuft, dann sagen manche, vielleicht habe der böse Kerl jetzt doch einen Weg gefunden, sich zu rächen. Und angesichts von Neu-Andermatt liegt der Gedanke ja ebenfalls nahe.
Um es gleich vorwegzunehmen: Es ist nicht die Architektur von Neu-Andermatt, die mich schockiert hat. Im Gegenteil: Die Bebauung ist dicht, es wurde viel mit Holz gearbeitet, mitunter erinnern die Fassadenverkleidungen an die Heuheinzen vom letzten Beitrag. Ich finde die Häuser im Allgemeinen (vielleicht nicht gerade das Weisse im Bild oben) ansprechender als die Fake-Chalet-Plantagen in anderen Skidestinationen. Was mich schockiert hat, ist der schiere Gigantismus dieser neuen Satellitenstadt im Alpental. Mehrere Hotels, 42 Apartmenthäuser, 25 Villen, ein Sport- und Freizeitzentrum mit Eissporthalle und Hallenbad, eine Konzert- und Kongresshalle, ein 18-Loch-Golfplatz und Geschäfte sind geplant oder schon realisiert, schreibt Wikipedia. Alles für Feriengäste. In einer Gemeinde, die um die 1600 Einwohner hat.
Einige nennen es das Wunder von Andermatt, hier Genaueres, die Kurzfassung geht wie folgt: In den neunziger Jahren zog die Armee aus dem Dorf weg, sie war zuvor Haupt-Arbeitgeberin im kargen Hochtal gewesen. In der Folge drohten die Abwanderung Einheimischer, Finanzprobleme und Verlotterung der Ski-Infrastruktur. Da kam der ägyptische Immobilieninvestor Samih Sawiris. Und baute. 1,5 Milliarden Franken soll er 2005 investiert haben (Quelle: hier). Es funktionierte. 2009 betrug die Anzahl Logiernächte 73’000, zehn Jahre später waren es über 129’000 (Quelle: hier). Sawiris wurde lange Jahre verehrt wie ein Halbgott, nicht nur in Uri.
Aber das Wunder hat auch Schattenseiten: Die Mieten schossen auch in Alt-Andermatt um 50 Prozent in die Höhe, in Wassen und Göschenen ebenfalls (Quelle: hier). Und dann der Verkehr! Als ich so am neuen Kreisel stand, musste ich an den Film Koyaanisqatsi denken, der mit majestätischen Naturbildern beginnt, dann menschgemacht hektischer und hektischer wird, bis zum atomaren Knall. 2023 kritisierte der Tages-Anzeiger ausserdem, dass «unter den Investoren in Andermatt anonyme Briefkastenfirmen in Steueroasen sind», Kontrollen gibt es nicht, Geldwäscherei ist denkbar (Quelle: hier).
Am 14. Juni stimmte die Schweiz über die «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative ab, eine dieser Volksinitiativen gegen die «Überfremdung», die in der Schweiz alle paar Jahre kommen. Gesamtschweizerisch stürzte das Volksbegehren mit 54,8 Prozent Neinstimmen ab, aber der Kanton Uri stimmte Ja. Das ist an sich wenig überraschend, Uri ist nun mal konservativ. Aber 59,9 Prozent, das ist ein hoher Ja-Stimmenanteil in einem Kanton, der auch vom Fremdenverkehr lebt. In der Debatte wurde wieder mal viel über Asylsuchende und die EU gelästert. Die Rechten bespielten diesmal aber auch das Gefühl vieler Leute, dass in der Heimat etwas Grundsätzliches aus den Fugen geraten ist. Wer Neu-Andermatt so sieht, kann dieses Gefühl nachvollziehen.
Ein Stall in der Gegend oberhalb von Amsteg im Juni 2003, mit Heuheinzen für die Ernte. (Bild: Frau Frogg)
Eine Zugfahrt durch den Kanton Uri hat etwas Mythisches. Hier war Wilhelm Tell, hier sind enge Täler und mächtige Berge und 150 Jahre Ingenieurskunst im Tunnelbau. Der Kanton Uri ist viel mehr als ein eindrücklich bebilderter Transit ins Tessin, wo ich diesmal sowieso nicht hinwollte. Ich strebte nach Andermatt, 1436 Meter über Meer, eine Sommerfrische. Es war der 5. September. Im Unterland erwarteten wir wieder über 30 Grad.
Ried ob Amsteg, 1970, die Lawinenbunker stehen weiter links. (Bild: Carlo Maurer, Staatsarchiv Uri)
Wenn ich durchs Urnerland fahre, sitze ich gerne auf der linken Seite des Zugs. Dann sehe ich südlich von Amsteg einen meiner Lieblingsorte: den Weiler Ried, eine Reihe alter Bauernhäuser hoch über der Reuss. Dazu seltsame Einmannkabinen aus Beton. Es sind Lawinenfluchtnischen, damit die Leute einen Zufluchtsort haben, wenn der Schnee vom Berg herunterdonnert. Herr T. und ich sind hier vorbeigewandert, im «Jahrhundertsommer» 2003, als wir von Flüelen über den Gotthard marschierten. In Ried stehen Häuser und Betonkabinen heute da wie damals. Noch im Februar 2026 war das Strässchen wegen Lawinengefahr gesperrt (Quelle: hier).
So sehe ich den Kanton Uri: ein Land, in dem Menschen den Bergen trotzen. Das ist für mich keine reine Folklore. Das Medienprodukt, bei dem ich 2003 arbeitete, wurde auch in Uri gemacht und gekauft. Ich habe mich beim Schreiben oft gefragt, was Leute lesen wollen, die hier oben eine Existenz stemmen.
Ein Blick auf die Strasse bei Gurtnellen reisst mich aus der Erinnerung. Auf der Autobahn herrscht Stossverkehr Richtung Süden. Auch auf der Hauptstrasse jagt ein Auto das andere talaufwärts. Es sind Reisende, die hoffen, auf der Kantonsstrasse schneller voranzukommen als auf der staugefährdeten A2. Das kann nach hinten losgehen, denn den Leuten hier oben stinkt die Hektik, am 18. Juli hat sich die IG Uri gewehrt. Da überquerten Einheimische in Einerkolonnen gemächlich ihre Fussgängerstreifen wieder und wieder, hin und zurück (srf.ch hat darüber berichtet).
Der ältere Deutsche in meinem Abteil zeigt aus dem Fenster. «Was ist das für ein Kirchlein dort?» fragt er. Sein Sohn antwortet mit verklärtem Blick: «Das ist Wassen. Wir sehen es jetzt schon zum dritten Mal, wegen der Kehrtunnels.» Man kann hier nicht vorbeifahren, ohne das Kirchlein von Wassen zu erwähnen, es ist eine Schweizer Obsession (siehe hier).
Dann Göschenen. Hier schiessen Autos und Züge in die Gotthardtunnels. Ich steige um nach Andermatt und staune, dass ich so viele Mitreisende habe. Andermatt liegt abseits der grossen Verkehrsströme. Dachte ich. Andermatt war 2003 ein Skiferienort im abgeschiedenen Hochtal Ursern. Eine Ahnung von Niedergang lag über dem Dorf. Heute sieht es dort so aus.
Beim Hotel Radisson Blu in Adermatt am 5. September 2026 (im Vordergrund die Konzerthalle) (Bild: Frau Frogg)
Andermatt eine Stadt in den Alpen geworden. Mit Verkehr, Verkehr, Verkehr, zwei riesigen Hotels, fünfstöckigen Chalets, einem Golfplatz und sogar einem Konzertsaal. Ich war geschockt. Was ist hier bloss passiert?