Abschiedsszenen in Orselina

Das letzte Abendmahl in der Kirche Madonna del Sasso, 2012 als Panorama fotografiert vom Herrn T. Damals war der Tisch noch leer.

Ich könnte noch viel erzählen über unsere vergangenen Ferien. Aber ich will das jetzt zu Ende bringen, mit einer Flaniergeschichte. Am letzten Morgen brach ich auf, um im Lebensmittelladen da Inka, im oberen Teil von Orselina, ein paar tessintypische Mitbringsel einzukaufen. Orselina ist ein guter Ort zum Flanieren, einer, an dem verschiedene Orte sich quasi überlagern. Wer Orselina sieht, denkt Fremdenverkehr: Pilgerort, Kurort, heute Feriendorf; dazu Millionärshügel und Agglogemeinde von Locarno – und vielleicht auch einmal einfach Dorf gewesen.

Diskutierende Jünger Jesu, unten in der Bildmitte eine Banane.

Ich machte einen Umweg hinunter zur Madonna del Sasso. Dort blieb ich – wie schon oft – bei der Nische hängen, wo die 13 Herren im Bild ganz oben seit dem 17. Jahrhundert «ihre finale Konferenz» abhalten, wie Herr T. es hier formuliert hat. Die Terrakottafiguren sind lebensgross und gestikulieren, als seien sie mitten im Reden erstarrt. Ich studiere sie stets vergnügt, diese Herren. Diesmal fiel mir ein neues Kuriosum auf: Der Tisch ist nun gedeckt, wenn auch frugal. Einige der Männer haben eine Banane vor sich. Gab es Bananen im biblischen Jerusalem?

Danach unterquere ich die Standseilbahn, ein ratterndes und knarzendes, 100 Jahre altes Verkehrsmittel für Touristinnen, Pilger und Leute, die Freude an diesen alten Fahrzeugen haben. Dahinter finde ich das Treppchen, das ich suche, eines von vielen, die kreuz und quer das Dorf verbinden. Vorbei an der stillen Villa Orselina, einem kleinen Nobelhotel, das (wieder einmal) geschlossen ist. Die Umbrüche der letzten Jahre sind auch an diesem Ort nicht spurlos vorbeigegangen.

Von dort hinein in die Via Caselle, eine Wohnstrasse. Neuere Wohnbunker säumen das Strässchen. Ferienwohnungen? Zweitwohnungen? Schwer zu sagen, aber wahrscheinlich teuer. Hier ist Leben, Bauhandwerker steigen gerade in einen Kleinlaster. Links lässig abgestellt ein schwarzer Fiat 500 mit Tessiner Kennzeichen und dem Logo eines Treuhänders. Man sieht diese Kleinwagen hier oft, sie eignen sich gut, um durch die Strässchen an den Hängen zu pfurren. Rechts vor dem Haus ein Blickfang: ein kanariengelbes Cabriolet mit Zürcher Nummer.

Blick von Ai Mött hinunter zum mondänen Bootshafen von Locarno.

Mir folgen zwei blonde Frauen in Beige und Weiss mit insgesamt vier Hündchen. Spitz, Spaniel oder Chihuahua? Ich weiss es nicht mehr. Ich steige links das Treppchen hoch, das Ai Mött heisst, unverkennbar Tessiner Dialekt, aber ich kann nicht eruieren, was es heisst. Dennoch: Hier ist einer meiner Lieblingsorte. Neben einem Bach und unter Walnussbäumen steht eine verwitterte Bank, auf die ich mich gerne setze. Ich wähne mich dann an einem Ort, den die Geschichte vergessen hat, im alten Orselina, falls es das je gegeben hat. Die Häuser, die etwas weiter oben stehen, sehen jedenfalls wie alte Tessiner Häuser aus, zweistöckige, schmale Bauten, sorgfältig saniert. Die Männer, die in den Gärten werken, könnten Deutschschweizer Gymnasiallehrer sein.

Das „alte“ Orselina (um 1953). Die Bank, auf der ich sass ist unterhalb der Hauptstrasse in einer Senke. Zuunterst, Mitte rechts, kann man den Weg Ai Mött erkennen. Der Lebensmittelladen ist gleich links von der Kirche, aber heute in einem neueren Gebäude (Quelle: Wikipedia)

Nach wenigen Schritten erreiche ich die Hauptstrasse und somit mein Ziel: den Lebensmittelladen von Inka. Es ist etwa 11 Uhr. Vor dem Lokal, an einem der Stehtischchen, gönnen sich zwei Handwerker eine Pause mit Dosengetränken. Am Nachmittag ist hier jeweils Hochbetrieb, der kleine Laden ersetzt die Dorfbeiz, die es nicht mehr gibt. Kleinlastwagen sind parkiert, wo es gerade geht, an jedem Stehtischchen plaudern und gestikulieren zwei, drei Männer in Handwerkerkluft, mit Feierabendbier oder Red Bull. Ich gehe in den Laden und kaufe Sugo arrabiata und eingelegte Steinpilze für die Nachbarn, die unsere Pflanzen gegossen haben. Wir sind bereit für die Heimreise.

Das Tessin, von der Sonnenstube zum Glutofen

Das Tessin galt einst als Sonnenstube der Schweiz. Aber das war zu einer Zeit, als auf der Alpennordseite die meiste Zeit im Jahr kühl und feucht war. Dieses Jahr jedoch war fast die gesamte Schweiz schon kurz nach Mitte Juni ein Glutofen. Nicht ganz so schlimm wie Paris oder Mannheim, wo die Sonne die 40 Grad-Marke knackte. Aber auch Basel kam auf 39 Grad. Wir waren im Tessin mit «nur» 34 Grad glatt privilegiert. Noch dazu nächtigten wir in einer Ferienwohnung mitten in einem Garten. Während wir schliefen, fächelten uns Palmen kühle Luft zu.

Doch auch wir schwitzten. Ende der ersten Woche hielt Feriennachbar Pesche seine Uhr, die alles messen kann, in den Swimming Pool. «Das Wasser hat 29 Grad!» rief er aus. Bezeichnenderweise lernte ich während dieser Ferien, warum im Tessin gemütliche, in Berghänge gebaute Restaurants oft «Grotto» heissen: weil die Einheimischen dort in höhlenartigen Kellern («grotti») früher Käse, Schinken und Butter kühlten – manchmal bauten sie dann kleine Gaststätten dazu. Auch unser Badezimmer war in den Hang gebaut. Nachts öffneten wir die Tür, dann kam ein kühler Luftzug in unser Schlafzimmer. Wir überlegten, ob wir das Bad nun «Grotto» nennen sollten. Aber das erinnerte zu sehr an Lebensmittel. So sagte ich abends: «Ja, dann mache ich jetzt die Tür zum Permafrost auf.»

Das Wort «Klimawandel» fiel während unserer vielen, heiteren Tafelrunden mit Freunden nicht ein einziger Mal. Es war überflüssig. Wir – mehrheitlich Ü60 – wissen über den Treibhauseffekt Bescheid, seit 40 Jahren, einige von uns waren Klimaaktivisten. Jetzt versuchten wir, düstere Ahnungen mit freundlicher Konversation zu verscheuchen. Wir nahmen leichte Mahlzeiten zu uns, schütteten massvoll Weisswein und reichlich Wasser, mitunter auch Gurkentrunk in uns hinein. Zu den Höhepunkten meiner Ruhetage in Orselina gehörte ein Caffè freddo shakerato in der Panetteria Cecchettin.

Den Regenradar konsultierten wir obsessiv. Geregnet hat es in Orselina genau dreimal. Manchmal erinnerte ich mich wehmütig an einen Junitag hier im Jahre 2016. Es war nicht kalt, aber es schüttete Bindfäden, Leintücher und Wolldecken, Katzen und Hunde. Herr T. hat hier darüber berichtet. «Tja, Sonnenstübchen», lästerten wir damals.

2026 sahen wir zwar öfter Gewitter vorbeiziehen. Einmal ging über einem Dorf in der Magadinoebene – wir sahen es aus der Ferne – ein heftiger Regenschauer nieder. Es sah aus, als hätte jemand eine Dusche angedreht, das Wasser glitzerte silbern, von Süden her schien die Sonne. Bei uns fielen lediglich dreimal eine Zeitlang lang schwere Tropfen. Wolken kamen und sahen regenschwer aus, doch über dem Lago Maggiore lösten sie sich meist auf. «Es versucht verzweifelt zu regnen», kommentierte Herr T. Und Nachbar Pesche sagte: «Ich vertraue dem Regenradar nicht mehr.»

Einmal zeigte Herr T. mir Fotos aus dem Jahr 2016. Auf einem von ihnen rollt der Ticino regengeschwollen, durch die Magadinoebene. Ich wurde traurig, denn 2026 waren die meisten Flüsse träge Rinnsale, manchmal etwas erfrischt von den Gewittern an den Bergkämmen. Als Pesche und Ruth nach zwei Wochen abreisten, hatte das Schwimmbecken 31 Grad.

 

Tessin: Mit Cochlea-Implantat verreisen

Blick von Ronco sopra Ascona nach Brissago. Etwas sorgloser einen strapaziösen Ausflug machen, dabei half das CI.

Viele haben mich gefragt, wie es ist, mit einem Cochlea-Implantat (CI) zu reisen. Nun, die Idee ist, dass man mit CI besser hört. Und ich hörte besser. Das heisst grundsätzlich: mehr Vergnügen an Gesprächen. Dennoch: Ich vernachlässigte das Hörtraining, das man mir aufgetragen hatte. Es war mir zu anstrengend. Natürlich stellte ich mir im Vorfeld auch ein paar bange Fragen, zum Beispiel: Kann man mit CI einen Sonnenhut tragen? Ich meine: Das E-Ohr ist nur mit einem Magneten und einem seidendünnen Plastikfaden an den Kopf geheftet. Und es liegt bei den meisten Hüten etwa auf der Höhe des Schweissbandes. Würde eine Kopfbedeckung es nicht ständig abstreifen?

Meine Sorge erwies sich als unbegründet. Der Sonnenhut passte tiptop. Beim Wandern im Wald erwies er sich sogar als besonders praktisch. Denn er verhindert, dass herunterhängendes Laub den Knopf vom Kopf streift. Ich musste mir lediglich beim Abziehen des Hutes den genau richtigen Schwung angewöhnen, damit ich mir nicht gleichzeitig das Gerät vom Kopf riss.

Den grössten Vorteil des E-Ohrs aber entdeckte ich bei Herrn T.s Lieblingstour auf die Brissago-Inseln (über deren Schönheiten ihr bei ihm nachlesen könnt). Sie beinhaltet zwei Busfahrten, einen anderthalbstündige Spaziergang, zwei Schifffahrten und eine Besichtigungstour und dauert mindestens sechs Stunden. Früher ängstigte mich dieser Ausflug, denn solche Strapazen gingen bei Menière-Patientin Frogg meist mit einem spürbaren Hörverlust einher. Aber dieses Jahr war alles anders. «Du wirst sehen, mit dem E-Ohr wirst du endlich wieder stabil gleich hören», hatte die Hörtherapeutin versprochen. Und sie behielt recht. Das E-Ohr läuft einfach weiter, solange der Akku geladen ist.

Einziger Nachteil: Ich hatte wenig Lust auf schwimmen. Es heisst zwar, das E-Ohr sei wasserdicht. Aber ich wollte nichts riskieren. Auch wenn unsere Ferienwohnung sogar einen kleinen Swimming Pool hatte, den wir mit vier Personen teilten. Ich hätte also nicht mal in die Badi nach Locarno gehen müssen, um mich dort von meinen beiden Hörhilfen zu entkabeln (links trage ich Hörgerät) und dann gehörlos und mit angeschlagenem Gleichgewichtssinn über Kies ins Wasser zu tappen. Ich konnte über eine simple Leiter in den Pool gleiten. Dennoch suchte ich das Schwimmbecken seltener auf als Herr T.. Ich fand das aber verkraftbar.

Eine Frage zum Reisen mit E-Ohr blieb bei der Reise ins Tessin unbeantwortet: Wie ist es, wenn man mit Metall im Kopf durch Sicherheitsschleusen muss, zum Beispiel an einem Flughafen? Aber im Moment denke ich noch: Das ist für Fortgeschrittene.

 

Locarno: Die Muskeln ruhen lassen

Heisst: „Für die Bizepse und den Planeten: Bring deine leeren Batterien zur Sammelstelle.“

Wir mussten uns eingestehen, dass es heiss war. Es war 15 Uhr am Tag 3 unserer Ferien, in der dritten Juniwoche. Das Thermometer strebte zielbewusst die 30 Grad-Marke an. Eben waren wir von unserem Spaziergang Richtung Tenero nach Locarno zurückgekehrt. Nun mussten wir mehr als eine Stunde warten. Wir waren später noch mit unseren Nachbarn übers Eck verabredet, die zufällig auch gerade hier Ferien machten. Da sagte Herr T.: «Wir gehen jetzt in den Park, setzen uns auf eine Bank und ruhen uns aus.» Beim Eingang zu den Giardini Rusca fotografierte ich das Plakat links. Den gelbgrünen Recycling-Superman gibt es auch in der Deutschschweiz. Aber ich fand das Wort «bicipiti» so reizvoll. Und genau in diesem Moment vollzog sich bei der Reisenden Frogg eine Veränderung, die diesen Ferien eine ganz andere Note gab als unseren früheren.

Auf jeder früheren Reise hätte ich Herrn T. den Schatten alleine aufsuchen lassen. Ich hätte wenigstens noch meine Beinmuskeln und Augen trainiert, indem ich ein Stündchen auf Entdeckungstour durch die Stadt geschlendert wäre. Aber diesmal folgte ich Herrn T. schicksalsergeben zu einem von Bäumen umgebenen Plätzchen mit einem mächtigen Bronzestier in der Mitte. Ich war so erhitzt, dass ich ihn nicht einmal fotografierte. Wir setzten uns auf den letzten verbliebenen Platz – die schattigen Stellen auf den acht Bänken waren mit einer Ausnahme alle besetzt.

Dann trafen wir unsere Nachbarn, fanden ein sympathisches Lokal in der Nähe der Piazza Sant’Antonio (der Grosse) und genehmigten uns einen Apero. Der Abend gehörte zu den vielen Treffen, die diese Ferien ebenfalls ganz anders machten als alle vorhergegangenen. Einige unserer Bekannten und Freunde, viele von ihnen pensioniert, waren auch gerade hier. Herr T., selbst Pensionist, hat einen Freundeskreis aufgebaut, während ich malochte und meine Ohren pflegte. Es war alles sehr entspannt. Man hatte Zeit zum Plaudern, keine himmelsstürmenden Projekte. Auch unsere Nachbarn im Ferienhaus, Ruth und Pesche, erwiesen sich als kontaktfreudig und sehr freundlich. Dank CI blieb ich beim Plaudern auch länger fit.

Für alle, die gespannt auf mehr News über das Reisen mit CI warten: Der nächste Beitrag wird sich damit befassen. Wer eine übersichtlichere Zusammenfassung unserer ersten Woche will, lese hier beim Kulturflaneur nach.

Locarno: Ein paar Minuten Ewigkeit direkt beim Bahnhof

850 Jahre alt und immer noch gwundrig.

Unsere Freundin Severine, Bernerin und somit reformierter Herkunft, kennt sich im Locarnese bestens aus. Doch als ich einmal die Kirche San Vittore erwähnte, sagte sie in ihrer direkten Art: «Mit den Kirchen hier musst du mir nicht kommen! Sie interessieren mich nicht, und für mich ist die katholische Kirche sowieso eine Art Sekte.» Ich verstehe, was sie meint. Trotzdem werden in meinen Feriengeschichten hier einige Kirchen vorkommen. Nicht, weil ich besonders religiös bin. Sondern, weil ich zugänglich bin für die Wirkung kultischer Räume. Und weil einige dieser alten Gemäuer die Geschichte vieler Jahrhunderte konservieren.

Teile der Basilika San Vittore zum Beispiel stehen seit über 900 Jahren. Das reicht für eine Ahnung von Ewigkeit, die ich dort immer wieder gerne für ein paar Minuten wirken lasse. Die Kirche liegt direkt neben Bahnhof Locarno und ist wohltuend kühl und meist leer. Ihr galt einer unserer ersten Besuche im Tessin. Das Gesicht, das auf dem Bild oben so wissbegierig aus den Büschen äugt, ist 850 Jahre alt und am Kapitell einer der Säulen in der Krypta zu sehen. Ich hoffe jedes Mal, wenn ich dort bin, dass es zu sprechen anfängt.

Lebensmittelpreise nach der Teuerung (Foto: Herr T.)

Auch der Turm der Kirche hat eine Eigenheit, die durch die Jahrhunderte zu uns spricht. An der Ostwand ist auf schätzungsweise 15 Metern Höhe eine Steintafel angebracht. In sie ist die Empörung über die Teuerung von 1527 eingemeisselt. Getreide war damals knapp, weil es verheerende Unwetter und Krieg in der Lomardei gegeben hatte, wo das meiste Korn herkam. Ich kann nur raten, aber ich vermute, «FURM» heisst Weizen, «SICALE» Roggen und «MILO» Hirse. Angegeben sind wohl Pfundpreise, «COST LIBRE», ich weiss aber nicht in welcher Währung. Meine Quelle* erklärt die seltsame Platzierung der Tafel: Wegen dieser wirtschaftlichen Schwierigkeiten musste man den Bau des Turms damals auf der Höhe der Inschrift unterbrechen. Er wurde erst 1932 fertiggestellt, 400 Jahre später.

Bevor uns die Tafel die aktuelle Weltlage in Erinnerung rufen konnte, gingen wir von dort die üblichen, wenigen Schritte bis zum Seeufer und genossen einen Spaziergang Richtung Tenero. Herr T. hat bereits 2016 über diese Route geschrieben (hier).

  • Quelle: Eva Meret Neuenschwander und Jürg Schneider: „Tessin und Lago Maggiore; Handbuch für individuelles Entdecken“ ; Bielefeld, Reise Know-how Verlag Peter Rump, 4. Auflage, 2014

Tessin: Ankommen in Orselina

Madonna del Sasso, das Wahrzeichen von Orselina (rechts unten der Lago Maggiore und Locarno). (Quelle: froggfoto).

Weil ich mein E-Ohr erst seit drei Wochen hatte, verbrachten wir die Ferien dieses Jahr in der Schweiz. Im Falle eines Falles wollte ich schnell zu Hause sein. Deshalb hatte Herr T. uns eine kleine Ferienwohnung in Orselina gemietet, seiner Wunschdestination.

Ich war zuerst nicht so enthusiastisch. Wir sind ja schon so viele Male in Orselina gewesen! Doch als wir in der S-Bahn durch die Magadinoebene Richtung Locarno tuckerten, sagte Herr T. plötzlich gut gelaunt: «So, gleich halten wir beim Töneli.» Er meinte die S-Bahn-Station St. Antonino, die wir stets liebevoll «s’Töneli» nennen. Vom Zug aus sieht man dort zwar nichts als einstöckige Agglo-Gewerbegebäude, ausgestiegen sind wir noch nie. Und doch machte mich auf einmal die Vorfreude ganz flattrig. Ich konnte es kaum erwarten, wieder durch die alt bekannten Gässchen des Tessins zu streifen.

So war diese Reise keine Forschungsexpedition wie unsere letzte in die Westschweiz. Wir suchten diesmal das Vertraute. Oft waren wir wie Kinder, die immer wieder dieselben Märchen hören wollen. Und zwar genau gleich erzählt. Und nach meinem letzten Beitrag habe ich es mir noch einmal recht überlegt: Ich werde euch jetzt einige dieser Märchen auch erzählen.

Ja, und dann trafen wir in Locarno ein und stiegen in einen Bus Nummer 4 des hiesigen Verkehrsunternehmens Fart. Wieder einmal erzählte ich Herrn T. staunend, dass sogar ich die Fart-Pläne nach Orselina mit dem SBB-App endlich verstehe (früher hielt Herr T. sie im Bus als kleine Papierstösse auf den Knien und doch gingen unsere Busreisen öfter schief). Wir fuhren hinauf zum malerischen Dorf Brione sopra Minusio, wo das Fahrzeug die Nummer wechselt und zu einer 3 wird und dann: Orselina! Links im alten Dorfzentrum der Lebensmittelladen: «Schau, Inka hat sich halten können¨!» rief ich glücklich. Noch zwei Stationen, und schon sassen wir an einem gedeckten Tisch im Ristorante Stella.

Schweizerdeutsch 69: Vorbei!

Scho omen Egge!

Standarddeutsch: «Es ist schon um die Ecke.» Das pflegten wir zu sagen, wenn jemand von uns etwas noch hätte sehen oder sagen wollen – der richtige Moment aber schon vorbei war. Mitunter schwingt bei Gebrauch dieser Redensart leise Schadenfreude mit: «Ja, das hast du wieder mal verträumt!»

Dazu passt eine Kürzestchronik der letzten vier Wochen. Denn einige von euch mögen sich gefragt haben, warum ich so lange nicht gebloggt habe. Nun: Wir hatten – wieder einmal – verfrühte Sommerferien. Gerne hätte ich mich vorher kurz hier abgemeldet. Aber als ich endlich Zeit dafür gehabt hätte, waren wir «scho omen Egge»,  im Zug Richtung Tessin. In den Ferien blogge ich grundsätzlich nicht, da bin ich einfach unterwegs.

Die freie Zeit ging wie im Flug vorbei. Um die Rückkehr aus der geliebten Südschweiz dann noch ein wenig hinauszuzögern, wählten wir auf der Heimreise nicht die finstere Direttissima durch den Gotthard-Basistunnel, sondern die lange Strecke durch die Leventina. Diese Bahnfahrt hat für uns alte Tessinreisende ihre vertrauten, ikonischen Ausblicke: die Wasserfälle über dem Bahnhof Biasca etwa: gesehen. Der obere Einstieg der Schlucht Dazio Grande bei Rodi-Fiesso: gesehen. Dann picknickten wir und plötzlich: «Wo ist jetzt das Eishockey-Stadion von Ambri-Piotta?» – «Scho omen Egge.» Und auch das Bähnli hinauf zum Ritom-See: «scho omen Egge». Dann schoss der Zug bei Airolo in den Gotthardtunnel und jetzt sind wir wieder zu Hause. Und ich frage mich, ob ich überhaupt noch über diese in vielerlei Hinsichten aussergewöhnliche Reise bloggen soll. Oder ob das alles «scho omen Egge» ist.

Die Wolfstreppe – aktualisiert

Die Wolfstreppe oder Salita del Lupo, etwa von der Hälfte aus abwärts gesehen. Sie hat hier einen Handlauf, wie man sieht. (Sept. 2023)

Im Sommer 2022 konnten Herr T. und ich dann doch noch ein paar Tage in die Ferien. Wenn man krank ist, ist es immer dasselbe: Vieles geht nicht wie normal. Tja, da muss man neue Wege finden – und das versuchten Herr T. und ich. Wir reisten in unser geliebtes Orselina im Tessin. Am dritten  Tag waren wir früh mit Freunden in Locarno verabredet. „Lass uns morgen zu Fuss hinunterhingehen“, sagte ich abends zu Herrn T., „ich habe Lust auf einen Spaziergang.“ Tatsächlich erreicht man Locarno von Orselina aus zu Fuss in ungefähr 25 Minuten, zum Beispiel auf der Salita del Lupo, der Wolfstreppe. Man kann auf dieser Treppe die 250 Höhenmeter bis zum Bahnhof Locarno fast fadengerade hinabsteigen. Ich behaupte sogar, dass man gleich schnell ist wie die Millionäre dort oben, die sich mit Geländewagen die engen Kurven hinunterzwängen. Aber man muss halt das alte Wegnetz kennen. Dieses hatten wir während mehrerer Ferien erforscht.

Die Salita del lupo entdeckte ich 2016. Laut Leuten, die besser zählen können als ich, hat sie ungefähr 600 Stufen. Von der Hauptstrasse durch das Orselina her kommend, geht man zuerst zum Beispiel die Scalinata alle Scuole hinunter, da muss man vor der ersten Strassenüberquerung einer Klinik ausweichen. Es gibt aber auch noch andere Treppchen abwärts, alle sind alt, etwas brüchig, aber planvoll angelegt. Ich glaube, früher wurden sie rege benutzt, die Klinik hat man später dann einfach über den Weg gebaut, Motto: „Wer geht schon zu Fuss heute? Haben doch alle ein Auto!“

Wir wollten also die Wolfstreppe nehmen. Ich studierte spätabends die Karte, um am nächsten Morgen der Klinik gekonnt ausweichen zu können. Da erinnerte ich mich: Die Wolfstreppe geht auf der unteren Hälfte durch offenes Grasland, schwindelerregend. Hat sie überhaupt einen Handlauf? Ich glaube nicht. Eine steile Treppe ohne Handlauf abwärts gehen – da hätte ich mich ebensogut gleich in einen Abgrund stürzen können, die Chemo hat dem Karussell in meinem Innenohr ordentlich Schub verliehen.

Später würde ich merken, dass meine Ängste übertrieben waren. Am Sonntag, 24. September 2023, habe ich in besserer Verfassung die Wolfstreppe dann doch absolviert, abwärts und aufwärts. Ich stellte fest: Es gibt vor allem in der unteren, schwindelerregenden Hälfte, einen stabilen, durchgehenden Handlauf. Im der oberen  Hälfte fehlen solche Stützen zum Teil. Dort ist der Ausblick aber weniger schwindelerregend, und es gibt oft Mauern oder Maschendraht zum Festhalten auf beiden Seiten der Treppe.

In jener Nacht im Jahre 2022 aber haderte ich lange. Dann gestand ich Herrn T. das Problem. Es war spät abends, und er hatte null Verständnis für meinen Sinneswandel. Dass ich schlecht höre, versteht er. Aber beim Schwindel denkt er manchmal, ich würde meine Möglichkeiten unterschätzen.

„Es gibt eine Alternative“, sagte ich. „Wir gehen einfach bei der Madonna del Sasso vorbei. Dort gibt es einen Handlauf.“ Die Madonna del Sasso liegt im unteren Dorfteil von Orselina. „Das ist ein verdammter Umweg“, schimpfte Herr T. „So früh am Morgen braucht das zu viel Zeit.“ Wir sind beide keine Frühaufsteher. Wir grummelten ein bisschen, dann legten wir uns schlafen. Am Morgen erwachte ich schon um 7 Uhr, und siehe da: Herr T. war auch wach. So gingen wir bei der Madonna del Sasso bergab. Die Treppen dort sind bequem, für Pilger gemacht. Wir waren sogar zu früh in Locarno.

Kleines Mosaik auf einer der Treppenstufen der Wolfstreppe. Ist sie nach diesem Kunstwerk benannt oder gab es hier früher tatsächlich Wölfe? Ich weiss es nicht. (Bild vom September 2023)