Drei Syrer

Dieses Bild habe ich am 11. Oktober 1998 in einer der Toten Städte* in Syrien gemacht. Die drei Burschen huschten mit einer ganzen Kinderschar hinter uns her, als wir durch die Ruinen einer der Geistersiedlungen gingen. Alle Kinder trugen Schuluniformen, die Mädchen grüne Röcke und weisse Kopftücher. Sie kamen aus dem bewohnten Dorf in der Nähe.

Als ich aus einem der Häuser trat, standen die drei Knaben im Hof. Sie sahen meine Kamera und warfen sich in Pose. Sie wollten fotografiert werden. Es war ein Spiel. Ich wollte sie nach ihrer Adresse fragen und ihnen später Abzüge schicken – aber ich konnte kein Arabisch, und unser Fremdenführer war weit weg. Es blieb bei dieser flüchtigsten aller Begegnungen.

Die Buben sind heute um die 30, ihr Dorf ist Kriegsgebiet. Die Toten Städte neben ihrem Dorf sind auf der Liste des bedrohten Unesco-Weltkulturerbes. Einige der leeren Siedlungen seien in Rebellenhand, heisst es. In anderen habe man islamistische Plünderer gesehen. Über die Menschen im Dorf erfährt man nichts. Es waren einfache Leute. Wir sahen das Haus einer Familie. Sie wohnten in einem einzigen, grossen Zimmer mindestens zu Dritt. Sie hatten Oliven- und Kirschhaine, und zwischen den Felsen wucherten Feigenbäume.

Vielleicht sind die Jungs auf dem Bild Soldaten geworden, auf welcher Seite auch immer. Vielleicht hat der Krieg sie zu mordenden Bestein gemacht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht haben sie junge Familien. Vielleicht sind sie tot. Vielleicht geflohen. Ich weiss es nicht. Aber wenn ich heute in diese Gesichter schaue, dann weiss ich eins ganz sicher: dass ich ihnen verpflichtet bin. Oder wenigstens ihren Brüdern und Schwestern und Kindern.

* Die Toten Städte sind um 1800 Jahre alte Steinhäuser. Einst haben dort reiche Christen gewohnt, Kirchen gebaut und ihren Wein und ihre Olivenöl in die halbe Welt exportiert. Im siebten Jahrhundert – noch vor der Eroberung durch die Muslime – verarmten sie und wanderten aus. Seither sind die Städte unbewohnt, Geisterhäuser aus Kalk auf roter Erde. Aber man konnte dort 1998 noch antike Ölpressen bestaunen.

2 Gedanken zu „Drei Syrer“

  1. Super interessanter Bericht. Danke. Da wird man nostalgisch. Vielleicht hätte man noch ein paar Fotos von den alten Steinhäuser oder der Ölpresse veröffentlichen können. Dieser Krieg ist wirklich entsetzlich. Darüber habe ich gestern in meinem Blog berichtet.

  2. REPLY:

    Hier ein Bild von der Ölpresse in Serjilia (Quelle: previews.agefotostock.com). Ich selber habe dort nicht viel fotografiert. Ich war so überwältigt von den Eindrücken, dass ich gar nicht wusste, wo ich anfangen sollte. Und man fotografierte ja damals noch nicht digital. Zumindest ich habe damals noch die Dinge auf mich wirken lassen, bevor ich abdrückte. Und die Wirkung dauerte einfach sehr lange 😉

    Und hier noch ein Bild, das jenen in meiner Erinnerung an die Toten Städte gleicht:


    (Quelle: Wikimedia)

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