Später trinke ich einen doppelten Espresso in Alt-Andermatt und belausche den Deutschen am Nebentisch. Seit ich ein Cochlea-Implantat habe, kann ich wieder Unbekannten zuhören, wenn sie laut und deutlich sprechen. Der Mann am Nebentisch arbeitet hier, seine Kollegen sind aus seiner Heimat. Er lästert, weil an heissen Tagen scharenweise Klimatouristen nach Andermatt (1463 Meter über Meer) kommen, um sich von etwas kühler Luft umfächeln zu lassen. Sie fahren zum Teil auch weiter, über Oberalp, Gotthard oder Furka, die drei Pässe hier oben. «Dann stehen sie mit ihren Porsches an der Tankstelle, einer am anderen! Die heizen doch den Klimawandel noch an. Ich meine, wenn wenigstens jeweils vier Personen in so einem Porsche sitzen würden! Aber nein, jeder hat seinen eigenen!»
Ich muss einwenden, dass ich hier oben keine Porsches gesehen habe. Aber doch viel motorisierten Individualverkehr aller Art. Dennoch: Die paar Sätze bringen gut das Unbehagen zum Ausdruck, das hierzulande zum Teil nach dem Hitzesommer herrscht. Es gilt als unanständig zu lauschen. Aber bei Flaneurinnen ist es ausdrücklich erwünscht (siehe hier).


Und ich „belausche“ oft gebärdensprechende Menschen. Zuletzt ist mir das vor wenigen Wochen in einer Wiener U-Bahn-Garnitur passiert. Das war Fernsehen vom Feinsten und ich fand es schade, dass die kleine Gruppe dann aussteigen musste.
😀 Oh, Das ist höhere Lauschkunst! Es ist mir schon aufgefallen, dass Gebärdende unterwegs auf eine Art reden, die nahelegt, dass sie glauben, nicht belauscht werden zu können.
So ist es. Wenn ich mich mit meinen Eltern in aller Öffentlichkeit unterhalte, fällt uns oft im Geplauder ein, dass wir doch womöglich verstanden werden. Wir haben schon hin und wieder wissende Blicke von fremden Menschen geerntet.
🙂 Da weiss man dann halt nicht, ob die Leute wirklich „mitgehört“ haben oder ob sie schon stolz drauf sind, gemerkt zu haben, dass da ein Gespräch in Gebärdensprache geführt worden ist. Ich habe immer den Eindruck, dass sehr viele Leute Gebärdensprache so cool finden. Aber sprechen tun nur wenige Hörende sie. Alle, die es können, sagen immer, es sei schwierig zu lernen, wenn du es nicht von klein auf machst.
Dein Eindruck täuscht nicht. Ich bin Menschen begegnet, die die GS faszinierend finden und aber über den Anfängerkurs nicht hinauskommen. Es mangelt an der Praxis und – es ist mein Eindruck, er kann gern berichtigt werden – ich unterstelle den Gehörlosen auch eine gewisse Arroganz, wenn sie Gebärdensprach-Anfänger:innen begegnen und sie verlieren dann das Interesse.
Aber ich schweife vom Thema ab.
Es ist toll, dass Du mithilfe des CI nun Gesprächen in bestimmten Situationen (gute Aussprache, nicht zu laute Umgebung) folgen kannst.
Wie schön, dass du nun Leute am Nebentisch belauschen kannst! Die Investition in den Kleinwagen an/in deiner Cochlea hat sich also gelohnt.
Und was die Porsches in den Alpen anbelangt. Bestimmt schwingt da auch noch etwas Neid mit. Was mich eher beunruhigt, sind die vielen SUVs auf unseren Strassen, und seien sie elektrisch angetrieben. Oft sind sie tatsächlich von einer einzigen Person bewohnt.
Stell dir vor, die viele graue Energie, bis das Teil auf der Strasse steht – und bis es später wieder entsorgt ist. Die Autos kommen heute daher, als seien sie auf Steroiden. Warum eigentlich? Aus Sicherheitsgründen? Weil man mehr Kohle machen kann? Weil es cool ist, wenn man einen Grösseren hat …
Ja, die vielen SUV! Sie sind mir auch ein Dorn im Auge. Ich vermute, dass die meisten Leute die Dinger als „Familienwagen“ und Statussymbole kaufen. Als ich jung war, hatte ich den Eindruck, dass Statussymbole eines Tages nicht mehr nötig sein werden. Alle können sich ausstatten, wie sie wollen. Es zählt nur noch die Leistung. Aber dann setzte ja im Konsum eine genau entgegengesetzte Bewegung ein. Distinktion wurde wieder ungeheuer wichtig.
Den SUV im Kommentar kann ich beantworten: Wenn ich hier in den Wald fahre ist mir ein Allradantrieb schon sehr recht, auch wenn das längst kein richtiger, grobschlächtiger Geländewagen mehr ist und nur wenig Reserven im Matsch hat. Dass es diese Dinger auch ohne dieses hier zweckdientliche Detail gibt habe ich deshalb auch nie verstanden – und dass sie in der Masse in der Stadt umherfahren, um so größer, um so besser, auch nicht. –
In den heißen Tagen waren wir, ich schrieb es, im Montafon. Wir selbst flohen ja eher vor unserer heimischen Baustelle, aber ein Mann, den wir trafen, erzählte – er sei vom Kaiserstuhl, wo zwar der Wein wächst, aber in dieser Hitzeperiode sonst wohl nicht mehr viel – dass er tatsächlich vor den Temperaturen geflüchtet war. Einzige Bedingung: über 1500m. Wir hatten Verständnis für ihn, es war heiß genug. Selbst noch da oben.
Ja, die Flucht für der Hitze ist ein verbreitetes Motiv geworden. Ich war ja auch vor der Hitze im Tal geflohen. Aber in einem Zug, der bis auf den letzten Platz besetzt war. Auf der Fläche eine Autos hatten da acht Leute mitsamt Gepäck Platz. Draussen im Gang standen die Leute. Ich erlaube mir ein reines Gewissen. Ich weiss aber auch, dass Schienenkapazitäten begrenzt sind. Es ist also nicht so einfach.