
Wenige hundert Meter von Neu-Andermatt entfernt liegt eine Erinnerungsstätte der helvetischen Selbstwerdung: die Schöllenen. Hier tost die Reuss durch eine Schlucht zwischen zwei steilen Berghängen. Bis weit ins Mittelalter galt die Stelle als unpassierbar, eine Lücke im europäischen Verkehrswegnetz. Wer von Basel nach Milano wollte, musste einen Umweg machen.
Wie die Urner schliesslich zu einer Brücke kamen, ist in einer Sage überliefert. Die liebte ich schon als Kind, und weil sie eine Geschichte über den Umgang mit Fortschritt und Wachstum ist, erzähle ich sie an dieser Stelle: Um 1200 wollten die Urner in der Schöllenen einen Steg bauen, aber sie konnten es nicht. Der Landamman stand entmutigt da und rief aus: «Da bau der Teufel eine Brücke!» Und schon war der Leibhaftige zur Stelle und versprach, genau das zu tun. Aber er verlangte einen Lohn: «Der Erste, der sie überquert, sei mein.» Die Urner schlugen ein, Luzifer lieferte. Aber dann wollten die Urner doch keine Menschenseele in die Hölle schicken. Stattdessen brachten sie einen Geissbock zur Brücke. Als der Bock den Gehörnten auf der anderen Seite sah, meinte er, einen Rivalen zu erkennen und preschte zum Angriff hinüber. Der Teufel musste das Tier als Bezahlung nehmen und war stinkwütend.
Er ging hinunter nach Wassen und holte einen riesigen Stein, um die Brücke wieder zu zerschlagen. Keuchend stand er mit dem Brocken in Göschenen, als eine alte Frau auf ihn zukam. Sie forderte ihn – ganz geheucheltes Mitgefühl – auf, den Stein doch kurz abzustellen und zu verschnaufen. Er setzte sich, die Frau huschte um den Stein herum und ritzte ein Kreuz auf die Hinterseite. Da konnte Luzifer ihn nicht mehr bewegen. Er steht heute noch in Göschenen.
Niemand weiss, wer wirklich die erste Brücke durch die Schöllenen gebaut hat. Warum die Story trotzdem wichtig ist für die helvetische Selbstwerdung? Weil sich für die Innerschweiz mit der Nord-Süd-Direttissima ein neues Geschäftsfeld öffnete: Zölle und Arbeit für Säumer und Gastwirte. Die Einheimischen wollten selbst die Kontrolle über ihr Territorium und die lokale Wirtschaft und gründeten auch deshalb die Eidgenossenschaft. Und so weiter. Der Pass war nie so bedeutend, wie wir aus der Innerschweiz ihn uns gerne vorstellen. Aber für das Selbstverständnis der Schweiz war er lange Jahrhunderte zentral.
Der diabolische Brückenbauer hat sich längst aus Uri abgesetzt, heisst es. Aber wenn das Tal wieder einmal im Verkehr ersäuft, dann sagen manche, vielleicht habe der böse Kerl jetzt doch einen Weg gefunden, sich zu rächen. Und angesichts von Neu-Andermatt liegt der Gedanke ja ebenfalls nahe.

Ein Gedanke zu „Schöllenen: Wo die Urner den Teufel überlisteten“