
Um es gleich vorwegzunehmen: Es ist nicht die Architektur von Neu-Andermatt, die mich schockiert hat. Im Gegenteil: Die Bebauung ist dicht, es wurde viel mit Holz gearbeitet, mitunter erinnern die Fassadenverkleidungen an die Heuheinzen vom letzten Beitrag. Ich finde die Häuser im Allgemeinen (vielleicht nicht gerade das Weisse im Bild oben) ansprechender als die Fake-Chalet-Plantagen in anderen Skidestinationen. Was mich schockiert hat, ist der schiere Gigantismus dieser neuen Satellitenstadt im Alpental. Mehrere Hotels, 42 Apartmenthäuser, 25 Villen, ein Sport- und Freizeitzentrum mit Eissporthalle und Hallenbad, eine Konzert- und Kongresshalle, ein 18-Loch-Golfplatz und Geschäfte sind geplant oder schon realisiert, schreibt Wikipedia. Alles für Feriengäste. In einer Gemeinde, die um die 1600 Einwohner hat.
Einige nennen es das Wunder von Andermatt, hier Genaueres, die Kurzfassung geht wie folgt: In den neunziger Jahren zog die Armee aus dem Dorf weg, sie war zuvor Haupt-Arbeitgeberin im kargen Hochtal gewesen. In der Folge drohten die Abwanderung Einheimischer, Finanzprobleme und Verlotterung der Ski-Infrastruktur. Da kam der ägyptische Immobilieninvestor Samih Sawiris. Und baute. 1,5 Milliarden Franken soll er 2005 investiert haben (Quelle: hier). Es funktionierte. 2009 betrug die Anzahl Logiernächte 73’000, zehn Jahre später waren es über 129’000 (Quelle: hier). Sawiris wurde lange Jahre verehrt wie ein Halbgott, nicht nur in Uri.
Aber das Wunder hat auch Schattenseiten: Die Mieten schossen auch in Alt-Andermatt um 50 Prozent in die Höhe, in Wassen und Göschenen ebenfalls (Quelle: hier). Und dann der Verkehr! Als ich so am neuen Kreisel stand, musste ich an den Film Koyaanisqatsi denken, der mit majestätischen Naturbildern beginnt, dann menschgemacht hektischer und hektischer wird, bis zum atomaren Knall. 2023 kritisierte der Tages-Anzeiger ausserdem, dass «unter den Investoren in Andermatt anonyme Briefkastenfirmen in Steueroasen sind», Kontrollen gibt es nicht, Geldwäscherei ist denkbar (Quelle: hier).
Am 14. Juni stimmte die Schweiz über die «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative ab, eine dieser Volksinitiativen gegen die «Überfremdung», die in der Schweiz alle paar Jahre kommen. Gesamtschweizerisch stürzte das Volksbegehren mit 54,8 Prozent Neinstimmen ab, aber der Kanton Uri stimmte Ja. Das ist an sich wenig überraschend, Uri ist nun mal konservativ. Aber 59,9 Prozent, das ist ein hoher Ja-Stimmenanteil in einem Kanton, der auch vom Fremdenverkehr lebt. In der Debatte wurde wieder mal viel über Asylsuchende und die EU gelästert. Die Rechten bespielten diesmal aber auch das Gefühl vieler Leute, dass in der Heimat etwas Grundsätzliches aus den Fugen geraten ist. Wer Neu-Andermatt so sieht, kann dieses Gefühl nachvollziehen.

2 Gedanken zu „Das Wunder von Andermatt – eine Stadt in den Alpen“