Im Indianerkleid


Silberpfeil-Comics hatten wesentlichen Einfluss auf Frau Frogg’s kindliche Vorstellung von cooler Frauenbekleidung (Bildquelle: lambiek.net)

Manchmal durften mein kleiner Bruder und ich in Grossvaters roten Opel Rekord steigen. Dann fuhr er mit uns zum nächsten Kiosk und kaufte uns einen Stapel Andy und Bessy- und Silberpfeil-Comics. Wir wussten, dass das ein anrüchiges Vergnügen war. Comics galten als Schundliteratur – andere schenkten ihren Enkeln gewissenhaft richtige Bücher. Was unser Vergnügen an Andy und Bessy & Co. aber eher befeuerte. Und unseren Grossvater liebten wir gerade deshalb, weil er sich um gewisse Konventionen überhaupt nicht scherte. Er traute uns offensichtlich Dinge zu, vor denen bravere Leute ihre Kinder schützen zu müssen glaubten. Darauf waren wir sogar ein bisschen stolz.

Als ich neulich auf Herrn Wortmischers Kleider-Alphabet als zweitletzten freien Buchstaben ein „I“ vorfand, fiel mir dazu spontan das Wort „Indianergwändli“ ein – und die Episode mit meinem Grossvater. Und dass ich als Kind immer ein Kleid wollte wie Mondkind, die Heldin und einzige weibliche Identifikationsfigur in Silberpfeil. Das karminrote, sehr beinfreie Stück ist im Bild oben links gut sichtbar.

Hat mir die Lektüre dieser Comics irgendwie geschadet? Wahrscheinlich nicht. Tatsache ist: Vor zwei drei Jahren habe ich entdeckt, dass meine Eltern sie sogar aufbewahrt haben. Offenbar war ihnen die Erinnerung an unser Lesevergnügen wichtiger als ihr literarischer Wert. Jedenfalls gaben sie sie meinen Nichten zu lesen. So sah ich sie auch wieder mal – und hatte einen sehr tantenhaften Reflex: Ich fand die Bilder für Kinder sinnlos übersexualisiert und das Frauenbild eine Katastrophe. Ich war geradezu erleichtert, dass meine Nichten das Zeug zwar zügig lasen, aber offensichtlich nicht sonderlich interessant fanden.

Eins weiss ich mit Sicherheit: Ich bekam dann ein Indianerkleid – zur Fasnacht 1976. Womit auch die Frage beantwortet ist, was ein „Gwändli“ ist: ein Karnevalskostüm eben. Ich war aber schwer enttäuscht von dem, was ich da tragen musste. So also sieht es aus, wenn man versucht, die Fiktion in die Realität umzusetzen, dachte ich.


Frau Frogg (10) an der Fasnacht 1976 – daneben der Kleine Bruder (7) in gekonnter Cowboy-Pose

14 Gedanken zu „Im Indianerkleid“

  1. „So also sieht es aus, wenn man versucht, die Fiktion in die Realität umzusetzen“. Sehr lustig. Die Nacktschenklige ganz oben im Comic sah halt doch ein bisschen anders aus als die zehnjährige Frau Frogg.
    Jedenfalls hab ich mich sofort in meine eigene Lesevergangenheit zurückversetzt gefühlt. – Ich danke sehr herzlich für diesen Kleider-machen-Leute-Beitrag! (Gleich nehm ich ihn in die Liste auf.)

  2. Ich wollte auch so gern eine Indianerin sein. Oder eine Squaw, der Feminismus hatte mich damals noch nicht erwischt.

    Ein prägendes Ereignis aus meiner Kindheit, aber ich glaub, das hab ich eh schon erzählt. Pierre Brice war Gast in unserem Kino. Und gab Autogramme, während er auf der Leinwand hinter ihm als Winnetou durch Kroatien ritt.

    Und ich hab irgendwo einen Schatz im Silbersee mit einem Autogramm von Pierre Brice.

  3. Indianergeschichten! Was jauchzte mir das Herz dabei und davon, allerdings 10 Jahre vor Ihnen, Frau Frogg! Dementsprechend hatte die Lektüre auch andere Auswirkungen auf meine innere ‚Kleiderordnung‘:
    Ich ging in meiner Fantasie immer mit einem – in Stoff und Muster dem Winnetou-Kostüm nachempfundenen – engen kurzen ärmellosen Kleid die Straße entlang, mit den weißen hohen Schuhen von der Sunil-Reklame und einem Indianer an meiner Seite. Dieses Bild hat sich in mein Innerstes geprägt wie kein zweites.

    Apropos Schundheftchen: Die könnten sich sogar lohnen! Eine Reisetasche voll geerbter „Lassiter“-Romanheftchen habe ich in Bausch und Bogen für 30 Euro auf dem Flohmarkt verkauft. Die Kristallvasen und die Häkeldeckchen wollte keiner haben.

  4. Guten Tag- ich lese hier sonst immer nur still, aber interessiert mit. Wenn Sie mein Blogstöckchen, das drüben bei mir auf Sie wartet auffangen würden…

  5. REPLY:
    … Squaw bekam seine negative Konnotation tatsächlich erst, als wir erwachsen wurden. Ich bin zufällig beim Recherchieren für diesen Beitrag auf das Wort gestossen und war überrascht, wie negativ das für mich auf einmal klang. Früher waren Squaws die tapferen Frauen der tapferen Krieger, jawoll!

    Wow, Du hast Pierre Brice kennengelernt! Das werd ich mal auf Deinem Blog nachschauen.

  6. REPLY:
    … Kind, Herr Wortmischer 😉 Über Realität und Fiktion wusste ich früh Bescheid. Zum Glück waren die Kinder-Fasnachtskleider von anno dazumal erheblich züchtiger als die Kreationen des Bastei-Verlags! Was hätten wir Zehnjährigen sonst gefroren im Februar, stundenlang draussen auf der Strasse!

    Ist sehr gern geschehen, übrigens – war eine willkommene Inspiration, Ihr Kleider-ABC – wenn auch auf unerwartetem Terrain: Ich beschäftige mich nämlich gerade intensiv mit dem Lesestoff meines Patensohns. Ich glaube, ich habe eine mögliche Antwort auf die Frage gefunden, was er mögen könnte (Comics kennt er schon – aber dazu ein andermal mehr).

  7. REPLY:
    Grossartig! Herzlichen Dank! Ich habe Ihren Blog eben erst entdeckt und werde mich sofort ein bisschen kundig machen dort. Das Stöckchen nehme ich sehr gerne an – es kann allerdings ein paar Tage dauern. Ich fahre morgen ein bisschen in die Skiferien – und bin dann nur ausnahmsweise online. Aber da habe ich schon mal die Musse, über Ihre Fragen nachzudenken.

  8. REPLY:
    dabei aus wie Karin Dor, Frau iGing – eine meine späteren Indianer-Heldinnen! Ich glaube, ich hatte sogar mal ein Poster von ihr.

    Lassiter kenne ich zum Glück nur vom Hörensagen. Aber wer weiss – vielleicht bekomme ich noch die Gelegenheit, die Silberpfeil-Heftchen gewinnebringend an die nächste Generation zu bringen…

  9. Winnetou war beeindruckend, aber die Kostümherstellung (mit all der Stickerei!?) außerhalb meiner Reichweite, außerdem werden die weißen Knie so schnell schmutzig. Schon einfacher (Leder, braun, einfarbig) Old Shatterhand – aber woher die vielen Lederfransen nehmen? Auch wegen der nicht vorhandenen oder eben gerade vorhandenen Bewaffnung sagte ich der Prärie Lebewohl und schlug mich ins gefährliche Dickicht englischer Forsten! Robin Hood, das ging! Geradezu durchs Herz ging mir das! Grüne enganliegende Strumpfhose, grüner Nickipullover und es hatte in der Faschingskiste sogar einen grünen Sepplhut, der aber, dachte man sich nur ‚von Locksley‘ (das ist damals sicher ‚Locksli‘ geschrieben hätte), ja – dachte man sich die magischen Worte und hörte die Fanfare aus dem Film (schwarzweiß), dann war das ein englischer Wald- und Schützenhut wie kein zweiter. Ich dergestalt verwandelt ab in die Obstwiese hinterm Haus! Nur der kurze Bogen aus blauem Fiberglas passte nicht so ganz ins Farbkonzept und wollte mit den schönen Worten ‚Langbogen‘ und ‚Eibenbogen‘ nicht recht harmonieren. Egal, ich schoss von Herzen und traf so manchen Apfel, was Sie als Schweizerin doch, denke ich mir gerade, Tell und so, im Herzen rühren sollte!

  10. REPLY:
    Sehr schöne Erinnerungen, Herr speedhiker – zu den Fransen: Die Indianer halten halt noch keine Fernseher und Smartphones und daher noch Zeit, stundenlang Fränselchen zuzuschneiden, jawohl!

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