Trauertag für die Opfer von Crans-Montana

Heute ist in der ganzen Schweiz Trauertag für die Opfer von Crans-Montana. Um 14 Uhr ist nationale Schweigeminute. Die Kirchenglocken werden läuten. Auch ich werde eine Weile innehalten.

Letzten Sommer waren wir im Wallis. Viele Orte dort habe ich ins Herz geschlossen. Auch Crans-Montana haben wir einen kurzen Besuch abgestattet. Der mondäne Bergkurort blieb mir fremd. Aber seit zehn Tagen sind meine Gedanken oft bei den jungen Menschen, die ihr Leben im Flammeninferno in der Bar Le Constellation lassen mussten; bei den Eltern, die Kinder verloren haben; vor allem aber bei jenen Opfern, die jetzt in Spitälern liegen und einen schweren Weg zurück ins Leben vor sich haben.

Im Rest der Schweiz nehmen wir das Wallis als Ort wahr, wo es wild und gefährlich ist und wo die Leute auf mitunter charmante Art machen, was sie wollen. An dieser Katastrophe ist nichts charmant. Hier gehören alle Versäumnisse, alle Nachlässigkeiten, alle Unregelmässigkeiten aufgearbeitet und gesühnt. Crans-Montana, das Wallis und die Schweiz muss den Opfern helfen, wo sie Hilfe brauchen.

Vorläufig keine Schweizerdeutsch-Lektiönli – wegen Trump

In der Nacht auf den 1. August traf uns der Zollhammer aus den USA: 39 Prozent „Strafzölle“ für die Schweiz. Danach war Nationalfeiertag. Bei Bratwurst und Kartoffelsalat lästerten wir über Donald Trump. Aber in unserer Sprache gibt es kein adäquates Schimpfwort für einen Autokraten wie den amtierenden US-Präsidenten. Alle unsere Schimpfwörter sind auch ein bisschen niedlich, und das geht in diesem Fall gar nicht. Auch haben wir in unserer Sprache nur wenige Möglichkeiten, Dinge zu sagen wie: „Wir fühlen uns hilflos und gedemütigt.“ Oder: „Wir sind abgrundtief verunsichert.“

Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter (FDP), (Quelle: Wikipedia).

Statt dessen keiften meine politisch interessierten Landsleute einander auf X an, stillos wie üblich: „Frau Keller-Sutter hat schlecht verhandelt!“ „Mitte-links ist schuld!“ Erstaunlich, dass unsere rechten Ober-Eidgenossen noch nicht herausgefunden haben, wie man die hiesigen Ausländer für das Desaster beschuldigen könnte.

Ja, ich sehe es als Desaster. Zufälligerweise arbeite ich mich gerade durch ein Standardwerk des Postkolonialismus, „Orientalismus“ von Edward Said. Meine Analyse lag deshalb nahe und war genau dieselbe wie diejenige des Polit-Experten Michael Hermann, heute in der „Schweiz am Wochenende“. Er bezeichnet Trump als Kolonialisten und Raubtierkapitalisten und sagt: „Die Schweiz ist aus Sicht Trumps maximal unwichtig.“ Oder, in meinen eigenen Worten: Trump sass so da und dachte, „oh guck mal, ein kleines, reiches, isoliertes Land. Wir können es vögeln, damit angeben und weiterziehen! Ist das nicht geil?!“ Die Menschen, die hier leben – egal. Was unsere Bundespräsidentin sagt oder nicht sagt – egal. Mehrere zehntausend Arbeitsplätze in der Schweiz – egal. Und was es der US-Ökonomie bringen soll, wenn er unsere kaputtmacht, versteht wohl nur er selbst. Ich wiederhole mich ungern, aber ich sage es nochmals: Wir müssen jetzt bei unserer Beziehung zur EU endlich Fortschritte machen.

Ich habe meine Schweizerdeutsch-Lektiönli immer auch mit einem gewissen Selbstbewusstsein geschrieben. Was soll ich jetzt noch sagen, Schweizerdeutsch oder anders? Ich muss erst mal mein zerzaustes Federkleid zurechtschütteln, dann schauen wir weiter.

Aigle: Warum Otto von Grandson trotz allem ein Held bleibt

Zufahrt zur Klosteranlage von Aigle. Ich stelle mir gerne vor, dass dies einer der letzten Orte ist, die Otto gesehen hat.

Im Frühling 1328 machte Ritter Otto von Grandson seine letzte Reise. Er war 90 Jahre alt, ein immer noch mächtiger Mann. Seine Zeit als Krieger lag lange hinter ihm. Er war in England wohlhabend geworden, seine diplomatischen Dienste in halb Europa gefragt. Nun brach er, zusammen mit ein paar Männern, von Grandson aus auf, um den Grossen St. Bernhard zu überqueren und nach Rom zu gelangen.

Grabmal von Otto von Grandson in Lausanne.

Er kam bis ins 80 Kilometer entfernte Aigle, wo er beim Prior des Klosters weilte und erkrankte. Am 5. April starb er. Man legte ihn in der damals funkelnagelneuen Kathedrale von Lausanne in einem prächtigen Sarkophag zur Ruhe. In Aigle selbsts erinnert nichts mehr an den prominenten Gast des damaligen Priors. Ich bin nicht einmal sicher, ob das Haus des Priors im Klosterviertel noch steht. Das heute mächtige Schloss hatte bei der Ankunft von Otto sowieso erst zwei Türme. Meine Suche nach Ottos Spuren war voller Missverständnisse gewesen: Er war kein Schweizer, sondern eher ein Savoyer, kein Abenteurer, sondern ein Karrierist in fernen Ländern.

Wein-Etikette von 1991 im Museum des Schlosses Aigle.

Aber im Weinbau-Museum des Schlosses Aigle erinnerte eine dort ausgestellte Flaschen-Etikette aus dem Jahre 1991, daran, was Otto in einem gewissen Sinne gewesen ist: ein Europäer. Um zu verstehen, warum mich das interessiert, muss man eine Ahnung haben von der komplizierten Beziehung der Schweiz zur EU. Am 6. Dezember 1992 scheiterte der Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) knapp in einer Volksabstimmung. Wir EU-Befürworter standen damals mit ähnlich abgesägten Hosen da wie heute die Demokraten in den USA. In der konservativen Zentralschweiz zogen an jenem Sonntag die Trychler im Triumphzug durch die Strassen. Hier schlummert der Mythos von Wilhelm Tell nur leicht und lässt sich mit wenigen Inseraten wecken. Dann ist man gegen alles, was im Entferntesten wie ein fremder Vogt aussehen könnte. Ich erinnere mich gut an jenen Abstimmungssonntag, ich war 27 und  stinkwütend. Ich fühlte mich als Europäerin, nicht als verdammte Trychlerin. Vielen Stimmbürgerinnen und -bürgern der Westschweiz dürfte es ähnlich gegangen sein. Die Romandie hatte den Beitritt mehrheitlich befürwortet. Seither ist die barrière de rösti auch ein Graben zwischen EU-Befürwortenden und EU-Gegnern.

Für mich aber, in der Zentralschweiz aufgewachsen, wurde Otto von Grandson trotz seiner kriegerischen Natur zur Identifikationsfigur: Als Savoyen sich seiner Haustür näherte, griff er nicht trotzig zur Armbrust. Er nutzte die Chancen europaweiter Netzwerke von damals.

Wir sollten bei der Gestaltung unserer Zukunft nicht immer an Wilhelm Tell denken, sondern auch mal an Leute wie Otto von Grandson.

Es heisst, Otto sei ein grosser Verehrer von Eleonore von Kastilien gewesen, der Ehefrau seines Freundes Edward I. Er habe ihr geschworen, dass er eines Tages in der Grabeskirche in Jerusalem beten werde. Dass sie 1290 gestorben war, erfuhr er erst ein Jahr später, als er nach der verlorenen Schlacht um Akko in Zypern eintraf. Robert J. Dean schreibt, die Nachricht habe den Ritter dazu bewegt, als Pilger nach Jerusalem zurückzukehren – obwohl es äusserst gefährlich gewesen sei, denn westliche Kriegsgefangene wurden dort gerade in grosser Zahl auf den Sklavenmärkten zum Verkauf angeboten. Jemand hätte ihn erkennen und verraten können. Aber es gelang ihm, seinen Eid in Jerusalem zu vollbringen und heil nach Zypern zurückzukehren.

So führt eine Reise zur anderen. Vielleicht wird eine unserer nächsten über den Grossen St. Bernhard führen. Nicht zu Fuss, denn obwohl ich erst zwei Drittel des Lebensalters von Otto erreicht habe, traue ich meinen Knien einen solchen Marsch nicht mehr zu. Und nicht bis Rom, das ist mir wahrscheinlich zu weit. Aber, wenn es geht, vielleicht bis nach Turin. Gerade als Tochter des Gotthardpasses will ich damit der Mehrsprachigkeit und den verschiedenen Möglichkeiten, die Schweiz zu sehen, meinen Respekt erweisen.

Magisches Lavaux

Das klassische Lavaux-Bild – zwischen Chexbres und Vevey.

Wer mit der Eisenbahn über Fribourg Richtung Genfersee fährt, sollte auf der linken Seite sitzen. Denn wenn der Zug aus dem Tunnel südwestlich von Palézieux hinauszieht, erblickt man links ein weiten, sanft abfallenden Hang, über und über bedeckt mit Weinreben, bis hinab zum See – und auf der anderen Seite die französischen Alpen. Das ist das Lavaux. Herr T. sagte: „Es heisst, wenn die Deutschschweizer das sehen, schmeissen sie ihr Retourbillet weg!“

Um ehrlich zu sein: Wir hätten es uns nicht leisten können, unser Rückfahrticket wegzuschmeissen. Hotelzimmer sind hier knapp und teuer. Aber wir leisteten uns den Luxus dreier Hotelnächte im „Préalpina“ in Chexbres. Der Blick vom Frühstückssaal auf den See ist betörend.

Als wir in Chexbres aus dem Zug stiegen, wehte mir der säuerlich-schweflige Duft des nahen Rebberges entgegen. Man könnte vielleicht fragen, ob es der Geruch der Gifte ist, mit dem sie hier ihre Kulturen vor Schädlingen schützen, wie überall sonst auch. Aber ich hatte keine Zeit dafür. Ich wollte einfach dasitzen und auf die fast unwirkliche Bläue des Sees schauen, auf das smaragdgrüne Laub der Weinstöcke. Auf die Strässchen und Dörfchen, die aussehen, als wäre die Zeit hier Mitte des letzten Jahrhunderts stehengeblieben.

Das sieht nicht nur so aus. Es ist tatsächlich so. Die Waadtländer Stimmbevölkerung hat diese Landschaft mitsamt der alten Weinbaukultur 1977 per Volksabstimmung vor dem Bauhunger der Immobilienwirtschaft geschützt. Und diesen Schutz über die Jahre weitgehend bestätigt, trotz immer wieder neuen Anläufen, Teile des Gebietes zur Überbauung freizugeben. Heute ist das Lavaux mitsamt seiner Weinbaukultur Unesco-Weltkulturerbe. Dass wir es so lieben, ist auch ein bisschen helvetischem Narzissmus zuzuschreiben.

Aber, ehrlich: Wie wir im Café de la Poste in Chexbres sassen, Chasselas tranken und über das Land blickten, wird für immer zu meinen glücklichsten Erinnerungen an diesen Sommer zählen. Und auch, wie wir am zweiten Tag unten am See einen kleinen Kiesstrand fanden und uns in diesen atemberaubend blauen, kühlen See gleiten liessen.

Reise in die Westschweiz: An der Sprachgrenze

Im Zug von Olten nach Yverdon fuhren wir im Speisewagen. In Biel/Bienne stieg ein Mann ins Nebenabteil und bestellte laut und mit breitestem Schweizerdeutschem Akzent „un café et un croissant.“ Er hätte auch „es Kafi Crème un es Gipfeli“ bestellen können, die Kellnerin verstand Schweizerdeutsch, wie wir kurz nach Olten festgestellt hatten. Da waren wir noch in der Deutschschweiz gewesen und es wäre uns gar nicht eingefallen, sie auf Französisch anzusprechen.

Der an der Sprachgrenze Zugestiegene aber tat es – wahrscheinlich, weil man in der Westschweiz von uns Deutschschweizer*innen meist erwartet, dass wir Französisch sprechen. Offizielle Begründung ist stets das Bemühen um den nationalen Zusammenhalt. Aber vielleicht denken einige Romand·e·s (so gendert es sich in der Westschweiz) auch, Französisch sei eigentlich die kultiviertere Sprache als Deutsch und sowieso Schweizerdeutsch, und sie würden mit ihrer Beharrlichkeit einen Beitrag zu unserer „civilisation“ leisten. Wahrscheinlich bereitet es einigen sogar diebisches Vergnügen, uns zuzuhören, wenn wir unsere Zungen unbeholfen um ihre für uns ungewohnten Laute wickeln. Sogar wir selbst nennen das, was bei diesem Bemühen herauskommt, selbstironisch „Français fédéral“.

Überhaupt ist es um dem nationalen Zusammenhalt in der Schweiz im Grunde nicht allzu idyllisch bestellt. Wären die Deutsch- und die Westschweiz ein Ehepaar, würde man wohl von einer Vernunftehe sprechen. Zwischen uns liegt der so genannte Röstigraben, in der Westschweiz gestreng „barriere de rösti“ genannt. Damit wollen wir sagen, dass es dies- und jenseits des Hindernisses aus geriebenen und gebratenen Kartoffeln beträchtliche kulturelle Unterschiede gibt.

Mit schöner Regelmässigkeit will irgendein Deutschschweizer Kanton das Frühfranzösisch abschaffen und somit das Prinzip, dass wir in der Schule Französisch als erste Fremdsprache lernen. Zuletzt passiert diesen Frühling im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Wie immer folgte der Aufschrei, „aber der nationale Zusammenhalt!“, unverzüglich und nicht nur in der Suisse romande. In der nationalen Politik bleibt die Zweisprachigkeit ohnehin Staatsräson (die dritte und vierte Landessprache lassen wir hier der Einfachheit halber weg). In der Privatwirtschaft jedoch ist bei der Zusammenarbeit über den Röstigraben hinweg nicht selten Englisch die Sprache der Wahl – es ist dann alles etwas unverkrampfter.

Dennoch, entschied ich im Zug: Wenn wir schon in der Suisse romande sind, werde ich mein Französisch trainieren – so gut wie der Herr im Nebenabteil kann ich es auch.

Schwerhörigkeit: Der Wert von Ritualen

Früher langweilten mich politische Rituale. Ich wollte das wichtigste in Kürze, keine hingeleierten Sprechakte. Ich weiss nicht, ob es am Alter, an der Weltlage oder an meiner Schwerhörigkeit liegt, aber das hat sich stark geändert.

Das merkte ich zum Beispiel gestern, als das das Schweizer Parlament einen neuen Minister wählte. Das ist immer ein Spektakel. Diesmal ging es um die Nachfolge der abtretenden Verteidigungsministerin. Zwei Männer kandidierten: Martin Pfister und Markus Ritter, beide von der Mitte-Partei. Die Diskussionen im Vorfeld waren schwierig – wie jedes Mal bei solchen Bundesratswahlen. Der Entscheid jedoch fiel bereits im zweiten Wahlgang. Um 9.11 Uhr gab Nationalratspräsidentin Maja Riniker nach dem immergleichen Ritual bekannt: „Gewählt ist mit 134 Stimmen – Martin Pfister.“ Dazu ein Echo in der zweiten Landessprache: „Est élu avec 134 voix ….“. Diesen Moment hört und sieht man danach als Medienkonsumentin den ganzen Tag mehrmals. Hier ist er.

Obwohl ich das alles am Mittag längst wusste hörte ich die Bekanntgabe Rinikers am Radio mit Herrn T. nochmals. Ich mag es nicht, wenn Herr T. mittags Radio hört, ich verstehe dann meistens am Radio nichts und ihn auch nicht mehr. Aber Rinikers deutlich gesprochene, feierliche Ankündigung mochte ich. Ich war sogar gerührt. Der Bundesrat ist wieder vollzählig. Die Welt ist in Ordnung.

Eine deutliche Aussprache ist im Parlamentssaal nötig, denn die Akustik ist in der über 120 Jahre alten Halle nicht die beste. Aber eine so präzis inszenierte Botschaft wird auch Parlamentarier mit nachlassendem Gehör erreichen und sogar Schwerhörige auf den Besuchertribünen. Das Problem könnte bloss gewesen sein, dass beide Kandidaten so ähnlich heissen. Beide tragen die Vokalfolge „a…i i…e“ im Namen.

Schweizerdeutsch 11: Wort des Jahres 2024

Bschiss (N)

Auf Hochdeutsch: Betrug, ähnlich wie im hochdeutschen Verb „jemanden bescheissen“. Bei uns gilt das Wort „Bschiss“ nicht eigentlich als vulgär. Wir brauchen es oft und haben auch gar kein stilvolles Synonym dafür.

Zum Deutschschweizer Wort des Jahres ist „Bschiss“ im Medienschlagwort „Unterschriften-Bschiss“ geworden, erkoren von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (mehr hier). Der so genannte „Unterschriften-Bschiss“ steht im Zusammenhang mit Volksabstimmungen in der Schweiz. Da mein werter Leser Rabi in den letzten Tagen besonderes Interesse an Volksabstimmungen gezeigt hat, hier ein paar Worte mehr zum Thema.

Wer in der Schweiz eine Volksabstimmung herbeiführen will, muss meist Unterschriften sammeln, das heisst: bei Regen und Kälte auf der Strasse  herumstehen. Nun gibt es Firmen, die anbieten, Unterschriften zu bestimmten Themen gegen bares Geld zu beschaffen. Das schien unproblematisch, solange sicher war, dass diese Unterschriften von realen Personen stammten und zum beabsichtigten Zweck abgegeben wurden. Doch 2024 stellte sich heraus: Einige dieser Firmen hatten systematisch betrogen – sie schickten zum Beispiel Leute zu grossen Wohnblocks, um dort die Namen von den Klingelschildern abzuschreiben und dazu Unterschriften zu fälschen.

Das ist in der Tat empörend. Denn im Allgemeinen gelten Volksabstimmung in der Schweiz als verlässlichste Art, den Willen der Mehrheit zu ermitteln. Aber im Herbst 2024 stand plötzlich die Möglichkeit im Raum, dass jeder, der genügend Geld hat, sich eine Volksabstimmung kaufen könnte (und wer dann noch mehr Geld hat, könnte ja auch gleich noch den Volkswillen mit sehr viel Werbung zu seinen Gunsten beeinflussen). Mich wunderte daher eher, dass der Aufschrei über den „Unterschriften-Bschiss“ nicht noch lauter war.

Auf Wikipedia gibt es hier kurz und sachlich alle Einzelheiten zu Volksabstimmungen. Ein zweiter, guter Link zum Unterschriften-Bschiss hier.

Meine Meinung über Nemo ist non-binär

Gesangsstar Nemo (Quelle: Facebook.com)

Am Sonntagmorgen segelte ich auf einer rosa Wolke des Patriotismus zum Frühstücktisch, wo sich meine Freundin Helga aus Deutschland gerade eine Tasse Getreidekaffee machte. Ich strahlte: „Wir haben den Eurovision Song Contest gewonnen!“ Nemo heisst das 25-jährige, non-binäre Wesen aus Biel, das am Samstagabend in Malmö ganz Europa hingerissen hat (hier geht’s zum Film). Beim Kaffeetrinken kamen wir dann auf den kleinstaatlichen Aspekt der Sache zu sprechen. „Weisst Du, der Song Contest ist in der Schweiz schon total verpolitisiert“, berichtete ich unserem Gast. „Denn jetzt müssen wir die nächste Austragung durchführen, und die Kosten sind für ein verhältnismässig kleines Land verhältnismässig hoch. Die Rede war von 20 Millionen Euro.“ Ich grinse selbstironisch. Ich weiss, dass es schwierig ist, Deutschen zu erklären, dass wir hier in der Schweiz für irgendetwas kein Geld haben könnten.

„Ich bitte Dich!“ sagte Helga prompt, „Luxemburg ist ein noch viel kleineres Land und hat den Eurovision Song Contest in den 68 Jahren seines Bestehens viermal ausgerichtet.“ Nun ja, wo sie recht hat, hat sie recht, dachte ich. Erst später habe ich hier gesehen: Luxemburg hat sich 1993 vom Wettbewerb zurückgezogen, aus Kostengründen. Ausserdem kennt Helga das Gift der helvetischen Debatte über Fernsehgelder nicht. Die SVP, unsere Rechtspartei, will die Gebühren für das öffentlich-rechtliche Fernsehen und Radio massiv kürzen. So ein Eurovision Song Contest, noch dazu gewonnen von einer non-binären Person – meine rosa Wolke löste sich in düsteren Vorahnungen über kommende Debatten auf.

F¨ünf Tage später muss ich leider melden, dass meine Befürchtungen sich bewahrheitet haben. Die Schweiz hält es nicht aus, einen Sieg zu geniessen. Das einzige, was wir hierzulande noch kollektiv können, ist streiten, meistens um Geld. Ich habe zwar selbst feministische Fragen zur Non-Binarität, (hier habe ich das angetönt). Aber mir wurde derart übel von der rechten Hetze gegen non-binäre Menschen allgemein und Nemo im Besonderen, dass ich in Gedanken an einen guten Ort floh: auf den Berg, auf dem Helga und ich später spazierten und uns einig waren, dass wir in unserem Alter (ich bin Jahrgang 1965) zur Non-Binarität nicht mehr unbedingt eine dezidierte Meinung haben müssen.

Aber dass wir aus dem European Song Contest nächstes Jahr ein wunderschönes Fest machen sollten, dafür bin ich ganz entschieden.

Brief von meinem jüngeren Selbst

Bertolt Brecht, den mein jüngeres Ich sehr verehrt hat.

Es ist Mode geworden, dass man Briefe an sein jüngeres Selbst schreibt. Man tut es in der Psychotherapie, man tut es auf X (vormals Twitter). Meist tut man es, um die Ängste seines jüngeren Ichs zu beschwichtigen und ihm zuzuzwinkern: Ist ja alles besser herausgekommen als man mit 20 befürchtet hat. Kurz nach Kriegsausbruch im Nahen Osten war mir aber plötzlich, als bekäme ich einen Brief von meinem jüngeren Selbst. In einem Couvert aus in den achtziger Jahren gebräuchlichem, rauem Recycling-Papier. Als erstes fiel mir daraus ein Blatt mit einem Gedicht von Bertolt Brecht entgegen: An die Nachgeborenen. Ich schmunzelte. Die junge Frau Frogg war eine grosse Verehrerin von Bertolt Brecht. Unterstrichen hatte sie die Verse: „Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist“. Daneben hingekritzelt die Fragen meines jüngeren Selbst an mich: „Also, dass zu meinen Lebzeiten ähnlich kriegerische Zeiten ausbrechen werden wie damals bei Brecht, damit habe ich nicht gerechnet. Darf man bei Euch jetzt auch nicht mehr ohne schlechtes Gewissen über Bäume reden? Belastet Euch die Nachrichtenlage? Muss ich mir Sorgen um Euch machen?“

„Gemach! Gemach!“ antwortete ich meinem jüngeren Selbst unverzüglich. „So schlimm ist es jetzt doch noch nicht. Bedenke doch: Brecht schrieb dieses Gedicht im Exil in den dreissiger Jahren, auf der Flucht vor den Nazis, die ihn wegen seiner kommunistischen Haltung staatenlos gemacht hatten. Die Verhältnisse waren damals für ihn und für viele in Europa unmittelbar und existenziell bedrohlich. Natürlich sind wir aufgewühlt, natürlich denken wir an die Opfer dieser entsetzlichen Hamas-Verbrechen. Natürlich streiten wir darüber, auf welcher Seite wir stehen. Aber wir erleben auch (leider), wie man gegen schlechte Nachrichten unempfindlich wird, wenn sie nicht gleich aus dem Nachbardorf kommen. Die Lage in der Ukraine? Im Moment eher nebensächlich. Und am letzten Wochenende verfolgten wir geradezu euphorisch ein Gott sei Dank stinklangweiliges Ritual: Parlamentswahlen in der Schweiz. Die Stimmung in den Fernsehstudios war ¨überschwänglich, dabei waren die Wähleranteilverschiebungen minim (und fielen leider zugunsten der Rechtsbürgerlichen SVP aus). Das Hochgefühl mag – zugegeben – auch damit zusammenhängen, dass Wahlen, deren Resultate niemand in Zweifel zieht, auch in so genannt demokratischen Staaten keine Selbstverständlichkeit mehr sind. (Edit: Kurz nachdem ich das hier geschrieben hatte, kam heraus, dass man auch den Schweizer Wahlen nicht mehr trauen kann: Das Bundesamt für Statistik  hatte sich um ein paar Promillepünktchen verrechnet. Kurze Entrüstung in den Medien, mehr nicht).

Haben wir deshalb aufgehört, über Bäume zu reden? Oder über das Wetter? Nein, im Moment dürfen wir zum Glück wieder freundlich sein zu unseren Bekannten. Zugegeben: Während der Pandemie war das manchmal anders. Aber das vergessen wir jetzt lieber.“

Russische Oligarchen in der Schweiz

Hier habe ich über Oligarchen – vor allem russische – in London geschrieben. Aber man soll ja nicht nur mit dem Finger auf andere zeigen. Deshalb habe ich damals versprochen, dass ich auch noch einen Beitrag über russische Kleptokraten und Kleptokratengelder in der Schweiz verfassen werde. Um es gleich transparent zu machen: Ich bin Schweizerin, lebe in der Schweiz und bin in Finanzfragen eine blutige Amateurin. Für diese Recherche stand mir das Internet zur Verfügung, und ich verfolge das Mediengeschehen meist aufmerksam. Wenn man das tut, läuft man schnell Gefahr, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen. Täglich liest liest und hört man Geschichten über Oligarchengelder in der Schweiz. Seit Wochen drehe ich mich bei der Frage im Kreis, wie ich das alles einordnen soll. Ich meine: Na klar ist die Schweiz involviert! Klar liegen auf Schweizer Banken Milliarden und Milliarden von Oligarchengeldern! Klar, dass hier andererseits viele jeden möglichen Beitrag dazu leisten möchten, dass das Morden in der Ukraine aufhört!

7,5 Milliarden Schweizer Franken wurden bereits blockiert, heisst es. Aber ist das genug? Und wenn es nicht genug ist: Wer verhindert, dass es mehr wird? Es ist kompliziert. Ich weiss es nicht.

Klar werden hier schmierige Geschäfte gemacht. Klar leben russische Oligarchen in der Schweiz, unter ihnen Andrei Melnitschenko, sanktioniert und Gründer der in einigen Ländern (nicht in der Schweiz) sanktionierten Firma Eurochem. Bevor er sanktioniert wurde, hat er die Bude seiner Ehefrau überschrieben, aber diese wurde dann auch sanktioniert. Das Unternehmen kann bei den Schweizer Grossbanken keine Geschäfte mehr machen. Eine missliche Lage, nicht? Heinz Tännler, Finanzminister des steuergünstigen Kantons Zug, wollte der Firmeneignerin aus der Patsche helfen. Er nahm flugs den Telefonhörer in die Hand und bat bei der Zuger Kantonalbank um ein Konto für Eurochem. Er hat dort gute Beziehungen, denn der Kanton Zug ist Mehrheitsaktionär der Bank. Man kann das hier genauer nachlesen, und, ja, das halte ich für ein schmieriges Geschäft. Aber ist es illegal? Ich weiss es nicht.

Der einflussreiche angelsächsische Financier Bill Browder zeigt mit dem Finger nicht nur auf das Schweizer Finanzwesen, sondern auch auf die Bundesanwaltschaft: „Die Schweizer Justiz ist korrupt“, sagte er hier. Er will sogar drei ehemalige Mitglieder der Bundesanwaltschaft auf die Sanktionsliste der USA setzen lassen. Ich finde das ungeheuerlich, und wir alle sollten es ungeheuerlich finden. Hey, die Integrität unserer höchsten Strafverfolgungsbehörde ist in Frage gestellt! Wir sollten die Kommentarspalten unserer Zeitungen mit Fragen fluten! Wir sollten vor unseren Regierungsgebäuden sitzen, meinetwegen mit Transparenten in der Hand, bis unsere Fragen beantwortet sind! Wir sollten unsere Parlamentarierinnen mit Forderungen an die Regierung zutexten!

Aber niemand demonstriert, nur wenige schreiben in die Kommentarspalten. Was genau ist hier los? Naja, darüber werde ich wohl in einem weiteren Beitrag nachdenken müssen.