Der Duft meiner Strasse

Balkon im ersten Stock eines Nachbarhauses, stets sorgfältig geschmückt, aber darunter müffelt es oft ein wenig.
Am Mittwoch gegen Mittag ging ich kurz in den Coop, einkaufen. Es war ein strahlender Maitag, und ich ging durch meine Strasse als wäre es zum letzten Mal. Beim Hofausgang, fiel mein Blick wie immer zuerst auf den Balkon im ersten Stock des gegenüberliegenden Hauses. Dort wohnt eine vermutlich ältere Person. Unter ihrem Balkon mieft es manchmal ein wenig, nach ungelüfteten Zimmern oder stehengebliebenem Essen. Oder sogar nach Kehricht, von der Sammelstelle gleich hinter mir. Aber die Person, die dort oben wohnt, lässt sich davon nicht beeindrucken, sondern verpasst ihrem Balkon zu jeder Jahreszeit einen neuen, fröhlichen Schmuck.

Schräg links liegt das trendige, tunesische Restaurant, heute umweht von einer Ahnung Hautpflegecreme. Interessante Note.

Jetzt erreiche ich die Bundesstrasse und muss mich entscheiden, ob ich sie überquere oder nicht. Ich beschliesse, auf der olfaktorisch vielversprechenderen Seite zu bleiben. Ich weiss nicht, ob ich morgen noch etwas riechen werde. Überhaupt weiss ich nicht, was morgen mit mir sein wird. Am Mittwochnachmittag werde ich meine erste Dosis Chemo bekommen, und das fühlt sich an, als würde mein Körper danach nicht mehr mir gehören. Als würde er eine Fabrik, in der giftige Flüssigkeiten mehr oder weniger wohldosiert von einem Gefäss zum anderen geträufelt werden. Manchmal werden ein paar heisse Tropfen über einen Gefässrand zischen und grünlichbraune, stinkende Blasen werfen. Niemand kann mir sagen, wie sich das genau anfühlen wird.

Das erste Haus ist die Nummer 24, wo es immer duftet, als wäre dort die Küche eines indischen Restaurants. Heute: wahrscheinlich Lime Chutney. Noch nie bin ich der Frage nachgegangen, woher dieser Duft kommt, denn Restaurant steht hier keines – aber auf den Klingelschildern des einen Hauses sehe ich die Namen zweier vermutlich tamilischer Bewohnerinnen oder Bewohner. Ich bin ihnen dankbar, dass sie hier etwas Stimmung machen. Ich hatte solches Fernweh in den letzten paar Wochen, aber daraus wird jetzt nichts – meine Strasse muss mir die Welt bleiben, in einen vollgestopften Zug werde ich mich nicht setzen, siehe reduzierte Immunnabwehr.

Nach 100 Metern überquere ich die Bundesstrasse dann doch. Schon auf dem Zebrastreifen werde ich vom Gurkenaroma in der Luft überrascht. Bietet die Bäckerei als schnelle Mittagsverpflegung auch Gurkensalate an? Oder ist es einer der neuen Läden in der 17 und 19, von denen ich nie sicher weiss, ob sie Boutiquen oder Cafés sind?

Im Helvetiagärtli haben die Kastanienbäume rote und weisse Kerzen dicht an dicht auf ihre Kronen gereiht. Duften die Blüten auch? Ja, ich glaube schon, ein ganz klein bisschen wenigstens. Erst wenn man näherkommt, merkt man es richtig, dann sticht der Blütenstaub sogar ein bisschen, fast zuoberst in der Nase.

Im Coop an der Habsburgerstrasse liegt der Geruch von aufgebackenem Blätterteig in der Luft. Der Lunch für die im Quartier arbeitenden Dienstleister und Studentinnen liegt schon auf den Wärmeplatten: Spinat- und Fleischweggen und Schinkengipfeli.

Auf dem Rückweg, zwischen Winkelriedstrasse und Helvetiagärtli, rieche ich nichts. Einfach nichts. Aber ich frage mich: Wenn jemand aus einem anderen Land hier durchkäme, würde er dann riechen, dass er in der Schweiz ist? So, wie ich immer gerochen habe, dass ich in England angekommen war – an dieser unverwechselbaren Mischung aus hölzernen Eisenbahnbohlen, Russ und chlorhaltigem Reinigungsmittel?

6 Gedanken zu „Der Duft meiner Strasse“

  1. Oh – das hört sich wie Urlaub an, gell. Und noch dazu in zu köstlichem Galgenhumor beschrieben.
    Seit meiner zweiten Knieoperation, der Metallentfernung, schmecke und rieche ich leider nur noch eingeschränkt. Der vermutlich älteren Nachbarin mit ihrem apart geschmückten Balkönchen könnte es ähnlich ergehen. Das hat seine Vorteile, aber eben leider auch seine Nachteile. Gefahr kann man mitunter riechen, fällt weg, falls es meiner Katze mal nicht mehr wohlergehen sollte. Und wir wollen doch auch wissen, ob es in unserem Heim möglichst einladend duftet…
    Keine Ahnung, ob es dir während der Chemo überhaupt noch nach genussvollen Speisen zumute ist. Jedenfalls gilt auch für diese Zeitspanne das gleiche wie zuvor, nämlich alles meiden, was den Organismus belasten könnte. Obwohl, wenn dir mal der Gusto nach einem Eischen mit Sahnehaube steht, …😋🍨
    Abschließend noch ein paar einfache Tipps, wobei ich schon überlegt habe, ob das überhaupt noch passend und auch dir recht ist, wenn ich das auf diese Weise rüber bringe. Löwenzahn, falls er dir auf einer abgelegenen Wiese ins Auge fallen sollte, dann nimm dir ein paar Blättchen mit. Er kann in den Salat, in den Smoothie oder auch auf ein Brot geschnippelt werden. Überhaupt sind sämtliche Wildkräuter einfach nur Gesundheit pur. Diese ganzen Detox Sachen, das ist sind halt auch schon eine Menge, darum würde ich einfach sagen, falls dir was davon begegnet, dann versuch es damit. Musst ja nicht alles…
    Zeolith wirst du nicht kennen, das ist Vulkangesteinsmehl. Das bindet alle möglichen Gifte im Darm an sich. Meine Freundin aus Rendsburg hat sich da sogar mal in YouTube umgeschaut. Ich habe es mir bei Amazon bestellt, da geht ja fast alles. Ein Teelöffel wird bis zu zweimal täglich in Wasser verrührt und kann sofort getrunken werden, ist auch bestimmt nicht als müsstest du ein Löffelchen pur aus dem Sandkasten verzehren.
    Mehr beizeiten.
    Meine besten Wünsche für dich!💐🌞🌝

    1. Danke vielmals für die guten Tipps, liebe Edith! Ich bin im Moment dabei, über all diese Dinge nachzudenken und darüber, was ich wirklich brauche und was mir guttun könnte. Ich brauche Zeit dafür, zwischendurch will ich einfach ein paar fröhliche Momente geniessen.

  2. Halt die Öhrchen steif, wie man hier im Ruhrgebiet sagt.
    Viel Kraft, ganz liebe Grüße und lass bitte regelmässig von dir hören. Das wäre schön.

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