Beschwipst vom blauen Himmel


Klein, aber unverschämt blau: Ehrenpreis gehört zu meinen Lieblingsblümchen.

Heute kam unerwartet ein arbeitsfreier Nachmittag. Die Sonne scheint, und um die Stadt stehen die Berge noch weiss wie eine frisch polierte Zahnreihe. Mich zog es zum Göttersee. Ich hatte Sehnsucht nach Frühlingsblümchen.

Am Göttersee fand ich Scharbockskraut, Buschwindröschen und dazu ganze Ehrenpreis-Kissen. Das Kraut hat winzige Blümchen, die am Rand der grossen Kuhweiden stehen. Aber wer es für bescheiden hält, hat nicht genau hingeschaut. Geradezu unverschämt streckt der Ehrenpreis seine blauen Kelche dem Himmel entgegen wie einen zart geäderten Spiegel. Wie ich als Kind über dieses Blau gestaunt habe! Und die Pflanze hat fast so viele Namen wie eine kleine Gottheit: Männertreu, Frauenbiss, Katzenäuglein, Veronica oder Wildes Vergissmeinnicht. Es gibt Gamander-Ehrenpreis – und wenn ich wieder einmal einen Krimi schriebe, dann würde ich einen würdevollen, stillen Staatsanwalt aus dem Tal O. Herrn Gamander nennen. Auf Schweizerdeutsch heissen sie: Chatzenäugli. Und – so habe ich zumindest immer geglaubt und es wegen der blauen Farbe für plausibel gehalten: Himmugüügeli. Ich legte mir eine Theorie zurecht, was „güügeli“ bedeuten könnte. Weil „güügele“ bei uns auch „sich einen Schwips antrinken“ heisst: die Blümchen, die sich am Blick in den blauen Himmel berauschen.

Das Internet hat meiner überbordenden Kreativität jähe Grenzen gesetzt und informiert mich hier ganz lapidar: „Himmugüügeli“ heisst Marienkäfer.

Ostern 2021

Buttergebäck aus unserer Quartier-Confiserie (Quelle: bebie.luzern)
Gestern kurz nach 11 Uhr: Ich mache mich auf zu unserer Quartier-Confiserie. Ich will ein paar Schöggeli für das bevorstehende Osterfest kaufen. Der Laden steht in einem unansehnlichen Bau aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Vielleicht erinnert die Schlange davor deshalb an Bilder aus der DDR. Zwischen Verkehrsgetöse und Schaufenster stehen acht oder zehn Leute aufgehreiht in der steifen Bise*. Unsere Quartierconfiserie hat halt ein Renommée, das bis über den Stadtrand hinausreicht. Nach kurzem Zögern stelle ich mich in die Reihe, mit genügendem Abstand zum Vordermann. Ich stehe da eine Minute, da stellt sich eine alte Frau zwanglos in den Abstand, als ob sie mich gar nicht sähe. Ich lasse sie gewähren, sie geht am Stock, und es ist wirklich kalt. Drin sind vier Leute erlaubt, und dort ist dann schon viel weniger DDR. Es klaffen zwar ein paar Lücken in den Gestellen, der Ansturm dauert wohl schon ein paar Stunden. Aber da stehen immer noch reichlich Truffes-Torten, Osterhasen und Schoggi-Eier in allen Grössen, Zuckereier in allen Farben, dazu die üblichen Pralinés, Buttergebäck und Butterzöpfe. Als ich hereinkomme, lässt sich gerade ein älteres Ehepaar drei grosse Tortenschachteln in eine Tüte verpacken. Es ist ein beruhigendes Bild.

Ich wünsche Euch allen frohe Ostern, mit oder ohne Schoggi, mit oder ohne Verwandte und Freunde, zu Hause oder in der Ferne!

* kein Tippfehler – der trockene Nordwind, der hier manchmal bläst, heisst Bise.

Ein merkwürdiges Leseerlebnis

Zurzeit lese ich ein Buch von Fernando Pessoa. Sowas hätte ich früher nie gemacht. Ich habe Leute, die derart poetische Texte lesen, lange Zeit ein wenig belächelt. Und insgeheim bewundert, für ihre Geduld, ihre Leidenschaft für die Sprache. Meins war immer eher das Narrative. Hungrig auf Geschichten bin ich jederzeit. Wenn ich einen ganzen Tag lang tun könnte, was ich wollte, ich würde mir nur Geschichten erzählen lassen.

„Ach, die Poesie, die Sprachkünstelei, die lyrische Selbstverliebtheit! Das interessiert mich einfach nicht!“ sagte einmal der Newshund, ein Journalistenkollege. In der Freizeit liest er russische Klassiker. „Mich interessiert das Zwischenmenschliche, der soziale Konflikt.“ Ich nickte eifrig. Genauso geht es mir auch. Aber dann besorgte ich mir doch „Das Buch der Unruhe“. Auch an ihm interessierte mich zunächst vor allem das Zwischenmenschliche. Denn Erzähler dieser Texte ist der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares. Und der muss damit zurechtkommen, dass er eine Schattenexistenz in einem subalternen Job und als Junggeselle fristet.

Ich überlegte lange, ob ich es überhaupt mit dem Buch aufnehmen solle. 533 Seiten, das kostet Zeit – und als ich zögerlich zu lesen begann, merkte ich, dass ich nur langsam vorwärtskam. Oft lag ich abends lesend auf dem Rücken in meinem Bett wie auf einer scheinbar stillen Wasseroberfläche. Es fühlte sich an, als würde ich die tote Frau machen. Äusserlich bewegte sich nichts, aber innerlich machte ich ständig subtile Gleichgewichtsübungen, um auf den Strömungen dieses seltsamen Textes weiterschweben zu können.

„Ich schreibe meine Literatur wie ich Buch führe – sorgfältig und gleichgültig“, berichtet Soares. Und es ist diese Sorgfalt, diese gelassene Genauigkeit, die mich festhält. Dieser Erzähler hat null lyrische Selbstverliebtheit, null Begehren, die Leserin mit Kunststücken zu fesseln. Er beobachtet die Welt und sich selbst wie ein Unbeteiligter. Alles ist unfassbar gross. Und alles ist nichts, auch er selbst.

Es ist eines des merkwürdigsten Leseerlebnisse, die ich je gehabt habe. Abends lese ich und bin glücklich, am Morgen habe ich vergessen, was ich gelesen habe. Aber ich merke, dass ich anders zu schreiben beginne. Sorgfältiger.

Amor an der Bushaltestelle

Wenn ich im Moment überhaupt Bus fahre, warte ich oft an der grossen Bushaltestelle am Schwanenplatz. Dann sehe ich auf der anderen Strassenseite ein repräsentatives, sechsstöckiges Bauwerk aus dem vorletzten Jahrhundert. Es ist Heimat eines 170-jährigen Uhren- und Schmuckladens, der vor der Coronakrise sein Geschäft mit kostspieligen Souvenirs für Touristen aus aller Welt machte. Immer geht mein Blick zuerst zur Spitze des Gebäudes, zum kleinen Amor im Türmchen. Ich muss wissen, ob er noch steht, mit dem Rücken zum Abgrund, Sekundenbruchteile vom Sturz entfernt seit Jahrzehnten. Ob er noch um sein Gleichgewicht ringt. Ob die Girlanden noch halten, an denen er sich festhält. Ob noch immer das Lächeln eines ins Spiel versunkenen Kindes seine Lippen umspielt.

Er steht.

Ich mag ihn. Vielleicht, weil mir manchmal selbst schwindlig ist. Vielleicht wegen seines Lächelns. Ich weiss: Wenn er stürzt, werden ihm Flügel wachsen. Auch wenn wir sie jetzt noch nicht sehen.

Eine Reise im Kopf


Baum auf der Insel Korsika (Quelle: skiinfo.de)

Lasst es mich kurz und bündig sagen: Ich habe diese anders „Denkenden“ sowas von satt. In den letzten Tagen gingen hierzulande politisch wieder mal die Wogen hoch, und der Irrsinn fegte auch durch mein Büro. Grauenerregend. Wirklich, ich kann es im Körper spüren. Ich fühlte ich mich wie vor Jahren, als ich bei stürmischem Wetter an einem Strand in Korsika zeltete. Nach vier Tagen Westwind kam ich mir so verbogen vor wie der einzige Baum, der weit vorne am Meer stand.

Kurz nachdem der politische Aufruhr seinen Höhepunkt erreicht hatte, lag ich im Stuhl meiner Dentalhygienikerin. Sie schabte so sachte an meinen Zahnhälsen, dass ich Zeit zum Nachdenken hatte. Der Punkt ist: Ich kann wenig tun gegen die Narretei, die sich tagtäglich an meinem Schreibtisch manifestiert. Meistens nehme ich das alles mit Humor. Aber jetzt wird es mir zu viel. Ich brauche Strategien, um mich zu schützen.

Ich denke an meinen vom Wind verbogenen Baum auf Korsika. Ich sehe die Hügel am Strand mit dem körnigen, rötlichen Sand. Ich sehe das Flüsschen, das wenig Schritte von unserem Zelt ins Meer mündet. Ich habe es oft durchwatet damals, es war kaum knietief. Ich war keine 20 und hingerissen von den von Wind und Wetter zurechtgeschmirgelten Felsen rundum. Vom Ginsterduft der Macchia in der Nacht. Ich konnte mich an allem kaum sattsehen und -riechen. Ich sehe die Kaserne von Bonifacio im harten Nachmittagslicht. Ich sehe die Sonnenuntergänge nach dem Sturm. Für Momente sieht die Welt bei so einem Sonnenuntergang ewig aus. Ich habe mich schon viele Jahre nicht mehr an diese Reise erinnert. Aber jetzt tue ich es. Es fühlt sich gut an. Als die Dentalhygienikerin fertig ist, kann ich wieder gerade stehen.

Ist es so einfach, so banal? Das Meer, der Strand, ein Sonnenuntergang? Egal. Ich werde das jetzt öfter tun.

Szene im Kaufhaus

Bei uns sind die Läden wieder offen. Abends gehe ich jetzt oft einkaufen, ich habe Lust auf Frühling und kaufe Blusen in gewagten Farben. Am Eingang des Warenhauses in der Altstadt steht eine Frau und streckt mir ein leeres Kärtchen entgegen. Direkt nebenan ist die Parfümerie. Ein Müsterchen? Ich halte es gegen mein Gesicht, aber natürlich rieche ich nur verbrannten Kunststoff, wegen der Maske. Ich grinse die Frau an und sage „danke“. Fragen kann ich sie nichts, ich würde eh nicht verstehen, was sie antwortet. Das würde ich auch auch ohne Maske nicht, mache ich schon lange nicht mehr. Dann werfe ich das Kärtchen achtlos zu den neuen Blusen in meiner Einkaufstasche.

Als ich nach Hause komme und die Blusen auspacke, zaubert mir ein blumig eleganter Duft ein Lächeln ins Gesicht. Ich ziehe die Karte aus der Tüte. Auf ihrer Hinterseite steht das Logo einer bekannten Parfüm-Marke.

Ein wütender, alter Mann ist tot

„Hast Du gesehen, Friedel Frogg ist gestorben“, sagte Sekretärin Wilma neulich am Morgen. „Steht in der Zeitung.“

Ich schaute nach, und tatsächlich: Friedel Frogg ist tot. Jahrgang 1933. Einfach weg. Was hat hat mich dieser alte Mann in den letzten 11 Jahren irritiert! Wie musste ich alles, was ich denke und glaube aus meinem Büro hinauszwingen und dann die Tür zudrücken, um es überhaupt mit ihm aufnehmen zu können. Dass er mein Namensvetter war, war reiner Zufall. Verwandt waren wir nicht, darauf legte ich Wert. Meine Familie stammt vom Berg M. Seine aus dem Tal E.

Er war ein Leserbriefschreiber. Wenn ihn etwas wütend machte, dann nahm er einen blauen Kugelschreiber und schrieb in einer breiten Schrift ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier. Dieses schickte er uns. Ich musste den Text dann abtippen, redigieren und auf die Seite stellen. Er schrieb Sätze wie: „In Sachen Rassismus muss man fast schon jedes Wort auf die Goldwaage legen.“ Oder: „James Schwarzenbach war intelligent. Er hat in den sechziger Jahren gegen die Überfremdung gekämpft.“ Mir kräuselte sich beim Tippen die Kopfhaut. Sein rotes Tuch war die Ehe für alle: „Nur wenn Mann und Frau sich ehelichen und in der Regel Kinder kriegen, ist es eine Ehe. Gleichgeschlechtliche Paare können das nicht.“ Das wiederholte er so gerne, dass ich ihn einmal fragte, warum er eigentlich selbst nie geheiratet habe. Er lästerte über die EU, pries „unsere bewaffnete Neutralität“ und gerne auch den rechtskonservativen Churer Bischof.

Nicht selten schrieb er einen Satz, den ich ihm streichen musste. Weil es gegen das Gesetz verstossen hätte, ihn zu veröffentlichen. Oder, weil er unleserlich oder unverständlich war. Wenn ich das tat, griff Friedel Frogg zu Telefonhörer. Wenn ich nicht da war, diskutierten die Frauen vom Sekretariat mit ihm. Er hatte diesen trügerisch leutseligen Umgangston, den ich auch von anderen Männern aus dem Tal E kenne. Wie eine freundlich zum Gruss entgegengestreckte Hand, die eine Scherbe versteckt. Er rief auch an, wenn ihn ein Anglizismus in der Zeitung ärgerte oder er etwas nicht verstand.

„Legen Sie sich doch endlich einen Computer zu, Herr Frogg“, sagte ich hundertmal. „Dann können Sie alles nachschlagen. Oder gehen Sie in die Bibliothek.“ Nein, er müsse uns das sagen. Damit wir Bescheid wüssten, dass manche Leute uns nicht verstünden.

„Warum bringst Du diesen alten Sack überhaupt noch?!“ sagte einmal ein Blattmacher zu mir, dem die Leser des von ihm gemachten Blattes herzlich egal waren. Ich sagte: „Das kann ich nicht. Er hat ein Recht auf freie Meinungsäusserung und ein Abonnement unserer Zeitung.“

Mit den Jahren wurden Herr Frogg und ich milder miteinander. Zuletzt war ich es, die ihn anrief. Er hatte uns etwas geschickt, was ich unmöglich bringen konnte. Am Telefon rang er zwischen zwei Sätzen nach Atem. Das Herz. Ich war in Sorge.

Später am Tag, an dem ich von Friedel Frogg’s Tod erfuhr, brachte ich etwas ins Sekretariat. Auf einem Gestell brannte eine Kerze. „Die haben wir für Herrn Frogg angezündet“, sagte Wilma. Wir schauten sie an und waren ein bisschen traurig.

Mein schwarzes Tier

Wenn Frau Frogg telefoniert, begegnet sie Tieren die ihr nicht ganz geheuer sind. (Quelle: mixology.eu)
Wenn Frau Frogg telefoniert, begegnet sie Kreaturen, die ihr nicht ganz geheuer sind. (Quelle: mixology.eu)

Neulich hatte ich im Geschäft einen Kunden am Telefon. Das kommt nur noch selten vor. Aber manchmal lässt es sich nicht vermeiden. Er ist ein schwieriger Kunde, ich kenne ihn schon lange. Ich konnte ihm – einmal mehr – nicht geben, was er wollte. Er wurde wütend und begann zu brüllen. Er sagte Dinge, die anfingen mit: „Sie werden schon sehen, dass…“ und: „Irgendwann wird…“, der Rest ertrank im Gedröhn seiner Stimme. Wahrscheinlich waren es düstere Prophezeiungen an die Adresse meines Geschäfts. Ich kenne die Leier. Ich sagte immer nur „Ja“. Vermutlich hatte er das Gefühl, er rede gegen Wände. Das tut er auch. Er redete gegen die Wände in meinen Ohren.

Eine Freundin von mir ist Sozialarbeiterin. In jüngeren Jahren hat sie auf Französisch eine Diplomarbeit über Schwerhörigkeit geschrieben, für das sie Frauen mit Gehörproblemen interviewt hat. Telefonieren, schreibt sie, scheine für sie alle „la bête noire“ zu sein. Das schwarze Tier. Eine Redensart, die ich zuerst googeln musste. Laut linguee.de heisst es so etwas wie „ein rotes Tuch“ oder „ein Dorn im Auge“.

Ich kann nicht sonderlich gut Französisch, und ich weiss nicht, wie der Ausdruck im Alltag verwendet wird. Im Zusammenhang mit dem Telefonieren scheinen mir diese Übersetzungen aber verharmlosend. Telefonieren reduziert Kommunikation auf Stimme und Laute – das ist für Normalhörende das Wesentliche und total effizient. Als ich noch gut hörte, habe ich halbe Nächte durchtelefoniert. Es war herrlich. Aber jetzt fällt für mich beim Telefonieren fast alles weg, was Kommunikation auch noch gelingen lassen kann: Mimik, Lippenbewegungen, Gestik, Situationskomik. Telefonieren konfrontiert mich mit meiner ganzen Unzulänglichkeit, und es ist dazu noch dröhnend anstrengend. Wenn ich „la bête noire“ lese, fällt mir ein, dass die Begegnung mit einem schwarzen Hund in der angelsächsischen Kultur etwas sehr Düsteres bedeutet: Der schwarze Hund gilt als Wächter am Tor zur Unterwelt, und wenn er uns auf der Strasse begegnet, begegnet uns eine Ahnung von Gefahr und Versagen. Das trifft es besser.

Mittlerweile habe ich gute Technologie zum Telefonieren, und mein neuer Computer im Büro hat eine super Akustik. Aber oft bringe ich mich mit Ausflüchten über die Runden, dann erledigen unsere Sekretärinnen das Nötigste. Man erreicht mich immer per E-Mail. Letzthin hatte ich einen Kunden, bei dem ich nach einigen E-Mails vermutete, dass er per Telefon einfach ein paar anzügliche Sprüche machen wollte. Ich liess mich ein paarmal verleugnen, bis mein Stellvertreter im Haus war. Dann sagte ich zur Sekretärin: „Wenn Herr P. wieder anruft, gebt ihm bitte meinen Stellvertreter. Ich finde, Herr P. sollte mit einem Mann telefonieren.“

Jungsein und die Pandemie


Frau Frogg (hier 17jährig). Ich mag mir gar nicht ausdenken, wie eine Quarantäne damals für mich gewesen wäre. Bild: Louis Brem

Die Jungen leiden am meisten in der Pandemie, heisst es jetzt immer wieder. „Was soll das Gejammer?!“ sagte ich (55) lange Zeit und klang dabei wie meine eisenharte Grossmutter selig. Aber dann fiel mir ein, dass ich selbst einmal jung gewesen bin. Und wie das damals war.

Schwierig wurde es, als ich zu studieren begann. Ich zog möglichst weit von zu Hause weg, in eine andere Stadt, und die ersten zwei, drei Wochen waren eine bodenlose Lese- und Denkorgie, ein einziges Freiheitsfest. Aber dann kam diese Angst. Ich kannte niemanden in der fernen Stadt, meine Schulfreundinnen studierten anderswo. An der Uni hatte ich nur 16 Stunden Präsenzzeit, das war damals normal. Ich war viel allein, und manchmal bekam ich panikartige Zustände. Später nannte ich sie „das gelbe Grauen“ – weil diese Zustände bei Sonnenschein, wenn man heiter und fröhlich hätte sein sollen, besonders besonders bedrohlich waren. Manchmal sass ich lange Zeit da und versuchte zu lesen. Aber kein einziger Satz fand den Weg durch diese Angst in mein Gehirn.

Ich konnte mit niemandem darüber sprechen, nicht zuletzt, weil mir eine verständliche Sprache dafür fehlte. Noch heute ringe ich nach Worten, wenn ich diese Angst beschreiben soll. Vielleicht geht es so: Ich hatte panische Angst vor mir selbst. Ich hatte Angst vor etwas, was in mir drin sass und nicht normal, vielleicht nicht einmal menschlich war. Ich hatte Angst, dass es aus dem Versteck in mir drin herausspringen und für jede und jeden sofort sichtbar würde. Dass dann niemand mehr mit mir sprechen wollen, dass ich gänzlich von diesem Strudel des Wahnsinns verschlungen würde. Wie irr suchte ich die Gegenwart anderer Menschen, nur um diesem Strudel zu entkommen.

Wahrscheinlich hatten diese Ängste auch mit den Umständen zu tun, unter denen ich aufgewachsen bin. Mein Vater hatte damals erhebliche psychische Probleme. Seine Zustände prägten meine Teenagerjahre waren in den schlimmsten Zeiten während jedem Mittagessen Thema. Es waren Mahlzeiten voller innerer Loyalitätskonflikte. Hatte ich mehr Verständnis mit meinem leidenden Vater? Oder musste ich zu meiner Mutter halten, die oft nichts als Irritation über meinen Vater empfand und doch den Laden zusammenhielt? Man konnte meinem Vater gut zureden, dann verschwand der Irrsinn für eine Weile. Aber am nächsten Tag war er wieder da. Es waren Zustände, die sich nicht in diesem Rahmen lockerer Konversation spannen liessen, den wir zu Hause gegen jeden Wahnsinn der Welt kultivierten. Ich hatte Angst, die Verletzlichkeit meines Vaters geerbt zu haben und umso mehr Angst vor mir selbst.

Vielleicht aber hatte ich einfach Zustände, wie die meisten jungen Erwachsenen sie haben, wenn sie von zu Hause wegziehen. Denn wer ist schon in einer funktionalen Familie aufgewachsen? Für wen ist andauerndes Alleinsein nicht schwierig? Und wer hat manchmal nicht das Gefühl, dass da etwas sehr Bedrohliches in ihm drinsitzt? Bei mir dauerte es viele Jahre, bis ich mich sicher vor mir selbst fühlte.

Was aber wäre passiert, wenn ich in jener Zeit pandemiebedingt noch mehr alleine gewesen wäre? Was, wenn ich wieder zum meinen Eltern hätte ziehen müssen? Ich weiss es nicht, und ich weiss auch nicht, wie mein Leben dann verlaufen wäre. Sicher hätte mir der Kontakt mit Gleichaltrigen gefehlt.

Können wir als alte Säcke etwas tun? Das Leben der jungen Leute ist heute so viel anders als unseres es war. Aber vielleicht hilft es, wenn wir zugeben: Ja, es ist schwierig, es ist vielleicht auf eine unaussprechliche Art schwierig. Wenn ihr könnt, sprecht darüber. Wenn es halbwegs möglich ist, trefft Euch irgendwo. Sucht Hilfe, wenn es nicht mehr geht. Aber seid zuversichtlich: Die allermeisten von Euch werden einen Weg finden und einmal beinharte Grosseltern werden.

Im Bus

Heute nahm ich kurz den Bus. Ich hatte volle Einkaufstaschen und kam von der anderen Stadtseite. Noch drei Haltestellen, da beginnt die Frau neben mir zu husten. Sie steht ziemlich genau 1,5 Meter von mir entfernt, und das ist kein trockenes Maskenhüsteln, es ist ein richtiger, verdammter Hustenanfall.

In meinem Kopf beginnen zwei Personen laut zu streiten.
Mein Vor-Corona-Ich: „Jetzt schau diese alte Frau doch nicht so böse an! Sie ist bestimmt über 80. Wahrscheinlich hat sie Asthma. Die arme Frau!“
Mein neues Ich: „Denkste! Die Welt ist voller Covidioten. Mit einem solchen Husten hat sie in einem Bus nichts verloren.“
Mein altes Ich: „Wahrscheinlich ist sie allein und hat niemanden, der für sie einkauft und kein Auto. Nun mach doch nicht so einen Terror!“

Ich gehe diskret einen Schritt vorwärts und drücke den Halteknopf. Der Bus steht, aber vor einer Ampel, und zwar lange. Die Frau ist immer noch höchstens zwei Meter von mir entfernt und hat einen zweiten Hustenanfall. Mein neues Ich sieht Millionen von Viren an den Rändern ihrer Maske vorbei in meine Richtung dampfen.

Mein altes Ich: „Du wirst diese Frau jetzt nicht beschämen, indem Du im Bus nach hinten gehst!“
Mein neues Ich: „Doch, genau, das werde ich jetzt tun. Man nennt es Selbstschutz.“

Es ist ein Gelenkbus. Ich trage meine Taschen nach hinten. Genau in dem Moment, als ich auf dem Gelenk stehe, setzt sich der Bus in Fahrt und geht in die Kurve. Ich fliege mit meinen zwei Einkaufstaschen fast auf die Schnauze.

Mein altes Ich: „Geschieht Dir recht.“

Vorne hustet die Frau immer noch, als ich hinten aus dem Bus steige. Die letzten beiden Haltestellen lege ich zu Fuss zurück.