Ein Stall in der Gegend oberhalb von Amsteg im Juni 2003, mit Heuheinzen für die Ernte. (Bild: Frau Frogg)
Eine Zugfahrt durch den Kanton Uri hat etwas Mythisches. Hier war Wilhelm Tell, hier sind enge Täler und mächtige Berge und 150 Jahre Ingenieurskunst im Tunnelbau. Der Kanton Uri ist viel mehr als ein eindrücklich bebilderter Transit ins Tessin, wo ich diesmal sowieso nicht hinwollte. Ich strebte nach Andermatt, 1436 Meter über Meer, eine Sommerfrische. Es war der 5. September. Im Unterland erwarteten wir wieder über 30 Grad.

Wenn ich durchs Urnerland fahre, sitze ich gerne auf der linken Seite des Zugs. Dann sehe ich südlich von Amsteg einen meiner Lieblingsorte: den Weiler Ried, eine Reihe alter Bauernhäuser hoch über der Reuss. Dazu seltsame Einmannkabinen aus Beton. Es sind Lawinenfluchtnischen, damit die Leute einen Zufluchtsort haben, wenn der Schnee vom Berg herunterdonnert. Herr T. und ich sind hier vorbeigewandert, im «Jahrhundertsommer» 2003, als wir von Flüelen über den Gotthard marschierten. In Ried stehen Häuser und Betonkabinen heute da wie damals. Noch im Februar 2026 war das Strässchen wegen Lawinengefahr gesperrt (Quelle: hier).
So sehe ich den Kanton Uri: ein Land, in dem Menschen den Bergen trotzen. Das ist für mich keine reine Folklore. Das Medienprodukt, bei dem ich 2003 arbeitete, wurde auch in Uri gemacht und gekauft. Ich habe mich beim Schreiben oft gefragt, was Leute lesen wollen, die hier oben eine Existenz stemmen.
Ein Blick auf die Strasse bei Gurtnellen reisst mich aus der Erinnerung. Auf der Autobahn herrscht Stossverkehr Richtung Süden. Auch auf der Hauptstrasse jagt ein Auto das andere talaufwärts. Es sind Reisende, die hoffen, auf der Kantonsstrasse schneller voranzukommen als auf der staugefährdeten A2. Das kann nach hinten losgehen, denn den Leuten hier oben stinkt die Hektik, am 18. Juli hat sich die IG Uri gewehrt. Da überquerten Einheimische in Einerkolonnen gemächlich ihre Fussgängerstreifen wieder und wieder, hin und zurück (srf.ch hat darüber berichtet).
Der ältere Deutsche in meinem Abteil zeigt aus dem Fenster. «Was ist das für ein Kirchlein dort?» fragt er. Sein Sohn antwortet mit verklärtem Blick: «Das ist Wassen. Wir sehen es jetzt schon zum dritten Mal, wegen der Kehrtunnels.» Man kann hier nicht vorbeifahren, ohne das Kirchlein von Wassen zu erwähnen, es ist eine Schweizer Obsession (siehe hier).
Dann Göschenen. Hier schiessen Autos und Züge in die Gotthardtunnels. Ich steige um nach Andermatt und staune, dass ich so viele Mitreisende habe. Andermatt liegt abseits der grossen Verkehrsströme. Dachte ich. Andermatt war 2003 ein Skiferienort im abgeschiedenen Hochtal Ursern. Eine Ahnung von Niedergang lag über dem Dorf. Heute sieht es dort so aus.

Andermatt eine Stadt in den Alpen geworden. Mit Verkehr, Verkehr, Verkehr, zwei riesigen Hotels, fünfstöckigen Chalets, einem Golfplatz und sogar einem Konzertsaal. Ich war geschockt. Was ist hier bloss passiert?

Ein Gedanke zu „Liebeserklärung ans Urnerland – und ein Kulturschock“