Regentag in Caernarfon

Wir stiegen hoch in unser Zimmer im Dachgeschoss des Hotels in Caernarfon. Ich dachte: „Nun ja, das Gute an einer ausgebrannten Hotelküche ist, dass sie wahrscheinlich kein zweites Mal ausbrennen wird.“ Dann legten wir uns ins Bett und ich zog die Decke über den Kopf. „Hier ist meine Insel, hier fühle ich mich sicher“, sagte ich mir. Dann schlief ich ein. Am nächsten Morgen hatte Regen den Möwenkot an unserem Fenster beinahe abgewaschen. Und ich hatte begriffen, dass es auf dieser Reise an den raueren Orten nur eins gibt: Inseln der Geborgenheit suchen; das Schöne finden. Und ich muss jetzt auch einfach sagen: Wir haben immer wieder freundliche Leute getroffen, die uns dabei geholfen haben. Ich habe sie umso mehr schätzen gelernt.

Wir fanden: Das Caffi Maes, auf dem Schlossplatz, wo uns eine junge Frau mit regenbogenfarbig geschminkten Augen das Frühstück servierte – es war Pride Month. Dort lernten wir unsere erste kymrische Vokabel: „Caffi“ heisst Café.

Wir fanden einen tollen Spazierweg entlang der Meerenge von Menai, auf einem ehemaligen Eisenbahngleis, den Lôn Las Menai.

Herr T. beim Spazieren auf dem Lôn Las Menai in verwunschenen Wäldern.

Die Meerenge ist auf dem Bild oben gerade nicht zu sehen. Sie ist auch nicht sehr fotogen, es handelt sich einfach um einen breiten Meerwasserstreifen, der Nordwales und die Insel Anglesey trennt. Aber für uns zwei Binnenländer war sie ein faszinierendes Gewässer, wir sammelten dort Muscheln und Schiefersteine. Der Weg ist teils von regenwaldartigem Gehölz umwuchert, so dicht und dunkel wie ich es noch selten gesehen habe. Als dann wieder Regen einsetzte, waren wir an einem kleinen Hafen namens Y Felinheli angelangt. Dort fanden wir schnell eine Bushaltestelle mit Wind- und Wetterschutz, und innert zehn Minuten fand uns ein Bus.

Das walisische Wappentier.

In der sehr charmanten Altstadt von Caernarfon, an der Palace Street, fand ich einen ausgezeichneten Buchladen, Palas Print, mit einer englischen und einer grossen walisischen Abteilung. Ich verbrachte dort fast eine Stunde und musste am Schluss schwierige Entscheidungen treffen, denn der Platz in meiner Reisetasche war beschränkt. Ich fand ausserdem einen Souvenirladen, der mir eine Teetasse mit dem walisischen Wappentier verkaufte, einem roten Drachen, in den ich mich ein wenig verguckt hatte. Er ist ein Symbol für den Unabhängigkeitswillen der Menschen in Wales.

Mein Lieblingsplatz aber wurde die Stelle, wo der River Seiont in die Meerenge mündet. Dort trennt eine Fussgänger-Drehbrücke aus dem Industriezeitalter den Hafen vom Meer. Manchmal schrillt auf der Brücke der Alarm, alle müssen sie verlassen, und sie quietscht und knarzt und öffnet sich. Dann zieht ein halbes Dutzend Segelboote in Gänseformation hintereinander ins Meer. Sie liegen schon im Hafen in Wartestellung, bei Ebbe auf ihren Keilen im Schlick.

Die Brücke über den River Seiunt, geöffnet.

Gegenüber steht das Schloss, erbaut vom König Edward I. und auch Aufenthaltsort der Königin Eleanor, der ich anderswo schon einen Beitrag gewidmet habe. Hier brachte sie den ersten englischen Prince of Wales zur Welt, den späteren Edward II. Die Ausstellung über sie im Schloss hebt hervor, dass Eleanor 19 Kinder zur Welt brachte, von denen nur sechs sie überlebten. Seither weiss ich, weshalb die Gebärerin unter den Bienen „Königin“ heisst.

Als wir am nächsten Tag Richtung Süden aufbrachen, stellte ich überrascht fest: Die Stadt ist mir ein bisschen ans Herz gewachsen.

Fremdeln in Caernarfon

Das Schloss von Caernarfon ist eine Wucht. Der erste Blick auf die Stadt weniger erhebend.

In Llandudno hatten wir zwei Nächte lang in einem hübschen, kleinen B&B mit Blick aufs Meer übernachtet. Vom Zimmer aus hatten wir traumhafte Sonnenuntergänge gesehen. Als wir abreisten, verabschiedete uns der Hotelier mit den Worten: „So, you’re going to Caernarfon? Well, you will see, the castle is beautiful, but the town is a little bit rubbish.“ Ein Tourismus-Profi dürfte nie einen solchen Satz über eine benachbarte Destination aussprechen. Und mein Englischlehrer hätte ihn auch nicht als englischen Satz akzeptiert. Dennoch machte sie mich auf der  zweistündigen Busfahrt nach Caernarfon etwas bange. Was uns wohl dort erwartete?

Caernarfon präsentierte sich zunächst als Landstädtchen, das seine besten Zeiten im 19. Jahrhundert gesehen hat. Der Schlossplatz lag grau vor uns, gegenüber unser Hotel. Dazwischen die Statue eines Mannes, der Kopf weiss von Möwenkot. Das Hotel hat ein Pub im Erdgeschoss, und wir fragten den Wirt erst mal, ob wir hier ein Mittagessen bekämen. „Nein, tut mir leid. Es gibt hier  nichts zu essen. Die Küche ist ausgebrannt“, sagte er. Wir bezogen unsere Zimmer im Dachstock.

„Die Küche ist ausgebrannt!“ sagte ich beim Auspacken vorwurfsvoll zu Herrn T. Er ist unser Reise-Organisator, und manchmal erwischt er bei den Hotelbuchungen ein faules Ei. Man schaut sich dann mit grösster Wachsamkeit im Zimmer um, wer weiss, was man alles zu sehen bekommt. Doch der Raum war sauber und frisch gestrichen, das Bad karg, aber sauber. Nur auf der Fensterscheibe klebte ein grosser, weisser Möwendreck. Und ich hatte kein Netz. Die Stadt hat zwar ein offenes WLAN, aber mein Handy verweigerte das Login, aus Sicherheitsgründen. Ich fühlte mich wie aus der Welt gefallen.

Ich beschloss, mich erst mal zusammenzunehmen. Wir gingen zurück auf den Schlossplatz und picknickten auf einer Bank. Dabei waren wir ganz froh, dass wir mit dem Rücken zur Presbyterianischen Kirche sassen, denn diese bot einen traurigen Anblick: geschlossen, die Tore mit Sperrholzbrettern verbarrikadiert. Auch die Post und die Bank hinter uns: bröckelnde Farbe, bröckelnder Stein. Schräg links ein architektonisch ansprechendes Lokal aus den 1960er-Jahren: geschlossen. Durch die grossen Glasfenster waren die verdreckten Trümmer einer einstigen Einrichtung zu sehen. Überhaupt, die Stadtseite östlich des Schlossplatzes: viele leere Bauten, zum Teil verbrettert, da und dort Baugerüste, aber keine Arbeiter. Dazwischen zwei oder drei in fröhlichen Farben frisch gestrichene Häuser. Als seien ihre Bewohner entschlossen, dem Verfall etwas entgegenzusetzen.

Wir waren bei der zweiten Scheibe Brot, als eine Möwe direkt vor uns landete und uns böse anschaute. Sie wollte unser Brot, das war offensichtlich. Die Möwen in Wales sind so gross wie dicke Katzen. Sie haben Hackschnäbel und es gibt kein anderes Wort für ihren Blick als böse. Richtig böse. Plötzlich eine alte Frau hinter uns, die mit verschrecktem Blick auf den Vogel zeigte. „Be careful!“ warnte sie uns und zeigte mit einer wilden Armbewegung, wie der Vogel einen Angriff auf uns fliegen würde. Sie meinte es gut. Aber ich weiss nicht, ob ich mich mich mehr vor dem Vogel oder vor ihr fürchtete. Sie war hager, ihr zerfurchtes Gesicht liess ahnen, dass sie Dinge erlebt hatte, die man selbst lieber nicht erleben möchte.

Unter höchster Wachsamkeit assen wir. Dann nahmen wir unseren touristischen Auftrag wahr und besichtigten das Schloss von Caernarfon. Es ist ist eine Wucht, aussen und innen. Das Abendessen im Pub The Anglesey Arms war köstlich. Danach ein Spaziergang am Strait of Menai in der langen Junidämmerung.

Dann betraten wir wieder unser Hotel. Im Pub ein einziger Gast, angetrunken. Er kam uns entgegen und sagte mit irrem Grinsen: „Es gibt hier nichts zu essen, die Küche ist abgebrannt.“

Walisisch für Schwerhörige

Ein Zug der Firma Transport for Wales brachte uns von Manchester nach Llandudno in Nordwales. Wir können dem Unternehmen nur Bestnoten geben. Das Rollmaterial war neu, die Info-Bildschirme funktionierten tiptop, Lautsprecher-Durchsagen waren häufig, korrekt und gut verständlich, naja, für uns nur die englischen. Dennoch: Es war eine Traumreise für Schwerhörige.

Alle Angaben waren strikt zweisprachig, kymrisch und englisch. Der walisische Ansager klang wie ein gut gelaunter Märchenerzähler. Herr T. verstand schon nach wenigen Haltestellen, was „the next station is…“ auf Walisisch heisst: „gorsaf nesaf“ oder „nesaiaf“ oder ähnlich. Ich habe ja in jungen Jahren Linguistik studiert und mich speziell für Phonologie interessiert. Früher hätte ich nach Kräften versucht, meine Zunge um die merkwürdigen Laute dieser Sprache zu schlingen und erste Phrasen zu verstehen oder sogar verwenden zu können. Aber mittlerweile ist mir das zu anstrengend.

Immerhin hatten wir uns auf dem ganzen Weg nach Wales laut darüber nachgedacht, wie man den Ortsnamen „Llandudno“ ausspricht. „Thlandadno? Liandadno?“ Mein Freund Eagle Eye sagte: „Hlandudno“. In unserem Reiseführer stand, das „Ll“ werde in etwa wie ein weiches „Chl“ ausgesprochen. Also „Chlandudno“. Der Märchenerzähler im Zug sagte aber eher „Schandudno“, oder so klang es jedenfalls für mich. Egal. Wir kamen irgendwann dort an.

„Spricht überhaupt noch jemand Walisisch?“ fragte ich mich. „Oder ist diese Zweisprachigkeit im Zug nur politisch gewollte Diversitätspflege?“ Mein Linguistikprofessor vertrat in den späten achtziger Jahren die These: Minderheiten-Sprachen in ökonomisch eher peripheren Gebieten sind zum Aussterben verurteilt. Zuerst werden alle zweisprachig, und das sei bei den Walisisch sprechenden bereits der Fall. Dann würde die Minderheitssprache allmählich aus dem Alltag verschwinden. Ich war ja schon während meines Studiums in den späten achtziger oder frühen neunziger Jahren in Wales gewesen. Hatte ich damals Welsh gehört? Nein, nicht dass ich wüsste.

An den ersten beiden Tagen hörten wir in Llandudno nur Englisch. Llandudno ist ein gepflegtes Seebad, im Juni mehrheitlich von älteren Feriengästen aus England bevölkert. Am dritten Tag brachen wir Richtung Caernarfon auf. An der Bushaltestelle kam Herr T. mit zwei Frauen um die sechzig ins Gespräch. Ob sie eben Walisisch gesprochen habe, frage er.

Die eine lächelte über so viel Ahnungslosigkeit und sagte in einem lustigen Englisch: „Klar! Wenn wir unter uns sind, sprechen wir selbstverständlich Walisisch.“ Später hat mir Herr T. dann und wann gesagt, Leute um uns herum würden Walisisch sprechen. Ich kann Leute um uns herum zwar reden hören, weiss aber meist nicht, in welcher Sprache. Ich glaubte die keltische Sprache daran zu erkennen, dass sie einen anderen Rhythmus hat als Englisch. Englisch ist eher synkopisch, Welsh hat mehr Triolen, behaupte ich jetzt einfach mal. Auch schien mir diese Sprache voll von „aia aia aia“-Wiederholungen zu sein. Aber eben, meine Eindrücke sind höchst unzuverlässig.

Kaum zurück aus den Ferien stöberte ich in meinen alten Tagebüchern und stiess unerwartet auf Notizen meiner ersten Reise nach Wales, 1990. Ich staunte nicht schlecht, als ich eine Liste von präzis geschilderten Situationen vorfand, in denen ich damals die kymrische Sprache gehört hatte (ich hörte noch normal). Sie enthielt sechs Punkte, einige auch für die Soziolinguistin bemerkenswerte, zum Beispiel diesen: „Ffestiniog, The Abbey Pub: Ein Mann um die 25 und mehrere Knaben zwischen 10 und 14 stehen am Pool-Tisch und sprechen Englisch. Dann kommen eine Frau und ein Mädchen dazu (die Frau um die 40, das Kind 12 oder 13), die beiden sprechen Welsh. Solange die Frauen am Tisch stehen, sprechen alle Welsh. Danach wechseln die Männer zurück auf Englisch.“

Ich habe keinerlei Erinnerungen an diesen Vorfall. Ich glaube, ich bin nicht nur schwerhörig, sondern auch dement.

Das Herz von England

    Die Kathedrale und Altstadt von Lincoln im Juni 2023

Das Herz von England liegt nicht in London. In London liegt das Hirn, liegen einige der wichtigsten Muskeln von England. Aber das Herz von England liegt in kleineren Städten, zum Beispiel in Lincoln, ungefähr in der Mitte zwischen London und Newcastle.  Wenn man im Herzen von England angelangt ist, sieht man das am Stadtbild. Meistens gibt es in solchen Städten eine Kathedrale und eine Burg oder wenigstens einen stolzen Landsitz. Es gibt Fachwerkhäuser, Pubs mit Butzenscheiben, Kopfsteinpflaster und sehr rote Postgebäude. Es gibt einen Fluss, in dem Trauerweiden ihre Äste baden und tief liegende Wolken. Es gibt Cafés, in denen man Dinge wie Cheddarkäse auf Früchtebrot, Scones mit sehr dicker Sahne oder Cheesecake essen kann. Es gibt ein sorgfältig gepflegtes Geschichtsbewusstsein.

Das sehr rote Postgebäude in der Altstadt von Lincoln.

Lincoln war im Mittelalter dank florierendem Export von Wolle eine reiche Stadt. Ab 1027 baute man eine Kathedrale, heute ein atemberaubender Anblick, aussen und innen. Die Hooligans hatten uns hergebracht, sie verwöhnten uns mit diesem Ausflug, wir genossen jede Minute. Die Altstadt ist richtig schnuckelig, mit verwinkelten Gässchen und hübschen Läden. Belebt, aber nicht überlaufen. „Ihr hättet das alles vor der Pandemie sehen sollen!“ sagte Diamond Eye. „Es waren so viele Leute in den Gassen, dass es  ein Fussgängerleitsystem gab. Links ging man hoch, rechts kam man herunter.“ War ich froh, dass wir nach der Pandemie gekommen waren!

Es gibt in Lincoln auch eine Burg mit Museum. Dort ist eine der vier ersten Abschriften der Magna Charta von 1215 zu sehen (was das für ein Dokument ist, ist hier einfach erklärt). Es wird auch im Museum selbst gut erklärt, weshalb dieses Dokument so bedeutsam ist, für die Rechtsordnung sehr vieler Staaten. Museumsdidaktisch sind sie im Vereinigten Königreich top. Da starrt man nicht einfach ehrfürchtig ein tintiges Stück Pergament in einer Vitrine an. Da gibt es immer auch kleine, gut verständlich geschriebene Texttäfelchen (ideal für Schwerhörige). Auf so einem Täfelchen stand, dass die Magna Charta der Anfang der Gleichheit aller vor dem Gesetz war.

Wir streiften weiter durch das Herz von England und stellten abseits der meistbegangenen Fussgängerpassagen fest: seine Kranzgefässe kränkeln ein bisschen. Am Rande der Altstadt und an den Ausfallstrassen: auffallend viele geschlossene Ladenlokale, die Schaufenster oft mit Brettern vernagelt. Auch in respektablen, gut erhaltenen Bauten. Herr T. erkundigte sich bei Eagle Nose nach den Gründen. Dieser gab sich wortkarg: „Ungünstiges ökonomisches Klima.“ Aber aus seinen Briefen weiss ich: Er denkt, dass es nicht zuletzt am Brexit liegt. Und er denkt, dass der Brexit mehr ist als ein kleiner Konjunkturknick, ein Klacks angesichts von Hunderten Jahren Geschichte. „Mir tun die jungen Leute leid, von denen so viele jetzt um ihre Zukunft betrogen werden“, hat er einmal geschrieben.

 

Ferien im Vereinigten Königreich

Abend am Pier von Llandudno, Wales

Gestern Abend sind Herr T. und ich aus unseren dreiwöchigen Ferien in England und Wales zurückgekommen. Von Anfang an war diese Reise von einer eigenartigen Wehmut durchtränkt. Sie lässt sich schwer mit zehn effektvollen Highlights feiern, sie braucht Stimmungsbilder.

Sie braucht das Meer, immer wieder das Meer. Stundenlang haben wir an den Stränden von Wales die Gezeiten beobachtet. Wir haben zugeschaut, wie es an einem Sommerabend vor einem Pub am Strait of Menai langsam Ebbe wurde. Im Lokal stieg der Alkoholpegel, junge Männer vergnügten sich auf Gaelisch. Draussen sank der Wasserspiegel und legte nach und nach Kiesbuckel frei. Zwischen ihnen stelzten Vögel und suchten mit langen Schnäbeln nach Futter.

Sie braucht die Gespräche mit unseren Freunden, den Hooligans. Wir kamen bei ihnen an, in der Nähe von Peterborough, und waren noch voll von diesem unwirklichen Gefühl, das man nach einer neunstündigen Zugreise in ein fremdes Land hat. Wir setzten uns an ihren Tisch, gefasst auf ein Stündchen leichte Konversation. Aber Diamond Eye kam sofort zu Sache. Sie hat eine schreckliche Geschichte mit ihrer Familie durchgemacht und war vor Entsetzen dem Tod nahe gewesen. Sie musste alles erzählen. Sie ist über 70. Einst schien sie mir vor Kraft und Fröhlichkeit zu strotzen, ihr einige Jahre jüngerer Ehemann Eagle Nose erst recht. Aber beide sind gezeichnet von schlechten Zeiten und schlechten Nachrichten. So seltsam es klingt: Ich hätte nie gedacht, dass sie älter werden könnten. Bei Menschen, die oft sieht, merkt man das nicht so. Aber Freunde, die man acht Jahre lang nicht getroffen hat, halten einem den Spiegel hin. Auch wir sind älter geworden.

Sie braucht die Unruhe des Lebens aus der Reisetasche. Alle zwei Tage morgens abreisen und am Nachmittag ankommen in einer neuen Stadt, einem neuen Zimmer. Fremdeln. In einigen Städten in Wales vor den verlassenen, öden Ladenstrassen mitten im Zentrum erschrecken. Die schwierige ökonomische Lage, hatte uns Eagle Nose gewarnt. Ungetröstet einschlafen und am Morgen einen Ort suchen, an dem wir uns wohlfühlten. Hier ein bunt angemaltes Café mit gutem Cappuccino oder auch nur ein Billardtisch in einem Pub. Dort ein verborgener botanischer Garten am Stadtrand. Oder der Strand. Den Menschen dankbar sein, die sich hier in Würde eingerichtet haben, uns anlächeln und uns fragen, wo wir herkommen. Weiterreisen.

Sie braucht die Wachheit, mit der ich in den ersten Tagen alles sah und registrierte und innerlich beschrieb. Und dann, nach zehn Tagen dieses Gefühl, vom vielen Reisen glattgeschliffen und stumm zu sein und mitgerissen zu werden wie ein Kiesel im Fluss.

Sie braucht die pralle Dynamik von London, die Fleischigkeit dieser Stadt, ihre Gier und ihre Lebensfreude.

Sie braucht das verschmitzte Lächeln meines Patensohns Tim, seine ruhige, abwägende Art. Und sie braucht die liebenswürdige und sehr hilfreiche Wohlorganisiertheit seiner grossen Schwester Mina.

Sie braucht eine Anekdote zum Schluss. Ich stehe in Greenwich, London, vor einem Kaffeestand. Es ist ein strahlender Tag, 30 Grad. Die Betreiberin des Standes ist kurz weg, aber ein Sicherheitsmann bewacht ihn. Ich warte. Wir stehen da und betrachten die Mineralwasserfläschchen auf dem Tresen. „Sind die aus Glas oder aus Plastik?“ frage ich. „Made of glass“, sagt der Sicherheitsmann, „the water must be quite warm by now. You could probably make a cup of tea with it.“

Ein ukrainischer Oligarch

Oligarch Rinat Achmetow 2013 (Quelle: Wikipedia).

Bei meinen Recherchen für die Londongrad-Tour mit meinem Patensohn Tim bin ich auf etwas Verblüffendes gestossen: einen ukrainischen Oligarchen. Ich meine: Natürlich wissen die meisten von uns, dass es ukrainische Oligarchen gab oder gibt. Der Zerfall der Sowjetunion ist ja an vielen Orten ähnlich verlaufen. Aber angesichts der Weltlage blenden wir das gerne aus und sehen als einzigen Ukrainer Wolodimir Selenski. Wir denken nicht darüber nach, dass noch 2008 die 50 reichsten Menschen der Ukraine 85 Prozent des dortigen Bruttosozialproduktes besassen und mit dem Staat machten, was sie wollten (hier eine Liste der zehn vermögendsten von ihnen). Dieser Beitrag sollte ursprünglich vom allerreichsten von ihnen handeln, von Rinat Achmetov, der in London ein bemerkenswertes Penthouse besitzt.

Im Moment scheint es mir aber wichtiger zu sagen, dass die Ukraine ernsthaft versucht, ihre Oligarchen zu schwächen (hier ein guter Bericht dazu). Sie will ja in die EU, da gehen mauschelnde Machtmenschen mit Milliardenvermögen gar nicht. So hat der Staat schon mal in einem Gesetz Kriterien definiert, die jemanden zum Oligarchen machen: Er verfügt über ein Vermögen von 80 Millionen Euro oder mehr; er besitzt ein Medienunternehmen; er übt Einfluss in der Politik aus oder hat ein Monopol in einem bestimmten Wirtschaftsbereich. Treffen drei dieser vier Kriterien auf jemanden zu, dann haben wir es mit einem Oligarchen zu tun. Diese werden seit Einführung des Anti-Oligarchen-Gesetzes 2021 in einem Register vermerkt. Seither interessiert sich Rinat Achmetov ja auch gar nicht mehr für Politik, nicht doch, er hat sich gar nie wirklich für Politik interessiert. Dass er einen Parlamentssitz hatte – ach Gott, ein reines Versehen!

Nein, Oligarchen, das geht gar nicht in der EU – obwohl: Als ich so darüber nachdachte, sind mir auf Anhieb die Namen von zwei europäische Herren eingefallen, die ukrainische Oligarchen-Kriterien erfüllen: der soeben verstorbene Silvio Berlusconi. Und der schweizerische alt Bundesrat und Unternehmer Christoph Blocher (aber das spielt natürlich keine Rolle, denn die Schweiz ist ja nicht in der EU).

Zu Rinat Achmetov hier nur noch kurz: Sein exklusives Penthouse liegt am One Hyde Park, wo zwischen 2007 und 2010 die teuerste Immobilie von London erbaut wurde. Sie liegt wenige Gehminuten von Harrods entfernt, direkt am Südrand der weltberühmten Parkanlage Hyde Park. Achmetov soll 136,3 Millionen Pfund für zwei Wohnungen in der Anlage bezahlt haben.

Die teuerste Immobilie Londons, heisst es: One Hyde Park. Quelle: Wikipedia

Achmetov war (und ist wohl immer noch) der reichste Mann der Ukraine und sehr sehr wahrscheinlich ein Gangsterboss der ersten Liga – obwohl ihm nie etwas Ungerades nachgewiesen wurde, er war ja auch sehr einflussreich. Heute sind seine Besitztümer von den Russen sanktioniert oder zerstört. Sein Reichtum stammt vor allem aus dem von Russen besetzten Donbass, zum Beispiel besass er Asow-Stahl, die Fabrik, die von den Russen belagert und zerstört wurde, deren Firmensitz Achmetov aber schon lange nach Den Haag verlegt hat.

Als ich die Story von Asow-Stahl im letzten Jahr mitbekam, galt mein Mitgefühl den Menschen, die dort ihr Leben, ihre Lieben, ihre Arbeit verloren haben. Seit ich weiss, dass diese ganze zerstörte Anlage einem einzigen Menschen gehört hat, frage ich mich, was ich für diesen Menschen fühlen soll.

Aber das ist schwere Kost für den 18-jährigen Tim, auch wenn er sich durchaus für Politik interessiert. Ich muss noch ein bisschen drüber nachdenken, wie ich das überhaupt präsentiere. Morgen fahren wir, als Erstes reisen wir ein bisschen in England herum.

 

Londongrad

Roman Abramowitsch, Russe und bis letztes Jahr Besitzer des Fussballclubs Chelsea (Quelle: zdf.de).

Wenn man heute nach London fährt, muss man darüber sprechen, dass dort zahlreiche vermögende Russinnen und Russen leben – oder vor dem russischen Angriff auf die Ukraine gelebt haben. Es waren so viele, dass die Stadt den Spitznamen Londongrad bekommen hat („grad“ heisst „Stadt“ auf Russisch). Laut BBC sollen es um die 100000 russische Staatsangehörige sein oder gewesen sein. Einige von ihnen gehören zu den vermögendsten Oligarchen Russlands, immer wieder liest man in diesem Zusammenhang die Namen Roman Abramowitsch, Alischer Usmanow und Andrej Gurjew. 1200 russische Staatsangehörige sind im Vereinigten Königreich mittlerweile sanktioniert. Seit Wochen durchforste ich das Internet, um mehr über diese Leute zu erfahren. Ich will meinem Patensohn – und wenn möglich seiner Schwester – berichten, was in der Stadt unserer Träume in Tat und Wahrheit vor sich geht. Die Recherche hat mir ein paarmal die Haare zu Berge stehen lassen und meinen Blick auf den Kapitalismus und die englische Kapitale ganz neu ausgerichtet.

Warum kamen so viele reiche Russinnen und Russen nach London? Diese Frage wurde von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 18. März 2018 hier präzis beantwortet. Zusammenfassung: Putin-Freunde kamen, weil sie im Vereinigten Königreich problemlos ihr Geld anlegen konnten – die Behörden interessierten sich kaum für eine mögliche kriminelle Herkunft. Dazu kam in den neunziger Jahren das Goldene Visum: Wenn jemand mehr als 2 Millionen Pfund im Land zu investieren versprach, bekam er anstandslos eine Aufenthaltsbewilligung. Und dann sind da die renommierten Schulen, die tollen Partys und die tollen Läden.

Es kamen aber auch Putin-Gegner. Sie kamen, weil sie sich hier sicher fühlten vor dem langen Arm des russischen Diktators. Irrtümlich, wie sich in mehreren Fällen herausstellte. Einige starben unter mysteriösen Umständen oder wurden vergiftet. Das brachte auch Risiken für Jenny Normalverbraucherin mit sich, die zum Beispiel mal eben ein seltsames Parfümfläschchen fand.

Hier gibt’s eine bitterböse Satire der Schriftstellerin A. L. Kennedy darüber, wie Durchschnitts-Britinnen und Briten Londongrad kurz nach Kriegsausbruch erlebten. Bis vor kurzem konnte man auch eine Kleptokraten-Tour machen, über die ARD hier berichtete. Sie führte zu den Anwesen reicher Russen, findet jedoch aus unbekannten Gründen nicht mehr statt.

Ich werde aber versuchen, meinen Begleitern zu erklären, weshalb das alles so grauenhaft unfair ist: Weil die meisten Oligarchen den Grundstein ihres Reichtums mit Geld gelegt haben, das eigentlich allen Russinnen und Russen gehören würde – wahrscheinlich oft mit unsauberen Methoden. Das habe ich schon irgendwie gewusst, aber ich habe nicht so genau hingeschaut. Mittlerweile bin ich aber überzeugt, dass der ganze russische Staat auf mafiösen Strukturen aufgebaut ist – mit Wladimir Putin als oberstem Gangster.

Für die Menschen in Grossbritannien sind die Gäste aus dem Riesenreich durchaus auch eine Belastung. Sie machen das Leben in der Hauptstadt fast unerschwinglich. Russinnen und Russen haben zudem den Tories viel Geld gespendet, der Partei, die das Vereinigte Königreich seit langem regiert. Ex-Premierminister Boris Johnson kann sich noch so sehr als Freund der Ukraine aufführen. Fakt ist, dass seine Partei Spenden von Russen im Wert von Dutzenden Millionen Pfund erhalten hat (Quelle: ein sehr informativer Bericht des Schweizer Fernsehens: Hier). Ob die feinen Milliardäre wohl eine Gegenleistung dafür bekommen haben?

Doch nicht nur Russinnen und Russen leben in London in Saus und Braus. Der Buchautor Oliver Bullough sagt über das Geld, das in Londoner Immobilien und im Londoner Luxuskonsum steckt: „Es wurde aus Staaten gesaugt, die es wirklich, wirklich gut brauchen könnten, und die Reichen werfen hier damit um sich.“ Er nennt als Herkunftsländer dieser Hyperkapitalisten auch Angola, Nigeria und auch die Ukraine.

Sehr schnell stiess ich auf die Oligarch Files der englischen Zeitung The Guardian. Dort ist Roman Abramowitsch der meistgenannte Name. Kein Wunder, denn dieser besass von 2003 bis 2022 den Fussballclub Chelsea und verfügte auch über eine luxuriöse Villa in Kensington Palace Gardens. Er war dort Nachbar der Royal Family. Das Abramowitsch-Vermögen vor Kriegsausbruch wurde auf 17,3 Milliarden Dollar geschätzt. Wie er sich solche Unsummen zusammengerafft hat, erklärt dieser Bericht gut verständlich. Zusammenfassung: Der Milliardär hat sich um die Jahrtausendwende massiv an russischen Staatsbetrieben bereichert.

An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass Abramovitsch 2016 in die Schweiz ziehen wollte, jedoch von Bundesamt für Polizei abgewiesen wurde. Dieses urteilte Anfang 2017, „dass Abramowitschs Anwesenheit in der Schweiz als Gefährdung der öffentlichen Sicherheit sowie als Reputationsrisiko für die Schweiz einzuschätzen sei. Abramowitsch sei Fedpol wegen Verdachts auf Geldwäsche bekannt“ (soweit Wikipedia). Dennoch sind wir hierzulande nicht fein raus, denn Abramowitsch hatte laut einem im Januar 2023 im „Guardian“ publizierten Leak bis 2022 Vermögenswerte im Umfang von 920 Millionen Dollar unter anderem auf der UBS – einer Schweizer Bank.

Eines Tages werde ich über Kleptokraten in der Schweiz schreiben müssen. Aber das muss noch warten. Im Moment tue ich etwas anderes: Ich versuche aus diesem Wust von Informationen eine Londongrad-Tour zusammenzustellen. Hier habe ich schon mal eine brauchbare Skizze gefunden, hier gibt’s weitere Infos vom „Guardian“.

Bleibt die Frage, was aus dem FC Chelsea wurde nach den Sanktionen gegen Abramowitsch. Hier die ausführliche Antwort. Zusammenfassung: Der US-Multimilliardär Todd Boehly hat ihn jetzt gekauft, für 5,25 Milliarden Dollar. Es sei die teuerste Fussballtransaktion der Geschichte gewesen, heisst es.

Der London-Bus

Sie prägen das Londoner Strassenbild: die roten, doppelstöckigen Busse. (Quelle: TimeOut – wo man sich auch der Frage gewidmet hat, weshalb die Busse in London rot sind, siehe unten.)

In meinem letzten Beitrag über London habe ich es in meiner Phantasie bis auf den Vorplatz des Bahnhofs Charing Cross geschafft. Ich Herrn T. bewiesen, dass dort der Mittelpunkt von London steht. Nun lasse ich den Blick weiter schweifen. Auf der Charing Cross Road gleich hinter dem Platz sehe ich etwas, was sehr wahrscheinlich auch bei meinem Gottenbuben Tim sehr alte Erinnerungen wachrufen wird: die roten Busse, die dort in grosser Zahl vorbeiholpern.

Ein solches Fahrzeug könnte seine Begeisterung für London begründet haben. Als er klein war, war er oft in unserer alten Wohnung zu Besuch. Dann musste ich ihn auf den Heizkörper stellen, damit er durch das Fenster zur 500 Meter entfernten Bahnlinie hinunterblicken konnte, die nach Zürich führt. Dann und wann ratterte dort ein zwar nicht roter, aber doch doppelstöckiger Schnellzug vorbei. Dann rief Tim: „Schau, ein London-Zug!“ Er muss einen doppelstöckigen Bus unter seinen Spielzeugautos gehabt haben.

Lustigerweise steht ein solcher roter Spielzeugbus auch am Anfang meiner lange Jahre bedingungslosen Liebe für die Kapitale des UK. Als ich zwei oder drei Jahre alt war, besuchte mein Vater zwecks Weiterbildung einen Sprachkurs in England, von wo er mir einen als Souvenir nach Hause brachte. Das Ding soll mein Lieblingsspielzeug gewesen sein – auch als es sich längst an der Sollbruchstelle zwischen den beiden Stockwerken zweigeteilt hatte und nur sehr unzulänglich mit Schnüren oder Klebstreifen zusammengehalten wurde.

Jahre später, als junge Anglistik-Studentin diskutierte ich einmal mit einem Kollegen über die Frage, woher unsere gemeinsame Obsession für das im Grunde recht unbedeutend gewordene Königreich kam. „Bei mir war es die Musik – und ein Bus“, sagte ich. Bei der Musik redeten wir von einem Horizont, der von den Beatles bis zu The Clash reichte – London Calling. Der Bus war vielleicht ein Symbol für die Liebe eines kleinen Kindes zum vorübergehend abwesenden Papa. Vielleicht aber einfach auch Sinnbild jener Skurrilität und Verrücktheit, die wir damals schon den Brit*innen andichteten. Heute kommt es mir vor wie der reine Irrsinn, dass solche Kriterien damals die Wahl unseres Studienfachs beeinflussen konnten. Aber es waren eben andere Zeiten.

Hier geht das Magazin TimeOut der Frage nach, warum der London-Bus rot ist.

Der Mittelpunkt von London

Eleonorenturm (Quelle: victorianweb.org)

Treten wir nun endlich auf den Vorplatz von Charing Cross. Denn erst dort kann ich den Beweis antreten, dass in Charing Cross der Mittelpunkt von London liegt. Hier befindet sich ein gotisch anmutender Turm. In jungen Jahren, 1985/86, beachtete ich ihn kaum. „Das sind nur alte Steine, und alte Steine sind für alte Leute“, dachte ich. Aber als neulich über über unsere kommende London-Reise nachdachte, dämmerte mir: „Jetzt sind Herr T. und ich ja alte Leute!“ Und dank Internet haben wir erst noch Möglichkeiten, uns Wissen zu verschaffen, das damals schwer erhältlich war. Wir finden die Säule leicht auf Wikipedia. Dort lernen wir: König Edward I. liess sie im Gedenken an seine Ehefrau Eleanor errichten. Diese starb 1290 mit 49 Jahren. Wobei man sich Edward nicht als gramgebeugten Witwer vorstellen sollte. Eleanor war eine derart skrupellose Geschäftsfrau, dass es sogar ihm  dann und wann unheimlich wurde. Er errichtete die Säule (und einige weitere) wohl eher, weil man eine bedeutende Königin auch angemessen würdigen muss.

Natürlich ist das alles auch ein bisschen Geschichtsklitterung: Die Säule stand früher etwas weiter westlich und sah auch sehr viel weniger gekünstelt aus. Ihre heutige Form fand sie im 19. Jahrhundert, als die Briten fleissig ihr mittelalterliches Erbe kopierten, ausbauten und ausziselierten.

Königin Eleanor (Quelle: Wikipedia)

Dennoch ist das Türmchen bedeutsam. Denn (ich zitiere aus der Wikipedia): „Distanzen zu anderen Orten werden in der Regel von jener Stelle aus vermessen, an der einst das originale Eleonorenkreuz errichtet worden war.“ Auch Behörden sahen es als Mittelpunkt ihres Geltungsbereichs. „So wurde 1828 beschlossen, dass die neu gegründete Metropolitan Police für alle Gebiete zuständig war, die innerhalb eines Radius von zwölf Meilen um Charing Cross liegen. Dieses Gebiet wurde 1839 um weitere drei Meilen ausgedehnt.“ 15 Meilen, Das sind 24 Kilometer. Da bekommt man ja gleich eine Ahnung von der Grösse der Stadt im 19. Jahrhundert. Und was, ja, was war London im 19. Jahrhundert? Genau. Der Nabel der Welt. Die Hauptstadt eines Reiches, in dem die Sonne nie untergeht. Die grösste Stadt der Welt – mit einer Bevölkerung, die im 19. Jahrhundert von 1 Million auf 6,9 Millionen wuchs. Ist dieser Ort demnach auch der damalige Mittelpunkt der Welt? „Oh nein“, sagt Herr T. zu Recht. „Der liegt, wenn überhaupt, im Osten von London, in Greenwich.“

Ohnehin haben die Zeiten sich geändert: „Spätestens seit 1965 ist Charing Cross als Bezugspunkt vollständig ausser Gebrauch geraten“, so Wikipedia. Die Londoner Polizei ist heute einfach für die 32 Stadteile von London zuständig. Eleanors Türmchen hat seine Bedeutung verloren. „Die einzige Ausnahme besteht bei der Taxi-Lizenzprüfung: Angehende Taxifahrer müssen alle Straßen innerhalb eines Radius von sechs Meilen um Charing Cross auswendig lernen.“

Am Tor von London

Die Bahnhofhalle von Charing Cross (Quelle: ianvisits.co.uk)

In der Bahnhofhalle von Charing Cross gibt es irgendwo ein blaues Täfelchen. Ihr wisst schon: ein Schildchen, wie sie an Häusern hängen, in denen früher jemand Bedeutendes gewohnt hat. Auf dem Schildchen steht: „Frau Frogg durchquerte diesen Bahnhof zwischen August 1985 und Juli 1986 ungefähr einmal pro Woche, meistens montags.“ Natürlich ist es ein virtuelles Täfelchen, nur ich kann es sehen. Aber es ist wahr, dass ich hier zu jener Zeit meist am Montag aus einem Zug stieg und die Stadt London betrat – und für mich war das bedeutend. Denn meine damals im Grunde sehr vagen Träume spielten sich alle in London ab – um sie ihrer Verwirklichung näherzubringen, kam ich an meinem freien Tag jeweils nach London. Ich arbeitete in einem Kinderheim südlich von Tunbridge Wells, etwas mehr als eine Zugstunde von London entfernt.

Wahrscheinlich schweben unter der Decke der Bahnhofhalle von Charing Cross Millionen solcher Schildchen. Denn Charing Cross ist ein grosser Pendlerbahnhof, allein im Jahr 2013 benutzten ihn 38,6 Millionen Menschen (sagt Wikipedia). Für Tausende jährlich muss der Gang durch diesen Bahnhof so bedeutend sein oder gewesen sein wie für mich damals – oder bedeutender, denn einige werden ihre Träume tatsächlich in London verwirklicht haben. Man muss sich diesen schwebenden Schildchenwald über den Köpfen der durchmarschierenden Zugpassagiere vorstellen wie die Kulisse eine Harry Potter-Films.

Manchmal kamen wir zu zweit oder zu dritt aus dem Heim im Süden, junge Frauen um die zwanzig, aus Deutschland oder Dänemark. Dann gingen wir zuerst in die Hamburger-Bude auf der Ostseite der Bahnhofhalle. Der Laden gehörte zu einer Kette, ich erinnere mich gut an das rötlichgelbe Logo, das immer etwas fettig aussah. Wir kauften dort je einen billigen Cheeseburger mit Rindfleisch. So bewiesen wir einander, dass wir auf die Essensregeln im Heim pfiffen. Dieses war anthroposophisch, es gab dort wenig Fleisch und wenn, dann Hühnchen. Rinderwahnsinn war ein grosses Thema, aber wir glaubten, das gehe uns nichts an.

Überhaupt kann ich in der Erinnerung schon diese Bahnhofhalle kaum verlassen. Abends standen dort oft zahllose Menschen, mehrheitlich Männer in Anzügen, und blickten mit gefassten Mienen alle in dieselbe Richtung: auf die elektronisch gesteuerten Tafel, auf der alle Züge und ihre Abfahrtszeiten standen. Sie warteten, bis auf dem Schild die Zahl des Gleises erschien, auf dem ihr Zug fuhr. Manchmal dauerte das mehrere Minuten. Dann gingen sie los und stiegen ein. Ich fand das sehr exotisch, denn bei uns steht kaum jemand einfach da und starrt so eine Zugsabfahrtstafel an. Ein paarmal habe ich es damals auch versucht – ich wollte wissen, ob ich so sein könnte wie die Menschen hier. Aber mir fehlte dafür die Disziplin. Ich streifte statt dessen ein bisschen herum und machte einen Rundgang in der Buchhandlung.

Aber wenn ich jetzt wieder hingehe, mit Herrn T. und der Jungmannschaft, dann werden wir nicht zu lange in der Bahnhofhalle verweilen, sondern hinaus auf den Vorplatz gehen. Denn dort steht ein Türmchen, das objektiv betrachtet das Zentrum von London ist oder wenigstens war.