Liebeserklärung ans Urnerland – und ein Kulturschock

Ein Stall in der Gegend oberhalb von Amsteg im Juni 2003, mit Heuheinzen für die Ernte. (Bild: Frau Frogg)

Eine Zugfahrt durch den Kanton Uri hat etwas Mythisches. Hier war Wilhelm Tell, hier sind enge Täler und mächtige Berge und 150 Jahre Ingenieurskunst im Tunnelbau. Der Kanton Uri ist viel mehr als ein eindrücklich bebilderter Transit ins Tessin, wo ich diesmal sowieso nicht hinwollte. Ich strebte nach Andermatt, 1436 Meter über Meer, eine Sommerfrische. Es war der 5. September. Im Unterland erwarteten wir wieder über 30 Grad.

Ried ob Amsteg, 1970, die Lawinenbunker stehen weiter links. (Bild: Carlo Maurer, Staatsarchiv Uri)

Wenn ich durchs Urnerland fahre, sitze ich gerne auf der linken Seite des Zugs. Dann sehe ich südlich von Amsteg einen meiner Lieblingsorte: den Weiler Ried, eine Reihe alter Bauernhäuser hoch über der Reuss. Dazu seltsame Einmannkabinen aus Beton. Es sind Lawinenfluchtnischen, damit die Leute einen Zufluchtsort haben, wenn der Schnee vom Berg herunterdonnert. Herr T. und ich sind hier vorbeigewandert, im «Jahrhundertsommer» 2003, als wir von Flüelen über den Gotthard marschierten. In Ried stehen Häuser und Betonkabinen heute da wie damals. Noch im Februar 2026 war das Strässchen wegen Lawinengefahr gesperrt (Quelle: hier).

So sehe ich den Kanton Uri: ein Land, in dem Menschen den Bergen trotzen. Das ist für mich keine reine Folklore. Das Medienprodukt, bei dem ich 2003 arbeitete, wurde auch in Uri gemacht und gekauft. Ich habe mich beim Schreiben oft gefragt, was Leute lesen wollen, die hier oben eine Existenz stemmen.

Ein Blick auf die Strasse bei Gurtnellen reisst mich aus der Erinnerung. Auf der Autobahn herrscht Stossverkehr Richtung Süden. Auch auf der Hauptstrasse jagt ein Auto das andere talaufwärts. Es sind Reisende, die hoffen, auf der Kantonsstrasse schneller voranzukommen als auf der staugefährdeten A2. Das kann nach hinten losgehen, denn den Leuten hier oben stinkt die Hektik, am 18. Juli hat sich die IG Uri gewehrt. Da überquerten Einheimische in Einerkolonnen gemächlich ihre Fussgängerstreifen wieder und wieder, hin und zurück (srf.ch hat darüber berichtet).

Der ältere Deutsche in meinem Abteil zeigt aus dem Fenster. «Was ist das für ein Kirchlein dort?» fragt er. Sein Sohn antwortet mit verklärtem Blick: «Das ist Wassen. Wir sehen es jetzt schon zum dritten Mal, wegen der Kehrtunnels.» Man kann hier nicht vorbeifahren, ohne das Kirchlein von Wassen zu erwähnen, es ist eine Schweizer Obsession (siehe hier).

Dann Göschenen. Hier schiessen Autos und Züge in die Gotthardtunnels. Ich steige um nach Andermatt und staune, dass ich so viele Mitreisende habe. Andermatt liegt abseits der grossen Verkehrsströme. Dachte ich. Andermatt war 2003 ein Skiferienort im abgeschiedenen Hochtal Ursern. Eine Ahnung von Niedergang lag über dem Dorf. Heute sieht es dort so aus.

Beim Hotel Radisson Blu in Adermatt am 5. September 2026 (im Vordergrund die Konzerthalle) (Bild: Frau Frogg)

Andermatt eine Stadt in den Alpen geworden. Mit Verkehr, Verkehr, Verkehr, zwei riesigen Hotels, fünfstöckigen Chalets, einem Golfplatz und sogar einem Konzertsaal. Ich war geschockt. Was ist hier bloss passiert?

Schweizerhalle: Keine Menschenseele, nirgends

Wer meinen letzten Beitrag gelesen hat, erinnert sich: Am Samstag stand ich an der Rheinstrasse in Pratteln (Baselland) und brauchte ein Mittagessen. Schnell war klar: Das silberne Coop-Gebäude vor mir ist kein Einkaufszentrum. Und das Schoggihüsli an seiner West-Ecke ist zwar ein Laden. Aber ich hätte die Strasse überqueren müssen, um zu sehen, ob er auch Sandwiches hat. Die Strasse war breit, und doch war da kein Fussgängerstreifen, keine Ampel, nichts. Auch kein Verkehr und kein Mensch. Ich hätte hinüberschlendern können. Aber ich konnte mich nicht dazu durchringen.

Es wird schon noch eine Querstrasse nach Pratteln kommen, dachte ich. Ich konnte offensichtlich auch meine Karte nicht mehr richtig lesen. Hier gab es keine Querstrasse nach Pratteln mehr. Hier gab es nur noch Fabrikzufahrten, abgesperrt mit Draht- oder Eisen. Und Kameras. Unter normalen Umständen hätte ich die Industriebauten an der Strasse gebührend bewundert. Aber jetzt nicht. Jetzt wollte ich einfach weiter.

Beim nächsten Blick aufs App war ich in Schweizerhalle, in Muttenz. In jenem Industriegebiet, in dem am 1. November vor 40 Jahren ein Grossbrand eine Fabrikhalle der Chemiefirma Sandoz zerstörte, mitsamt den Fässern, die dort lagen. Muttenz und Basel hatten Sirenenalarm, und es stank. Giftiges Löschwasser floss in den Rhein und tötete die gesamte Aalpopulation bis hinunter nach Mannheim (hier gibt es einen informativen Dokumentarfilm). Da, wo ich war, ist die Erinnerung daran ausgelöscht. Kein Mahnmal, kein Gerüchlein, kein Stäubchen.

Ich kam zu der Stelle, wo ein Weg in einen leeren Park am Rhein hinunter führt. Auch hier dürres Gras und braunes Laub, überall. Nur weiter, dachte ich, dann eben ohne Mittagessen. Ich hatte sowieso keinen Hunger. Nur eine leise Stimme sagte: «Don’t skip any meals.» Ein Grundsatz des Meniére-Régimes, dem ich jahrelang nachgelebt habe: regelmässig essen.

Da stieg eine junge Frau aus dem Fluss wie einst Aphrodite. Sie nahm ihr Frottiertuch mit leichter Hand vom Rasen, als würde sie nicht hören, dass die Gräser vor Durst brüllten. Dann erklärte sie mir den Weg zur nächsten Migros. Ich folgte ihren Anweisungen, überquerte die Strasse nun ungehemmt, kam auf die Rothausstrasse und sah vor mir einen Tunnel gähnen, einen vierspurigen Schlund mit einem Oberkiefer aus Beton.

Verdammt! Ich muss hier das Gleisfeld unterqueren! Das Gleisfeld von Muttenz ist gigantisch. Darf ich als Fussgängerin überhaupt in diesen Tunnel hinein? Werde ich lebendig wieder aus ihm herauskommen? Egal. Ich ging hinein.

Später sagte mir das App, dass ich 34 Gleise und eine Autobahn überquert hatte. Beim Ausgang des Tunnels kam mir ein Mann entgegen. Freund oder Feind? Er sagte nur: «Gehen sie die Strasse ganz hinauf bis zum Kreisel, dort ist die Migros.» Und so war es.

Es war schon nach 13 Uhr, aber es gab noch Sandwiches. Ich hatte die Wahl zwischen Schwöbli mit Schinken oder Laugenbrötli mit Schinken (nur in Basel nennt man eine bestimmte Sorte Brötchen «Schwöbli»). Ich entschied mich für ein Laugenbrötchen, zahlte und suchte einen Platz zum Essen.

Baselbiet: Folgenreicher Sprung aus der S-Bahn

Wiese bei der S-Bahn-Haltestelle Salina Raurica (Kanton Baselland) am Samstag, 22. August 2026

Ich hatte vor, bis Kaiseraugst zu fahren. Dort wollte ich etwas zu essen kaufen, bevor ich auf meinen Spaziergang aufbrach. Mein ungefährer Plan: Vom Flusskraftwerk Augst rheinabwärts Richtung Basel. Doch an der letzten S-Bahn-Station vor Kaiseraugst, Salina Raurica, traf ich eine folgenreiche Entscheidung. Ich stieg spontan aus dem Zug. Ich wollte unbedingt das Bild oben machen.

Die Wiese lag da wie von bleichen Knochen übersät. Kein Quadratzentimeter Grün. Klar, ich hatte gewusst, dass das Baselbiet von der Dürre stark betroffen ist. Dennoch hatte ich das Thema nicht auf der Agenda gehabt. Ich war hergekommen aus Flanierlust, aus Industrieromantik, aus Nostalgie. Beim Flanieren ist Ziellosigkeit eine Tugend (ich habe hier darüber geschrieben). Wir lassen uns von unserer Neugier lenken, vom Zufall und vom Forscherdrang.

Doch der Sprung aus dem Zug in Salina Raurica sollte dazu führen, dass später nicht Neugier und der Zufall mich lenkten. Vielmehr bremste mich eine lähmende Unentschlossenheit. Denn in Salina Raurica gibt es keinen Laden, nicht einmal einen Kiosk.

Nun, einerlei. Irgendwo würde ich schon ein Mittagessen finden.

Auch von hier aus war es nicht weit zum Flusskraftwerk. Hier, glaubte ich, bin ich einmal nachts nach einem Cüpli-Anlass mit einem Schiff durch die Schleuse gefahren. Ich war ein Voralpenkind, trunken von der Nacht und ich kannte Schleusen nur vom Hörensagen. Es war magisch. Gestern sah ich dort endlich wieder mal Wasser in Hülle und Fülle (es wird dort ja auch gestaut).

Blick vom Wasserwerk Augst rheinaufwärts. Links das Gebäude des am selben Ort befindlichen Kraftwerks Wyhlen in Deutschland. (22. August 2026).

Bei der Messstelle Rheinfelden, nahe Kaiseraugst, fliessen im Jahresmittel 1029 Kubikmeter Wasser rheinabwärts. Gestern Morgen waren es zwischen 700 und 800 Kubikmeter. Das ist relativ wenig, aber es könnte schlimmer sein. In den letzten Tagen hat es weiter oben kräftig geregnet, die Pegelstände haben sich etwas normalisiert, (auch an der Reuss, die den Rhein speist).

Ich gehe kurz über die Brücke nach Deutschland, dann auf der Schweizer Seite flussabwärts, auf einem lieblichen, aber schmalen Wanderweg. Am Ufer stehen Fischerhäuschen, behängt mit viereckigen Netzen. Doch bald wird mir der Weg zu schmal. Auch brauche ich jetzt dann mal mein Mittagessen. Ich steige hinauf zum Ufersträsschen.

In der Ferne sehe ich bald eine Gebäude aufsteigen wie eine silbern schimmernde Zitadelle. Es trägt oben ein oranges Coop-Logo. Wahrscheinlich ein Produktionszentrum des Grossverteilers, aber, wer weiss, vielleicht gibt es dort ja auch ein Einkaufszentrum. Ich habe auf der Westseite des Gebäudes auf Google Maps auch ein Schoggihüsli verzeichnet gesehen, einen kleinen Laden. Mal schauen, ob sie dort auch Sandwiches für hungrige Flaneusen haben.

Schweizerdeutsch 72: Fliegen oder nicht fliegen?

Wenn du fendsch, dass es grondsätzlech alli so söttid mache,
de mach’s eso.

Standarddeutsch heisst das: «Wenn du findest, dass alle es grundsätzlich so machen sollten, dann mach es so.» Das kommt dem vom deutschen Philosophen Immanuel Kant formulierten kategorischen Imperativ nahe: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.» Mit diesem Beispiel will ich zeigen, dass wir auf Schweizerdeutsch auch komplexe Zusammenhänge diskutieren können. Was, so sagt man mir, bei den Dialekten Deutschlands nicht der Fall sei. 

Gestern Abend zum Beispiel sassen wir zu viert zusammen und diskutierten über das Fliegen. Es ist mal wieder Rekordsommer. Unsere Flüsse trocknen grossflächig aus, Fische sterben zu Hunderttausenden. Keine von uns reist mehr per Flugzeug in die Ferien. «Aber dass man nicht fliegen sollte, ist den Leuten nicht beizubringen», warf L. ein. «Die stehen in hellen Scharen auf dem Flughafen und sagen: ‹Warum soll ich verzichten, wenn andere auch nicht tun?›»

Klar, dass ich sofort die passende Antwort für die Scharen am Flughafen parat hatte, siehe oben. Wenn niemand mehr im Flugzeug verreist, stossen wir als Weltbevölkerung mit einem relativ kleinen Verzicht merklich weniger CO2 aus. Deshalb sollten wir alle nach Möglichkeit aufs Fliegen verzichten.  Simpel.

Ich warf gleichzeitig das grosse Aber in die Runde. Reisen kann unsere Haltung zur Welt verändern, kann unseren Horizont enorm erweitern, uns zu mitfühlenderen Menschen machen. Das habe ich selbst in jungen Jahren erlebt. Und dass jede und jeder von uns einen weiten Horizont haben und mitfühlend sein sollte, finde ich ebenso wichtig wie unseren Beitrag zur Zukunft des Planeten. Wohlüberlegte Ausnahmen sollten also möglich sein.

 

Abschiedsszenen in Orselina

Das letzte Abendmahl in der Kirche Madonna del Sasso, 2012 als Panorama fotografiert vom Herrn T. Damals war der Tisch noch leer.

Ich könnte noch viel erzählen über unsere vergangenen Ferien. Aber ich will das jetzt zu Ende bringen, mit einer Flaniergeschichte. Am letzten Morgen brach ich auf, um im Lebensmittelladen da Inka, im oberen Teil von Orselina, ein paar tessintypische Mitbringsel einzukaufen. Orselina ist ein guter Ort zum Flanieren, einer, an dem verschiedene Orte sich quasi überlagern. Wer Orselina sieht, denkt Fremdenverkehr: Pilgerort, Kurort, heute Feriendorf; dazu Millionärshügel und Agglogemeinde von Locarno – und vielleicht auch einmal einfach Dorf gewesen.

Diskutierende Jünger Jesu, unten in der Bildmitte eine Banane.

Ich machte einen Umweg hinunter zur Madonna del Sasso. Dort blieb ich – wie schon oft – bei der Nische hängen, wo die 13 Herren im Bild ganz oben seit dem 17. Jahrhundert «ihre finale Konferenz» abhalten, wie Herr T. es hier formuliert hat. Die Terrakottafiguren sind lebensgross und gestikulieren, als seien sie mitten im Reden erstarrt. Ich studiere sie stets vergnügt, diese Herren. Diesmal fiel mir ein neues Kuriosum auf: Der Tisch ist nun gedeckt, wenn auch frugal. Einige der Männer haben eine Banane vor sich. Gab es Bananen im biblischen Jerusalem?

Danach unterquere ich die Standseilbahn, ein ratterndes und knarzendes, 100 Jahre altes Verkehrsmittel für Touristinnen, Pilger und Leute, die Freude an diesen alten Fahrzeugen haben. Dahinter finde ich das Treppchen, das ich suche, eines von vielen, die kreuz und quer das Dorf verbinden. Vorbei an der stillen Villa Orselina, einem kleinen Nobelhotel, das (wieder einmal) geschlossen ist. Die Umbrüche der letzten Jahre sind auch an diesem Ort nicht spurlos vorbeigegangen.

Von dort hinein in die Via Caselle, eine Wohnstrasse. Neuere Wohnbunker säumen das Strässchen. Ferienwohnungen? Zweitwohnungen? Schwer zu sagen, aber wahrscheinlich teuer. Hier ist Leben, Bauhandwerker steigen gerade in einen Kleinlaster. Links lässig abgestellt ein schwarzer Fiat 500 mit Tessiner Kennzeichen und dem Logo eines Treuhänders. Man sieht diese Kleinwagen hier oft, sie eignen sich gut, um durch die Strässchen an den Hängen zu pfurren. Rechts vor dem Haus ein Blickfang: ein kanariengelbes Cabriolet mit Zürcher Nummer.

Blick von Ai Mött hinunter zum mondänen Bootshafen von Locarno.

Mir folgen zwei blonde Frauen in Beige und Weiss mit insgesamt vier Hündchen. Spitz, Spaniel oder Chihuahua? Ich weiss es nicht mehr. Ich steige links das Treppchen hoch, das Ai Mött heisst, unverkennbar Tessiner Dialekt, aber ich kann nicht eruieren, was es heisst. Dennoch: Hier ist einer meiner Lieblingsorte. Neben einem Bach und unter Walnussbäumen steht eine verwitterte Bank, auf die ich mich gerne setze. Ich wähne mich dann an einem Ort, den die Geschichte vergessen hat, im alten Orselina, falls es das je gegeben hat. Die Häuser, die etwas weiter oben stehen, sehen jedenfalls wie alte Tessiner Häuser aus, zweistöckige, schmale Bauten, sorgfältig saniert. Die Männer, die in den Gärten werken, könnten Deutschschweizer Gymnasiallehrer sein.

Das „alte“ Orselina (um 1953). Die Bank, auf der ich sass ist unterhalb der Hauptstrasse in einer Senke. Zuunterst, Mitte rechts, kann man den Weg Ai Mött erkennen. Der Lebensmittelladen ist gleich links von der Kirche, aber heute in einem neueren Gebäude (Quelle: Wikipedia)

Nach wenigen Schritten erreiche ich die Hauptstrasse und somit mein Ziel: den Lebensmittelladen von Inka. Es ist etwa 11 Uhr. Vor dem Lokal, an einem der Stehtischchen, gönnen sich zwei Handwerker eine Pause mit Dosengetränken. Am Nachmittag ist hier jeweils Hochbetrieb, der kleine Laden ersetzt die Dorfbeiz, die es nicht mehr gibt. Kleinlastwagen sind parkiert, wo es gerade geht, an jedem Stehtischchen plaudern und gestikulieren zwei, drei Männer in Handwerkerkluft, mit Feierabendbier oder Red Bull. Ich gehe in den Laden und kaufe Sugo arrabiata und eingelegte Steinpilze für die Nachbarn, die unsere Pflanzen gegossen haben. Wir sind bereit für die Heimreise.

Das Tessin, von der Sonnenstube zum Glutofen

Das Tessin galt einst als Sonnenstube der Schweiz. Aber das war zu einer Zeit, als auf der Alpennordseite die meiste Zeit im Jahr kühl und feucht war. Dieses Jahr jedoch war fast die gesamte Schweiz schon kurz nach Mitte Juni ein Glutofen. Nicht ganz so schlimm wie Paris oder Mannheim, wo die Sonne die 40 Grad-Marke knackte. Aber auch Basel kam auf 39 Grad. Wir waren im Tessin mit «nur» 34 Grad glatt privilegiert. Noch dazu nächtigten wir in einer Ferienwohnung mitten in einem Garten. Während wir schliefen, fächelten uns Palmen kühle Luft zu.

Doch auch wir schwitzten. Ende der ersten Woche hielt Feriennachbar Pesche seine Uhr, die alles messen kann, in den Swimming Pool. «Das Wasser hat 29 Grad!» rief er aus. Bezeichnenderweise lernte ich während dieser Ferien, warum im Tessin gemütliche, in Berghänge gebaute Restaurants oft «Grotto» heissen: weil die Einheimischen dort in höhlenartigen Kellern («grotti») früher Käse, Schinken und Butter kühlten – manchmal bauten sie dann kleine Gaststätten dazu. Auch unser Badezimmer war in den Hang gebaut. Nachts öffneten wir die Tür, dann kam ein kühler Luftzug in unser Schlafzimmer. Wir überlegten, ob wir das Bad nun «Grotto» nennen sollten. Aber das erinnerte zu sehr an Lebensmittel. So sagte ich abends: «Ja, dann mache ich jetzt die Tür zum Permafrost auf.»

Das Wort «Klimawandel» fiel während unserer vielen, heiteren Tafelrunden mit Freunden nicht ein einziger Mal. Es war überflüssig. Wir – mehrheitlich Ü60 – wissen über den Treibhauseffekt Bescheid, seit 40 Jahren, einige von uns waren Klimaaktivisten. Jetzt versuchten wir, düstere Ahnungen mit freundlicher Konversation zu verscheuchen. Wir nahmen leichte Mahlzeiten zu uns, schütteten massvoll Weisswein und reichlich Wasser, mitunter auch Gurkentrunk in uns hinein. Zu den Höhepunkten meiner Ruhetage in Orselina gehörte ein Caffè freddo shakerato in der Panetteria Cecchettin.

Den Regenradar konsultierten wir obsessiv. Geregnet hat es in Orselina genau dreimal. Manchmal erinnerte ich mich wehmütig an einen Junitag hier im Jahre 2016. Es war nicht kalt, aber es schüttete Bindfäden, Leintücher und Wolldecken, Katzen und Hunde. Herr T. hat hier darüber berichtet. «Tja, Sonnenstübchen», lästerten wir damals.

2026 sahen wir zwar öfter Gewitter vorbeiziehen. Einmal ging über einem Dorf in der Magadinoebene – wir sahen es aus der Ferne – ein heftiger Regenschauer nieder. Es sah aus, als hätte jemand eine Dusche angedreht, das Wasser glitzerte silbern, von Süden her schien die Sonne. Bei uns fielen lediglich dreimal eine Zeitlang lang schwere Tropfen. Wolken kamen und sahen regenschwer aus, doch über dem Lago Maggiore lösten sie sich meist auf. «Es versucht verzweifelt zu regnen», kommentierte Herr T. Und Nachbar Pesche sagte: «Ich vertraue dem Regenradar nicht mehr.»

Einmal zeigte Herr T. mir Fotos aus dem Jahr 2016. Auf einem von ihnen rollt der Ticino regengeschwollen, durch die Magadinoebene. Ich wurde traurig, denn 2026 waren die meisten Flüsse träge Rinnsale, manchmal etwas erfrischt von den Gewittern an den Bergkämmen. Als Pesche und Ruth nach zwei Wochen abreisten, hatte das Schwimmbecken 31 Grad.

 

Tessin: Mit Cochlea-Implantat verreisen

Blick von Ronco sopra Ascona nach Brissago. Etwas sorgloser einen strapaziösen Ausflug machen, dabei half das CI.

Viele haben mich gefragt, wie es ist, mit einem Cochlea-Implantat (CI) zu reisen. Nun, die Idee ist, dass man mit CI besser hört. Und ich hörte besser. Das heisst grundsätzlich: mehr Vergnügen an Gesprächen. Dennoch: Ich vernachlässigte das Hörtraining, das man mir aufgetragen hatte. Es war mir zu anstrengend. Natürlich stellte ich mir im Vorfeld auch ein paar bange Fragen, zum Beispiel: Kann man mit CI einen Sonnenhut tragen? Ich meine: Das E-Ohr ist nur mit einem Magneten und einem seidendünnen Plastikfaden an den Kopf geheftet. Und es liegt bei den meisten Hüten etwa auf der Höhe des Schweissbandes. Würde eine Kopfbedeckung es nicht ständig abstreifen?

Meine Sorge erwies sich als unbegründet. Der Sonnenhut passte tiptop. Beim Wandern im Wald erwies er sich sogar als besonders praktisch. Denn er verhindert, dass herunterhängendes Laub den Knopf vom Kopf streift. Ich musste mir lediglich beim Abziehen des Hutes den genau richtigen Schwung angewöhnen, damit ich mir nicht gleichzeitig das Gerät vom Kopf riss.

Den grössten Vorteil des E-Ohrs aber entdeckte ich bei Herrn T.s Lieblingstour auf die Brissago-Inseln (über deren Schönheiten ihr bei ihm nachlesen könnt). Sie beinhaltet zwei Busfahrten, einen anderthalbstündige Spaziergang, zwei Schifffahrten und eine Besichtigungstour und dauert mindestens sechs Stunden. Früher ängstigte mich dieser Ausflug, denn solche Strapazen gingen bei Menière-Patientin Frogg meist mit einem spürbaren Hörverlust einher. Aber dieses Jahr war alles anders. «Du wirst sehen, mit dem E-Ohr wirst du endlich wieder stabil gleich hören», hatte die Hörtherapeutin versprochen. Und sie behielt recht. Das E-Ohr läuft einfach weiter, solange der Akku geladen ist.

Einziger Nachteil: Ich hatte wenig Lust auf schwimmen. Es heisst zwar, das E-Ohr sei wasserdicht. Aber ich wollte nichts riskieren. Auch wenn unsere Ferienwohnung sogar einen kleinen Swimming Pool hatte, den wir mit vier Personen teilten. Ich hätte also nicht mal in die Badi nach Locarno gehen müssen, um mich dort von meinen beiden Hörhilfen zu entkabeln (links trage ich Hörgerät) und dann gehörlos und mit angeschlagenem Gleichgewichtssinn über Kies ins Wasser zu tappen. Ich konnte über eine simple Leiter in den Pool gleiten. Dennoch suchte ich das Schwimmbecken seltener auf als Herr T.. Ich fand das aber verkraftbar.

Eine Frage zum Reisen mit E-Ohr blieb bei der Reise ins Tessin unbeantwortet: Wie ist es, wenn man mit Metall im Kopf durch Sicherheitsschleusen muss, zum Beispiel an einem Flughafen? Aber im Moment denke ich noch: Das ist für Fortgeschrittene.

 

Locarno: Die Muskeln ruhen lassen

Heisst: „Für die Bizepse und den Planeten: Bring deine leeren Batterien zur Sammelstelle.“

Wir mussten uns eingestehen, dass es heiss war. Es war 15 Uhr am Tag 3 unserer Ferien, in der dritten Juniwoche. Das Thermometer strebte zielbewusst die 30 Grad-Marke an. Eben waren wir von unserem Spaziergang Richtung Tenero nach Locarno zurückgekehrt. Nun mussten wir mehr als eine Stunde warten. Wir waren später noch mit unseren Nachbarn übers Eck verabredet, die zufällig auch gerade hier Ferien machten. Da sagte Herr T.: «Wir gehen jetzt in den Park, setzen uns auf eine Bank und ruhen uns aus.» Beim Eingang zu den Giardini Rusca fotografierte ich das Plakat links. Den gelbgrünen Recycling-Superman gibt es auch in der Deutschschweiz. Aber ich fand das Wort «bicipiti» so reizvoll. Und genau in diesem Moment vollzog sich bei der Reisenden Frogg eine Veränderung, die diesen Ferien eine ganz andere Note gab als unseren früheren.

Auf jeder früheren Reise hätte ich Herrn T. den Schatten alleine aufsuchen lassen. Ich hätte wenigstens noch meine Beinmuskeln und Augen trainiert, indem ich ein Stündchen auf Entdeckungstour durch die Stadt geschlendert wäre. Aber diesmal folgte ich Herrn T. schicksalsergeben zu einem von Bäumen umgebenen Plätzchen mit einem mächtigen Bronzestier in der Mitte. Ich war so erhitzt, dass ich ihn nicht einmal fotografierte. Wir setzten uns auf den letzten verbliebenen Platz – die schattigen Stellen auf den acht Bänken waren mit einer Ausnahme alle besetzt.

Dann trafen wir unsere Nachbarn, fanden ein sympathisches Lokal in der Nähe der Piazza Sant’Antonio (der Grosse) und genehmigten uns einen Apero. Der Abend gehörte zu den vielen Treffen, die diese Ferien ebenfalls ganz anders machten als alle vorhergegangenen. Einige unserer Bekannten und Freunde, viele von ihnen pensioniert, waren auch gerade hier. Herr T., selbst Pensionist, hat einen Freundeskreis aufgebaut, während ich malochte und meine Ohren pflegte. Es war alles sehr entspannt. Man hatte Zeit zum Plaudern, keine himmelsstürmenden Projekte. Auch unsere Nachbarn im Ferienhaus, Ruth und Pesche, erwiesen sich als kontaktfreudig und sehr freundlich. Dank CI blieb ich beim Plaudern auch länger fit.

Für alle, die gespannt auf mehr News über das Reisen mit CI warten: Der nächste Beitrag wird sich damit befassen. Wer eine übersichtlichere Zusammenfassung unserer ersten Woche will, lese hier beim Kulturflaneur nach.

Locarno: Ein paar Minuten Ewigkeit direkt beim Bahnhof

850 Jahre alt und immer noch gwundrig.

Unsere Freundin Severine, Bernerin und somit reformierter Herkunft, kennt sich im Locarnese bestens aus. Doch als ich einmal die Kirche San Vittore erwähnte, sagte sie in ihrer direkten Art: «Mit den Kirchen hier musst du mir nicht kommen! Sie interessieren mich nicht, und für mich ist die katholische Kirche sowieso eine Art Sekte.» Ich verstehe, was sie meint. Trotzdem werden in meinen Feriengeschichten hier einige Kirchen vorkommen. Nicht, weil ich besonders religiös bin. Sondern, weil ich zugänglich bin für die Wirkung kultischer Räume. Und weil einige dieser alten Gemäuer die Geschichte vieler Jahrhunderte konservieren.

Teile der Basilika San Vittore zum Beispiel stehen seit über 900 Jahren. Das reicht für eine Ahnung von Ewigkeit, die ich dort immer wieder gerne für ein paar Minuten wirken lasse. Die Kirche liegt direkt neben Bahnhof Locarno und ist wohltuend kühl und meist leer. Ihr galt einer unserer ersten Besuche im Tessin. Das Gesicht, das auf dem Bild oben so wissbegierig aus den Büschen äugt, ist 850 Jahre alt und am Kapitell einer der Säulen in der Krypta zu sehen. Ich hoffe jedes Mal, wenn ich dort bin, dass es zu sprechen anfängt.

Lebensmittelpreise nach der Teuerung (Foto: Herr T.)

Auch der Turm der Kirche hat eine Eigenheit, die durch die Jahrhunderte zu uns spricht. An der Ostwand ist auf schätzungsweise 15 Metern Höhe eine Steintafel angebracht. In sie ist die Empörung über die Teuerung von 1527 eingemeisselt. Getreide war damals knapp, weil es verheerende Unwetter und Krieg in der Lomardei gegeben hatte, wo das meiste Korn herkam. Ich kann nur raten, aber ich vermute, «FURM» heisst Weizen, «SICALE» Roggen und «MILO» Hirse. Angegeben sind wohl Pfundpreise, «COST LIBRE», ich weiss aber nicht in welcher Währung. Meine Quelle* erklärt die seltsame Platzierung der Tafel: Wegen dieser wirtschaftlichen Schwierigkeiten musste man den Bau des Turms damals auf der Höhe der Inschrift unterbrechen. Er wurde erst 1932 fertiggestellt, 400 Jahre später.

Bevor uns die Tafel die aktuelle Weltlage in Erinnerung rufen konnte, gingen wir von dort die üblichen, wenigen Schritte bis zum Seeufer und genossen einen Spaziergang Richtung Tenero. Herr T. hat bereits 2016 über diese Route geschrieben (hier).

  • Quelle: Eva Meret Neuenschwander und Jürg Schneider: „Tessin und Lago Maggiore; Handbuch für individuelles Entdecken“ ; Bielefeld, Reise Know-how Verlag Peter Rump, 4. Auflage, 2014

Tessin: Ankommen in Orselina

Madonna del Sasso, das Wahrzeichen von Orselina (rechts unten der Lago Maggiore und Locarno). (Quelle: froggfoto).

Weil ich mein E-Ohr erst seit drei Wochen hatte, verbrachten wir die Ferien dieses Jahr in der Schweiz. Im Falle eines Falles wollte ich schnell zu Hause sein. Deshalb hatte Herr T. uns eine kleine Ferienwohnung in Orselina gemietet, seiner Wunschdestination.

Ich war zuerst nicht so enthusiastisch. Wir sind ja schon so viele Male in Orselina gewesen! Doch als wir in der S-Bahn durch die Magadinoebene Richtung Locarno tuckerten, sagte Herr T. plötzlich gut gelaunt: «So, gleich halten wir beim Töneli.» Er meinte die S-Bahn-Station St. Antonino, die wir stets liebevoll «s’Töneli» nennen. Vom Zug aus sieht man dort zwar nichts als einstöckige Agglo-Gewerbegebäude, ausgestiegen sind wir noch nie. Und doch machte mich auf einmal die Vorfreude ganz flattrig. Ich konnte es kaum erwarten, wieder durch die alt bekannten Gässchen des Tessins zu streifen.

So war diese Reise keine Forschungsexpedition wie unsere letzte in die Westschweiz. Wir suchten diesmal das Vertraute. Oft waren wir wie Kinder, die immer wieder dieselben Märchen hören wollen. Und zwar genau gleich erzählt. Und nach meinem letzten Beitrag habe ich es mir noch einmal recht überlegt: Ich werde euch jetzt einige dieser Märchen auch erzählen.

Ja, und dann trafen wir in Locarno ein und stiegen in einen Bus Nummer 4 des hiesigen Verkehrsunternehmens Fart. Wieder einmal erzählte ich Herrn T. staunend, dass sogar ich die Fart-Pläne nach Orselina mit dem SBB-App endlich verstehe (früher hielt Herr T. sie im Bus als kleine Papierstösse auf den Knien und doch gingen unsere Busreisen öfter schief). Wir fuhren hinauf zum malerischen Dorf Brione sopra Minusio, wo das Fahrzeug die Nummer wechselt und zu einer 3 wird und dann: Orselina! Links im alten Dorfzentrum der Lebensmittelladen: «Schau, Inka hat sich halten können¨!» rief ich glücklich. Noch zwei Stationen, und schon sassen wir an einem gedeckten Tisch im Ristorante Stella.