Schweizerdeutsch 63: Die Neugier der Nachbarschaft

Gwonder (N)

Standarddeutsch: Neugier

Nach meinem letzten Beitrag habe ich mich gefragt, warum ich als Kind Fensterläden («Schalusiie») nie mit Eifersucht in Verbindung gebracht habe. Mir wurde klar, dass für uns beim Schalusiienschliessen stets etwas ganz anderes im Vordergrund stand, und zwar der Schutz vor «Gwonder» (für Fortgeschrittene: Es wird mit einem kurzen Boot-o ausgesprochen, hier die Erläuterung). Auf keinen Fall sollten neugierige Nachbarn sehen (oder sich gar eine Meinung über das bilden), was sich in unseren Kinder- und Wohnzimmern abspielte. Von den Schlafzimmern ganz zu schweigen. Selbst wer sich noch so untadelig verhielt, wollte nicht in seiner Wohnung beobachtet werden – das Gesehenwerden selbst schien schon irgendwie anrüchig.

Nun ist «Gwonder»  mit «Neugier» nur inadäquat übersetzt. «Gwonder» bezeichnet etwas Übergriffiges, eine Mischung aus Voyeurismus und sozialer Kontrolle, eine Wissbegier ohne Wohlwollen oder Anteilnahme. Etwas, was im Dorf häufiger vorkommt als in der Stadt und oft zu «tommem Gschnorr» führt, zu dummen Klatsch. «Neugierde» dagegen war für mich meist etwas Positives, ein legitimes Bedürfnis nach Weltwissen und Horizonterweiterung, eine unabdingbare Grundeigenschaft für Journalistinnen und Journalisten.

4 Gedanken zu „Schweizerdeutsch 63: Die Neugier der Nachbarschaft“

  1. Ich würde die (positive) journalistische Eigenschaft eher „Wissbegierde“ nennen. Als Kind wurde ich dagegen oft mit „sei nicht so neugierig“ gerügt, wobei wohl eher „gwundrig“ gemeint war.

    Folgende Redewendung, die ich im Internet fand, finde ich irgendwie lustig: „Der Gwunger sticht se“. Sagt man das bei euch?

    1. Danke, rabi! Das Wort Wissbegier ist wahrscheinlich tatsächlich so besser gesetzt. Sehr hilfreicher Kommentar!

      „Do hed mi de Gwonder gschtoche“, ja das könnte man in meinem Dialekt sagen. Zum Beispiel, wenn du etwas Irreguläres hinter einem Baum siehst. Dabei handelt es sich um einem Baum, der dich eigentlich nichts angeht, das ist in der Redensart bereits angelegt. Der Stich des Gwunders durchdringt deine Gleichgültigkeit oder überwindet deine anständige Zurückhaltung. Du gehst also hinter den Baum nachschauen, was dort ist. Die Redensart funktioniert aber nur, wenn du dort etwas findest, was deine irreguläre Handlung im nachhinein rechtfertigt.

  2. Ich kenne hier aus dem Alemannischen das Wort „wunderfitzig“. Am Anfang wusste ich überhaupt nicht, was es bedeutet. Im Schwäbischen gibts das Wort nicht. Das heißt wohl auch neugierig.

    1. 🙂 Ja, das kennen wir auch! Aber eher als liebevolle Zurechtweisung einer allzu neugierigen Person: „Du besch e Gwunderfitz!“

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