Standarddeutsch: „Ein Dunkler“, eine Personenbeschreibung. In meiner Familie verwies sie immer auf die Haarfarbe einer Person, denn praktisch alle Menschen, die wir kannten, waren ohnehin weiss. In jungen Jahren war ich selbst mit meinen dunklen Haaren trotz Schneewittchenteint „e Tonkli“. Man konnte das auch auf der Strasse sagen, es wurde verstanden.
Aber die Welt verändert sich und mit ihr die Sprache. Vor wenigen Jahren hatte ich einen Kollegen, nennen wir ihn Riza. Er hat dunkle Hautfarbe und ist fast immer liebenswürdig und humorvoll. Damals ass ich an an guten Tagen noch in der Cafeteria mit den Kollegen, Riza war jeweils auch am Tisch. Ich wollte einer neuen Kollegin erklären, wie unser Kollege Albin aussah, ein immer seltener auf der Redaktion auftauchender Kollege mit langen Haaren und bleichem Gesicht. „E Tonkle“, sagte ich.
Riza war gerade in einer anderen Konversation beschäftigt, aber nun schoss er herum und starrte mich ungläubig an: „Was sagst Du da?! E Tonkle?!“ Er teilte mir unmissverständlich mit, dass das eine abwertende Bezeichnung für Schwarze sei.
Nun hätte ich in Protesthaltung verfallen können, weil Riza mich vor versammelten Kollegen zurechtgewiesen hatte – obwohl ich nicht die geringste Absicht gehabt hatte, etwas Böses zu sagen. Ich könnte wehklagen, weil ein mir vertrautes Wort nun nicht mehr verwendbar ist. Ich könnte quängeln und darauf beharren, das Wort immer noch im alten Sinn zu verwenden. Aber, hey, es sind junge Menschen herangewachsen in diesem Land, ihnen gehört die Zukunft (worum ich sie nicht nur beneide), und einige von ihnen sind Schwarz. Würde ich ihnen Steine in den Weg legen, dann wäre ich eine wehleidige, grauhaarige, alte Schachtel: „E Graui“ vielleicht sogar: „e Gröiel“ – ein Gräuel.
Ich komme gerade von einem Geburtstagscüpli mit meiner Freundin Paulina. Wir erörtern Donald Trump’s Zollschock. 39 Prozent! „Gestern habe ich mit meinem Bruder telefoniert“, berichtet sie. „Er arbeitet in einem kleinen Unternehmen draussen in Hügelingen. Sie setzen dort künstliche Schultergelenke zusammen. Das ist High-Tech! Feinstmechanik! Die Teile kommen aus Asien und von Hügelingen gehen sie weiter ins Ausland. Mein Bruder ist jetzt seit einem Jahr dort, und er sagt, er lerne immer noch jeden Tag etwas Neues. Und weisst Du was? Die machen diese Dinger vorwiegend für den amerikanischen Markt! Er sagt, sie hätten keine Ahnung, was jetzt passiert!“
Googelt man das Unternehmen, findet man ein Bild mit etwa 70 Mitarbeitenden. Alle haben dieses hoch motivierte KMU-Lächeln, nur mir schwellen beim Betrachten die Zornesadern an der Schläfe. Ich meine: Es kann passieren, dass Leute aus strukturellen Gründen ihre Jobs verlieren. Es gibt Wirtschaftskrisen und Pandemien und schöpferische Zerstörung. Aber wenn diese 70 Leute ihre Übergwändli wegen der Willkür eines ahnungslosen Despoten in Washington an den Nagel hängen müssen, dann ist das einfach nur Verschwendung von Know-how, Kompetenz und Lebensperspektiven. Und es sind ja nicht nur diese 70 Leute. Schon im Februar waren in meinem Wohnkanton wegen dieser bescheuerten Zoll-Unsicherheit 61 Unternehmen in Kurzarbeit. Das heisst: Sie erhielten Geld vom Staat, damit sie auch mit leeren Auftragsbüchern ihre qualifizierten Leute halten konnten.
Wer übersichtliche Zahlen über die Schweizer Exportwirtschaft mit den USA will, ist zum Beispiel hier gut bedient!
Und falls jetzt jemand von mir erwartet, dass ich Mitleidstränen vergiesse, weil die die Amerikaner*innen offenbar ihre künstlichen Schultergelenke nicht selbst zusammenbauen können: Go f*ck yourself!
In der Nacht auf den 1. August traf uns der Zollhammer aus den USA: 39 Prozent „Strafzölle“ für die Schweiz. Danach war Nationalfeiertag. Bei Bratwurst und Kartoffelsalat lästerten wir über Donald Trump. Aber in unserer Sprache gibt es kein adäquates Schimpfwort für einen Autokraten wie den amtierenden US-Präsidenten. Alle unsere Schimpfwörter sind auch ein bisschen niedlich, und das geht in diesem Fall gar nicht. Auch haben wir in unserer Sprache nur wenige Möglichkeiten, Dinge zu sagen wie: „Wir fühlen uns hilflos und gedemütigt.“ Oder: „Wir sind abgrundtief verunsichert.“
Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter (FDP), (Quelle: Wikipedia).
Statt dessen keiften meine politisch interessierten Landsleute einander auf X an, stillos wie üblich: „Frau Keller-Sutter hat schlecht verhandelt!“ „Mitte-links ist schuld!“ Erstaunlich, dass unsere rechten Ober-Eidgenossen noch nicht herausgefunden haben, wie man die hiesigen Ausländer für das Desaster beschuldigen könnte.
Ja, ich sehe es als Desaster. Zufälligerweise arbeite ich mich gerade durch ein Standardwerk des Postkolonialismus, „Orientalismus“ von Edward Said. Meine Analyse lag deshalb nahe und war genau dieselbe wie diejenige des Polit-Experten Michael Hermann, heute in der „Schweiz am Wochenende“. Er bezeichnet Trump als Kolonialisten und Raubtierkapitalisten und sagt: „Die Schweiz ist aus Sicht Trumps maximal unwichtig.“ Oder, in meinen eigenen Worten: Trump sass so da und dachte, „oh guck mal, ein kleines, reiches, isoliertes Land. Wir können es vögeln, damit angeben und weiterziehen! Ist das nicht geil?!“ Die Menschen, die hier leben – egal. Was unsere Bundespräsidentin sagt oder nicht sagt – egal. Mehrere zehntausend Arbeitsplätze in der Schweiz – egal. Und was es der US-Ökonomie bringen soll, wenn er unsere kaputtmacht, versteht wohl nur er selbst. Ich wiederhole mich ungern, aber ich sage es nochmals: Wir müssen jetzt bei unserer Beziehung zur EU endlich Fortschritte machen.
Ich habe meine Schweizerdeutsch-Lektiönli immer auch mit einem gewissen Selbstbewusstsein geschrieben. Was soll ich jetzt noch sagen, Schweizerdeutsch oder anders? Ich muss erst mal mein zerzaustes Federkleid zurechtschütteln, dann schauen wir weiter.
Herr T. in Hérémance, im Wallis, im Vordergrund links ein traditionelles Haus, im Hintergrund die berühmte Betonkirche (über die er hoffentlich noch schreiben wird).
Mein Mann, den ich hier Herrn T. nenne (er sich selbst: der Kulturflaneur) hat sich zu unserer Tour de Romandie verlauten lassen. Hier der Link. Sein Beitrag ist eine sorgfältig gestaltete, übersichtliche Präsentation unserer Route und unserer wichtigsten Erlebnisse – reich bebildert. Wo ich mich von den einen Dingen mitreissen lasse, dafür andere (auch aus Zeitgründen) einfach weglasse, ist bei ihm Ordnung und Überblick.
Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich an meinen Monsieur dans les pommes de terre denken: Ich nehme wieder mal zuerst die grossen Kartoffeln und lasse auch mal ein paar (für mich) kleine liegen. Das ist nicht nur schlecht – es kann im Büroalltag durchaus sinnvoll sein. Herr T. aber macht das Erlebnis vollständig: Er zeigt mir, wie man alle Kartoffeln aufsammelt, und mit Methode. So, wie wir schreiben, reisen wir auch. Oft habe ich Ziel oder wenigstens eine Obsession, er hat einen Plan und stets die Orientierung. Und wenn es mal umgekehrt ist, lassen wir uns auf das ein, was der andere will. Klar, manchmal streiten wir auch. Aber bis jetzt haben wir uns immer wieder eingekriegt. Es ist wunderbar, mit Herrn T. zu reisen.
Das Schloss von Saint-Maurice, wegen der aktuellen Asterix-Ausstellung auch attraktiv für Familien.
Saint-Maurice ist so weit von der Zentralschweiz weg, dass ich es vor unserer Reise kaum auf der Karte gefunden hätte. Dabei ist das Städtchen von enormer Bedeutung für die Schweiz. Es liegt an der engsten Stelle des Unterwallis. Hier zwängt sich die Rhone zwischen Felsen hindurch. Links und rechts führen Strassen zu den Alpenpässen Simplon und Grosser St. Bernhard, der schon im Altertum Handelsroute war. Wer einst von Rom ins Mittelland oder nach Frankreich wollte, kam hier vorbei. Die Touristin besichtigt hier die Fundamente der Schweiz und fragt sich, ob wir in Zukunft auf sie bauen können.
Die Burg im Bild oben ist das Schaustück der Militäranlagen von Saint-Maurice. Gebaut im Spätmittelalter von den Wallisern, nachdem sie Savoyen 1476 die Nordseite des Grossen St. Bernhard abgenommen hatten. Wichtiger ist das, was man sieht, wenn man hinter der Burg dem Hang entlangspaziert: Täfelchen erinnern dort daran, dass die Schweiz 1815 am Wiener Kongress wegen ihrer Alpenpässe von den europäischen Mächten für neutral erklärt wurde. Die Eidgenossenschaft habe sich fortan als Hüterin ihrer Pässe gesehen und Festungen und vor allem Bunker zu deren Verteidigung gebaut – auch in Saint-Maurice. Wahrscheinlich war die Neutralität einer von mehreren – nicht nur noblen – Gründen, weshalb die Schweiz heil durch die Kriege des 20. Jahrhunderts kam. Heute fragt man sich: Würden uns all diese Anlagen in einem Krieg gegen Putin etwas nützen? Sind unsere Alpenpässe noch bedeutsam? Wie sinnvoll ist die Neutralität noch?
Der heilige Mauritius wurde europaweit verehrt: Hier eine Statue im Dom zu Magdeburg von 1250 (Quelle: Wikipedia).
Und dann kann man im Städtchen einen der Ursprünge des Christentums in Europa besichtigen. Hier wurden der Legende nach im Jahre 290 der römische Legionär Mauritius und seine Truppen zu Märtyrern, weil sie keine christianisierten Gallier töten wollten. Das nach ihm benannte Kloster wurde 515 gegründet und ist eines der ältesten in Europa (siehe hier). Doch war es in den letzten Jahren nicht wegen seiner Altehrwürdigkeit in den Schlagzeilen, sondern weil Männer aus der Abtei Kinder und Jugendliche sexuell missbrauchten (ein Bericht des „Beobachters“ fasst die Situation hier gut zusammen). Man befindet sich hier also einem der Orte, an dem die katholische Kirche gegen den Untergang ringt, den sie sich – ganz ohne äussere Feinde – selbst zu bereiten droht. Wenn es ihr nicht gelingt, die schweren systemischen Störungen zu überwinden, die sexuelle Gewalt in ihren Institutionen fördern, ist sie in ein paar Jahren in Europa bedeutungslos. Was passiert dann in Zeiten kostspieliger Aufrüstung mit den sozialen Institutionen, die die Kirche noch führt? Wird etwas an ihre Stelle treten, was für die Seelen der Menschen so bedeutsam ist wie einst das Christentum? Und wird es etwas besseres sein?
Mein Blick fiel von der Festung auf das Wasser der Rhone. Sie führte überraschend viel Wasser nach zehn Tagen mit rekordverdächtig hohen Temperaturen und wenig Regen. Die Fluten waren weisslichgrün und dickflüssig wie Dispersionsfarbe. Da war wohl viel Schmelzwasser von Gletschern dabei. Hier im Wallis gibt es zahlreiche Gletscher, und sie schwinden. Wie wird es hier sein, wenn sie alle weg sind?
Wir schreiben den 22. Juni, in der Nacht zuvor hat Donald Trump Bomben auf Iran geworfen. In Sion sind wieder über 30 Grad angekündigt. Herrn T. will an den Lac de Derborence, 1451 Meter über Meer, dort ist es kühler. Aber Achtung: „Das gilt als die gefährlichste Postautostrecke der Schweiz“, sagt er. „Ok“, sage ich und so steigen wir in den gelben Bus, der zunächst über grüne Hänge den Bergen entgegenkurvt. Wenn der Chauffeur das Posthorn erklingen lässt, rennen Kinder herbei und winken. Hinter dem Fahrer sitzen vier Typen, so übermütig, als hätten sie schon am frühen Morgen dem Fendant zugesprochen.
Nach Aven wird die Strasse einspurig, nur da und dort eine Ausweichstelle. Dann eine enge Kurve und nun fahren wir auf einem schmalen Sims über der Schlucht. „Nur neun Chauffeure haben überhaupt die Erlaubnisse, diese Strecke zu fahren“, sagt Herr T. Er sitzt am Fenster und knipst, später zeigt er mir die Bilder, man sieht nur Sitzpolster und senkrecht abfallende Felsen. Ich schaue lieber nach vorn. Der Chauffeur lässt das Horn jetzt vor jeder Kurve erklingen, es kommen keine Kinder mehr. Auch kaum Gegenverkehr, zum Glück.
Vor einer Linkskurve hält der Fahrer an, ziemlich lange. Ich sehe ihn im Spiegel, ein behäbiger, junger Mann mit pechschwarzem Haar. Er kratzt sich am Unterkiefer. Ein Anzeichen von Nervosität? Es ist mäuschenstill im Bus, auch die Fendant-Männer schweigen. Ein Töffli kommt aus der Kurve, zieht vorbei. Der Fahrer wartet weiter. Herr T. bekommt irgendwie mit, dass hinter der Kurve ein Tunnel ist, vielleicht steht auf der anderen Seite eine Ampel und er muss abwarten, bis der Gegenverkehr vorbei ist. Oder so.
Vielleicht funktioniert ja etwas nicht.
Ich habe der Postauto AG immer vertraut, ein Bundesbetrieb, verlässlich und integer (also, abgesehen von diesem seltsamen Finanzskandal, aber das beeinträchtigt die Fahrgastsicherheit ja nicht, oder?), die Busse erschliessen noch das fernste Alpental, das ist politisch gewollt und sinnvoll. Aber den Amerikanern haben wir auch vertraut und schaut her, was passiert ist! Kann man überhaupt noch jemandem vertrauen?
Wir warten. Über den News-Bildschirm vorne flimmert wieder und wieder die Nachricht, dass im nahen Conthey eine invasive Ameisenart in sechs Häuser gedrungen ist. Die Insekten würden in riesigen Staaten leben. „Es waren so viele, man konnte vor lauter Ameisen den Fussboden nicht mehr sehen“, soll die Bewohnerin eines betroffenen Hauses gesagt haben.
Endlich fährt der Chauffeur hinein in den Tunnel, bewegt den Bus Zentimeter um Zentimeter vorwärts, er passt genau ins Gewölbe, ein ungenaues Manöver und das Dach sieht aus wie nach einem Eiertütschen. Das Posthorn erklingt so oft, ich kann es schon gar nicht mehr hören.
Als das Postauto das Ende der Schlucht und auf flacheres Terrain erreicht hat, klatschen die Leute im Bus. Wie in einem Flugzeug, das vom Piloten bei ruppigem Wetter heil auf die Piste gesetzt wurde. Ich bin nicht sicher, ob das mein Vertrauen in die Welt wieder herstellt. Aber ich habe Hochachtung vor Buschauffeuren, die Verantwortung für so viele Leute auf sich nehmen.
Wir steigen aus, gehen über den Parkplatz und dann zeigt Herr T. auf ein Auto und sagt: „Schau, ein Niederländer!“ Wir lachen beide, denn so ist es immer auf diesen teuflischen Bergstrecken: Zuoberst auf dem Parkplatz steht ein Auto mit NL-Kennzeichen, das Fahrzeug eines Flachländers, der bewiesen hat, dass er hier hochkommt.
Und dann kommen wir zum See, und ich muss zugeben, es ist ganz wunderprächtig dort oben. Man kann für Stunden alles vergessen.
Eigentlich habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich hier erzähle, wie ich es mir im Lavaux gutgehen liess. Andere schwimmen gegen die Widrigkeiten des Alltags an, während ich bis zum Kinn in die erfrischende Bläue des Genfersees eintauche! Ich sollte schweigen und geniessen. Doch ich habe das dringende Bedürfnis, über das Lavaux und das Unterwallis zu schreiben. Warum nur?
Klar, zuerst kommt die Frage, warum ich überhaupt reise. Auf sie habe ich während der Pandemie glücklicherweise eine befriedigende Antwort gefunden, bei Fernando Pessoa (hier der Link). Es geht mir beim Reisen ums Verstehenwollen. Bei der Reise in die Westschweiz konkret: Wer sind unsere compatriot·e·s dort? Wie leben wir mit ihnen? Oder wenigstens: Was haben sie für eine Geschichte?
Aber warum schreibe ich das alles auch noch wie eine Verrückte auf? Ich ging gestern so durch unser Grossraumbüro, während ich über diese Frage sinnierte, unter meinen Füssen der anthrazitgraue Teppich, der die ganze Fläche bedeckt. Ich könnte ebensogut die Geschichte dieser seltsam borstigen Kunststoffasern erforschen und teilen, denke ich. Pessoa würde das gut finden, „denn ist die Befreiung nicht in mir, erlange ich sie nirgendwo“. Bestimmt würde das Wissen über die Herkunft, die Hersteller*innen dieses Teppichs meinen Horizont unendlich erweitern, und – sorgfältig aufbereitet – vielleicht auch den meiner Leserschaft. Und doch finde ich im Moment das Lavaux und das Unterwallis so viel beschreibenswerter.
Am Abend sah ich den Anfang einer Sommerserie am Schweizer Fernsehen: Die Italien-Korrespondentin Simona Caminada erkundet mit zwei Fernwanderprofis den Sentiero Italia. Die Reise beginnt im italienischen Teil von Savoyen, deshalb musste ich das sehen. Aber Caminada fragt ihre zwei Mitwanderer auch, warum sie das Unterwegssein zu Fuss zu ihrer Berufung gemacht haben. Und einer sagt: „Ich wandere, weil ich damit der Erde Respekt bezeuge. Aus der Erde kommt alles, was wir sind.“ Herr T. fand diese Antwort „zu esoterisch“. Aber für mich ist es eine stilvolle Art, das zu sagen, was ich weiss, wenn ich mich da draussen zu Fuss vorwärtsbewege: dass das Unterwegssein meine Seele in einen Gleichklang mit meinen Füssen und der Welt bringt – und dass mir das mehr gibt als nur die Kraft, drei Wochen später wieder über den Büroteppich zu schreiten. Dass es über mich selbst hinausgeht. Und was für das Wandern gilt, gilt in einem gewissen Sinne auch für Reisen im Zug und für das Erforschen von Städten und alten Burgen.
Wenn ich das Glück über diese Verbundenheit von einem Hügel herunter wortlos in alle vier Winde werfen könnte, würde ich es tun. Aber das geht ja nicht. Das Internet scheint mir daher der zweitbeste Ort, es auszustreuen. Wenn diese Berichte zu oft klingen wie PR-Artikel oder trockene Faktensammlungen, dann liegt es einfach nur daran, dass es Dinge gibt, die ich nicht vermitteln oder nicht artikulieren kann.
Das klassische Lavaux-Bild – zwischen Chexbres und Vevey.
Wer mit der Eisenbahn über Fribourg Richtung Genfersee fährt, sollte auf der linken Seite sitzen. Denn wenn der Zug aus dem Tunnel südwestlich von Palézieux hinauszieht, erblickt man links ein weiten, sanft abfallenden Hang, über und über bedeckt mit Weinreben, bis hinab zum See – und auf der anderen Seite die französischen Alpen. Das ist das Lavaux. Herr T. sagte: „Es heisst, wenn die Deutschschweizer das sehen, schmeissen sie ihr Retourbillet weg!“
Um ehrlich zu sein: Wir hätten es uns nicht leisten können, unser Rückfahrticket wegzuschmeissen. Hotelzimmer sind hier knapp und teuer. Aber wir leisteten uns den Luxus dreier Hotelnächte im „Préalpina“ in Chexbres. Der Blick vom Frühstückssaal auf den See ist betörend.
Als wir in Chexbres aus dem Zug stiegen, wehte mir der säuerlich-schweflige Duft des nahen Rebberges entgegen. Man könnte vielleicht fragen, ob es der Geruch der Gifte ist, mit dem sie hier ihre Kulturen vor Schädlingen schützen, wie überall sonst auch. Aber ich hatte keine Zeit dafür. Ich wollte einfach dasitzen und auf die fast unwirkliche Bläue des Sees schauen, auf das smaragdgrüne Laub der Weinstöcke. Auf die Strässchen und Dörfchen, die aussehen, als wäre die Zeit hier Mitte des letzten Jahrhunderts stehengeblieben.
Das sieht nicht nur so aus. Es ist tatsächlich so. Die Waadtländer Stimmbevölkerung hat diese Landschaft mitsamt der alten Weinbaukultur 1977 per Volksabstimmung vor dem Bauhunger der Immobilienwirtschaft geschützt. Und diesen Schutz über die Jahre weitgehend bestätigt, trotz immer wieder neuen Anläufen, Teile des Gebietes zur Überbauung freizugeben. Heute ist das Lavaux mitsamt seiner Weinbaukultur Unesco-Weltkulturerbe. Dass wir es so lieben, ist auch ein bisschen helvetischem Narzissmus zuzuschreiben.
Aber, ehrlich: Wie wir im Café de la Poste in Chexbres sassen, Chasselas tranken und über das Land blickten, wird für immer zu meinen glücklichsten Erinnerungen an diesen Sommer zählen. Und auch, wie wir am zweiten Tag unten am See einen kleinen Kiesstrand fanden und uns in diesen atemberaubend blauen, kühlen See gleiten liessen.
Herr T. wollte den Canal d’Entreroches sehen, einen kuriosen, von Niederländern gebauten Verkehrsweg aus dem 17. Jahrhundert. So nahmen wir in Yverdon eine S-Bahn und stiegen nach einer Viertelstunde an der einsamen Haltestelle Bavois aus. Dort war einmal der Wasserweg, er ist verschwunden. Jetzt sind dort Wiesen und Felder, meist Futtermais, dazwischen dann und wann eine Reihe Pappeln, ein Kartoffelacker.
Als ich erste Kartoffelblüten sah, wurde ich von einer Flut von Erinnerungen überwältigt. In einer ähnlichen Ebene in der Westschweiz kauerte ich vor mehr als 40 Jahren in einem solchen Acker. Der Monsieur rügte mich, weil ich die Kartoffeln nicht der Reihe nach geerntet hatte, sondern die grössten zuerst (und dabei ein paar kleinere hatte liegen lassen). Ich hatte wieder den Dialekt des Monsieurs im Ohr, der zweitletzte Silben nahezu synkopisch betont und verlängert. Er hätte zum Beispiel „Baavois“ gesagt, und nicht Bavois.
Ich war im Landdienst. In der Generation meiner Eltern war es noch üblich, dass Jugendliche ein Jahr lang „is Wäutsche“ geschickt wurden – also ins Welschland (so nannte man damals die Suisse romande. Heute sagt man das nicht mehr, es gilt als pejorativ). Man arbeitete als Erntehilfe oder als Au pair. Um Französisch zu lernen, etwas zu leisten und – beaufsichtigt durch verantwortungsbewusste Monsieurs und Madames – erste Erfahrungen im Leben ausserhalb des Elternhauses zu sammeln. Mein Vater organisierte einen solchen Aufenthalt für mich. Er dauerte nur fünf Wochen, die Sommerferien mussten reichen. So kam ich, wahrscheinlich 1982, in die Rhoneebene, in ein Dorf in der Nähe von Aigle.
Ich arbeitete nicht nur „dans les pommes de terre“, sondern auch „dans les betteraves“ (in den Zuckerrüben) und vor allem „dans le tabac“ (bei der Tabakernte). Tabak wächst in der Schweiz nur in tiefen Lagen, wo es warm genug ist. Im Juli erntet man die untersten Blätter, die dann schon gelblich sind. Das war Handarbeit. Heisst: Man kriecht mit krummem Rücken den Tabakreihen entlang. Ich war stolz, dass ich das konnte, ich liebte die Hitze, das Rascheln der Tabakblätter zwischen meinen Händen und sogar die Schmerzen im Kreuz, wenn ich mich nach zwei Stunden wieder aufrichten wollte. Habe ich Französisch gelernt? Oh ja. Gewiss habe ich den Monsieur oft mit meiner Fragerei genervt. Zu gerne hätte ich gewusst, wie und wo genau der Tabak in die Zigaretten kam, die er reichlich rauchte.
Das Hafengebäude des Canal d‘ Entreroches. Als Soundtrack zur Kanal-Erforschung würde sich der Titel „In the Dutch Mountains“ von The Nits eignen. Rechts der Lindenbaum. Bild: kulturflaneur.ch.
Als Herr T. und ich beim Hafengebäude des Kanals anlangten, war ich ganz bei der Landwirtschaft. Das Haus steht am Fuss einer Hügelkette. Nur Umrisse im Gras hinter dem Haus lassen erkennen, dass hier einmal ein Hafenbecken war. Ich interessierte mich mehr für die mächtige Linde an der Zufahrt. Sie blühte. Neben ihr stand ein kleiner Kran mit einem angehängten Personenkorb, der zwischen ein die Äste des Baumes gezwängt war. Man konnte niemanden sehen, aber Herr T. sagte, er höre zwei Personen darin reden. Wahrscheinlich ernteten sie „les fleurs de tilleul“.
Zur Mittagszeit erreichten wir Yverdon am Westende des Neuenburgersees. Wir deponierten unsere Reisetaschen im Hotel und machten uns auf, das Schloss zu besichtigen. Herr T. war zwar stets bemüht, meine Mittelalter-Obsession ein wenig zu dämpfen. Aber ein angekündigtes Gewitter schickte dicke Wolken voraus. Das machte es mir leichter, ihn von der Notwendigkeit dieses Schlossbesuchs zu überzeugen. Giftige Windstösse und erste Regentropfen trieben uns hinein in die geschlossenen Räume.
Die Burg von Yverdon (Quelle: schweizerschloesser.ch)
Schloss Yverdon ist mit seinem typischen, viereckigen Grundriss und seinen runden Türmen ein perfektes Denkmal für die savoyische Ära in diesem Teil der Schweiz. Yverdon ging 1258 an die Savoyer und lag am nördlichsten Zipfel ihres Territoriums. Es musste befestigt werden. So wurde die Burg zwischen 1260 und 1270 vom Jacques de Saint-Georges erbaut. Ihn würde man heute einen Star-Architekten nennen, er arbeitete auch am Schloss Chillon am Genfersee mit, entwarf mehrere Burgen in Wales und bekam 1290 von Edward I. einen Prestigeposten auf Schloss Harlech in Nordwales.
Kleiderspange aus dem 1. Jahrhundert nach Christus (Quelle: https://collection.musee-yverdon-region.ch).
Wir betrachteten kurz den Innenhof und stromerten dann durch die verschiedenen Ausstellungen im Museum. Sie sind der Geschichte des Städtchens gewidmet. Dieses lag lange Jahrhunderte an der Kreuzung zweier wichtiger Verkehrswege: jenem zwischen Gallien und Italien und jenem zwischen Rhein und Rhône. So gibt es dort wunderschöne Artefakte aus der Römerzeit. Da wird die Fröschin aus der Zentralschweiz wieder einmal daran erinnert, dass eben nicht nur der Gotthard ein wichtiger Pass ist oder war. Sondern auch der Grosse St. Bernhard, der die Westschweiz und das Aostatal verbindet und schon viel länger verkehrstauglich ist als der Gotthard. Wir waren so gefesselt, dass wir kaum bemerkten, wie heftig es draussen stürmte.
Erst, als wir nach draussen traten, sahen wir rotweisse Absperrungsbänder vor der Nordfassade des Schlosses. Jemand hatte sie aufgezogen, während wir im Museum waren. Die Museumsleitung hatte verhindern wollen, dass abgerissene Äste und Ziegel Passanten trafen. Tatsächlich sahen wir zerbrochene Terracotta-Teile auf dem Pflaster. Ich spielte mit dem Gedanken, dass es Ziegel gewesen sein könnten, die seit dem Mittelalter das Schloss bedeckt hatten.